Die Weberei, sie höret nimmermehr auf

Endlich in der Gesamtausgabe erschienen: Max Webers letzte Fassung der „Protestantischen Ethik“ und seine Texte als Hochschulpolitiker und Wissenschaftsorganisator, dazu ein Sammelband von Essays zu Max Weber von M. Rainer Lepsius

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für die laufende Berichterstattung an dieser Stelle über die Max Weber-Gesamtausgabe (MWG) kann die Publikation von zwei weiteren Bänden annonciert werden: zum einen die jahrzehntelang erwartete, letzte Fassung der Schriften über „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von 1920, zum anderen der ebenso lang erwartete Band mit Texten, die die hochschulpolitischen und wissenschaftsorganisatorischen Aktivitäten Max Webers im Zeitraum 1895 bis 1920 dokumentieren. Zudem wird ein Sammelband angezeigt von Essays zu Weber-Themen aus der Feder des vor zwei Jahren verstorbenen Heidelberger Soziologen und Mitherausgebers der MWG M. Rainer Lepsius.

Die PE und die lange Vorgeschichte ihrer Edition

Sowohl in meiner Rezension eines Sammelbandes des Neuzeithistorikers Hartmut Lehmann als auch in meiner Rezension zu Band I/9 der MWG, in der die frühen Fassungen dieser Texte über die Kulturbedeutung des Protestantismus aus den Jahren 1904/05 enthalten sind, bin  ich ausführlich auf jene vielfältigen Probleme und hohen Erwartungen eingegangen, die gerade mit diesem Band I/18 verbunden sind. Sie seien daher an dieser Stelle nur sehr kursorisch in Erinnerung gerufen.

Im sechsten Prospekt der MWG stand für die Bände I/9 (Asketischer Protestantismus und Kapitalismus. Schriften und Reden 1904-1911) und I/18 (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus / Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus. Schriften 1904-1920) noch der Name des emeritierten Göttinger Historikers Hartmut Lehmann als verantwortlicher Herausgeber. Der nunmehr erschienene Band wird von dem emeritierten Heidelberger Soziologen Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Theologin und Musikwissenschaftlerin Ursula Bube herausgegeben. Wie bereits mehrfach an dieser Stelle ausgeführt, spielten beachtliche Machtkämpfe hinter den Kulissen der MWG entscheidende Rollen bei diesem Wechsel der Editoren. Dass die Herausgabe der diversen Texte Webers zum Thema Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (PE) aus dem Zeitraum 1904/06 bis 1920 zu den bedeutendsten Aufgaben im Rahmen der MWG gehört, wird kaum zu bestreiten sein. Und so fiel es dem interessierten Publikum auf, dass im Jahr 2004 – in dem sich das Ersterscheinen dieser famosen Texte zum 100. Mal jährte – keiner der seit 1974 angekündigten beiden Bände im Rahmen der MWG erschienen war.

Die einigermaßen kurvenreiche Entwicklung seit den frühen 1980er Jahren sei kursorisch skizziert: Zu Beginn des Unternehmens war der Tübinger Soziologe Walter M. Sprondel für eben die Aufgabe der Herausgeberschaft seitens der damaligen Hauptherausgeber designiert worden; qualifiziert hatte sich Sprondel für diese Aufgabe durch seine jahrelangen Weber-Forschungen und die Mitherausgabe des einschlägigen Bandes zu Studien zur Protestantismus-Kapitalismus-These Max Webers im Suhrkamp-Verlag aus dem Jahr 1973. Sprondel und sein Tübinger Soziologie-Kollege und Mitherausgeber Constans Seyfarth – beide ehemalige Wissenschaftliche Mitarbeiter von Johannes F. Winckelmann in München – fielen bei den Hauptherausgebern Horst Baier und Wolfgang J. Mommsen wegen angeblich mangelnder historischer Qualifikation in Ungnade. Die Winckelmann-Schüler wurden ausgeladen, an ihrer Stelle bekam ein Studienfreund Mommsens aus dem Schülerkreis von Theodor Schieder, Hartmut Lehmann, die Aufgabe der Edition der PE übertragen. Dieser Spezialist für historische Pietismus-Forschung wurde zum Herausgeber der beiden Bände ernannt; sein für die Edition zuständiger Mitarbeiter während der Jahre 1993 bis 2004 war der Kieler Historiker Michael Matthiesen, der im Rahmen des Göttinger Max Planck Instituts für Geschichte an der Edition der PE arbeitete. Ermöglicht wurde das Vorhaben durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die bis zum heutigen Tag den Löwenanteil der Finanzierung der Editionsarbeiten an der MWG getragen hat. Das nur sehr allmähliche Vorankommen bei der Bearbeitung der PE wurde ab 1996 überschattet durch die anhaltenden Querelen um das zukünftige Schicksal des Max Planck Instituts für Geschichte. Das ehemalige Kaiser-Wilhelm-Institut für deutsche Geschichte war 1956 vor allem durch die Initiative des Historikers Hermann Heimpel wiederbegründet worden. Es war dem Präsidium der Max Planck-Gesellschaft klar, dass mit der bevorstehenden Emeritierung beider Direktoren – Otto Gerhard Oexle (Mittelalter) und Hartmut Lehmann (Neuzeit), die beide zufälligerweise 2004 gleichzeitig in den Ruhestand gingen – eine Grundsatzentscheidung über das weitere Schicksal dieses Instituts anstand. Am Ende wurde das MPI für Geschichte 2006 geschlossen und im Jahr 2007 ein MPI zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften ins Leben gerufen, das aktuell von den beiden Sozialwissenschaftlern Steven Vertovec und Peter van der Veer geleitet wird. Nicht nur die historische Grundlagenforschung in der Geschichtswissenschaft hatte mit dieser Entscheidung des Präsidiums der MPG ihr renommiertes Göttinger Haus verloren, auch die Editionsarbeit an der PE fand damit ein Ende; zudem hatten die Herausgeber der MWG den designierten Herausgeber Lehmann bereits im Jahr 2005 von dieser Aufgabe entbunden. Die gesammelten Materialien, an denen seit Beginn der 1990er Jahre gearbeitet worden war, wurden in die Münchner Redaktion der MWG transportiert, wo sie seitdem der Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zur Verfügung standen. Im Vorwort des nun endlich vorliegenden Bandes findet diese komplizierte Entwicklung folgende lakonische Erwähnung: „Michael Matthiesen stellte Materialien bereit.“

Ein Herausgeber verewigt seine sehr persönliche Interpretation

Wie schon im Vorgängerband I/9 nutzt der nunmehrige Herausgeber Schluchter die 59 Seiten seiner „Einleitung“ erneut dazu, seine sehr persönliche Interpretation der PE zu verewigen. Nach knappen biographischen Einordnungen und einer Skizze der thematischen Entwicklung der Auseinandersetzung mit dem „asketischen Protestantismus“ bis zu den Studien über die „Wirtschaftsethik der Weltreligionen“ eröffnet der Soziologe einen Reigen proseminarartiger Referate über die versammelten Texte Max Webers („Vorbemerkung“ wie „Einleitung“, wobei er sogar über den Band selbst hinausgeht, wenn er etwa die „Zwischenbetrachtung“, die sich im Band über die chinesischen Religionssysteme befindet, behandelt). Auffallend ist, wie durchgängig Schluchter auf seine eigenen beiden Bände „Religion und Lebensführung“ (1988) verweist, die ihm als Folie seiner Interpretation dienen; die Nachweise auf Schluchter im Personenregister verzeichnen ebenso viel Stellen wie auf Ernst Troeltsch. Ohne an dieser Stelle detailliert auf die Schluchtersche Lesart einzugehen, sei wenigstens deren mehrfach ausgeführter Kerngedanken zitiert: „Er [Max Weber] stellte einen kausalen Zusammenhang zwischen dem asketischen Protestantismus und dem Geist des modernen Kapitalismus her. Die innerweltliche Berufsaskese der Anhänger der verschiedenen Strömungen des asketischen Protestantismus galt ihm als mit ursächlich für die Entstehung der modernen Berufskultur.“

Als jemand, der sein gesamtes Lehren über Leben, Werk und Wirkung von Max Weber dafür eingesetzt hat, den simplen Kurzschluss einer kausalen Verknüpfung von Protestantismus und Kapitalismus als unzulässige Reduktion der Weberschen Argumentation zu kritisieren, kann dieser Rezensent nur festhalten, dass er einigermaßen entsetzt darüber ist, dass eben diese Interpretation in der MWG mit diesem Band nun kanonisiert wird. Es ist genau dieser Kurzschluss, den Max Weber selbst in seinen diversen schriftlichen Reaktionen auf die ersten Fassungen seiner Texte aus den Jahren 1904/05 scharf kritisierte und als grobe Verzeichnung seines Arguments eingestuft hat. Es ist zwar – bedauerlicherweise – korrekt, dass er selbst an einigen Stellen von einem „Kausalverhältnis“ spricht, aber wenn man alle Stellen zusammenstellt, in denen er darüber schreibt, kann doch nicht übersehen werden, dass es ihm leidenschaftlich darum zu tun war, einen zweiseitigen Wirkungszusammenhang zwischen bestimmten Formen des Protestantismus und dem modernen, rationalen (Betriebs-)Kapitalismus idealtypisch zu konstruieren. Das zentrale Zitat Webers dazu lautet:

Denn obwohl der moderne Mensch im ganzen selbst beim besten Willen nicht imstande zu sein pflegt, sich die Bedeutung, welche religiöse Bewußtseinsinhalte für die Lebensführung, die Kultur und die Volkscharaktere gehabt haben, so groß vorzustellen, wie sie tatsächlich gewesen ist, – so kann es dennoch natürlich nicht die Absicht sein, an Stelle einer einseitig ‚materialistischen‘ eine ebenso einseitig spiritualistische kausale Kultur- und Geschichtsdeutung zu setzen. Beide sind gleich möglich, aber mit beiden ist, wenn sie nicht Vorarbeit, sondern Abschluß der Untersuchung zu sein beanspruchen, der historischen Wahrheit gleich wenig gedient.

Da diese kompliziertere Argumentation Max Webers schon zu seinen Lebzeiten durch seine zeitgenössischen Kritiker nicht verstanden wurde, wehrte Weber sich selbst in scharfer Form gegen jedwede unsinnige Verkürzung seines Gedankens auf eine Kausalbeziehung zwischen Protestantismus und Kapitalismus:

Ich lehne also die Verantwortung für die Mißverständnisse, welche m.E. der vorstehenden „Kritik“ [des Historikers Karl Heinrich Fischer] zugrunde liegen, ab, werde aber bei der aus verlagstechnischen Gründen doch nicht länger zu umgehenden Separatausgabe der Aufsätze nochmals versuchen, jede Wendung, die im Sinn einer von mir nie behaupteten Ableitung von Wirtschaftsformen aus religiösen Motiven auch nur verstanden werden könnte, zu beseitigen und womöglich noch deutlicher zu machen, daß es der Geist „methodischer“ Lebensführung ist, welcher aus der „Askese“ in ihrer protestantischen Umbildung „abgeleitet“ werden sollte, und welcher zu den Wirtschaftsformen nur in einem allerdings kulturgeschichtlich m.E. sehr wichtigen „Adäquanz“-Verhältnis steht.

Dieser Gedanke, der an manchen Stellen von Weber als „Adäquanz“-Verhältnis, an anderen Stellen als „Kongruenz“ von Protestantismus und modernem Kapitalismus bezeichnet wird und für den er selbst sehr viel nachdrücklicher die Idee von „Wahlverwandtschaftsverhältnissen“ vertritt, wird nun durch Schluchter auf ein simples Kausalverhältnis reduziert. Diese Interpretation sei ihm vergönnt, dass sie aber nun für alle Ewigkeit in der kodifizierten Fassung dieses Textes von Weber ihren Platz gefunden hat, halte ich persönlich für fragwürdig.

Mit Blick auf die legendäre „Vorbemerkung“ mit ihrem zu Tod zitierten ersten Satz („Universalgeschichtliche Probleme wird der Sohn der modernen europäischen Kulturwelt unvermeidlicher- und berechtigterweise unter der Fragestellung behandeln: welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, daß gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wenigstens wir uns gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?“) konstruiert der Herausgeber Schluchter eine recht originelle Differenz zwischen einem „normativen“ und einem „heuristischen Kulturzentrismus“. Er tut das, um Weber vermeintlich von dem – mehr als berechtigten – Vorwurf zu befreien, gerade in diesem Text einer eurozentristischen Vorurteilsgeladenheit das Wort geredet zu haben. Schluchter betont, dass es eine Differenz zwischen der „universellen Bedeutung“ von Kulturerscheinungen und deren „universeller Gültigkeit“ gebe: „So ist bis heute der Kapitalismus eine Kulturerscheinung von universeller Bedeutung, ohne dass man ihn deshalb auch als gültig einschätzen muss.“ Richtig ist zweifellos, was der Herausgeber abschließend konstatiert, dass Weber mit diesem Text einen Weg weisen wollte, um zur Selbstreflexion der modernen okzidentalen Kulturwelt zu gelangen. Geleugnet dabei darf jedoch nicht werden, dass Weber diese Selbstreflexion aus der unangefochtenen Perspektive eines Überlegenheitsgefühls des Okzidents gegenüber allen anderen Kulturkreisen anstellte, das sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht länger aufrechterhalten lässt. Die im Zuge der aktuellen nationalen und internationalen Diskussionen und Forschungen über eine Weltgeschichte („Global History“) hinreichend fundierten Ansatzpunkte, die eben jene Fixierung auf eine allein okzidentale Rationalität zu überwinden helfen, der auch Max Weber – wenn auch innerlich zweifelnd – zum Opfer fiel, helfen uns Nachgeborenen, eine derartige okzidentialistische Sichtweise erfolgreich zu vermeiden. Dass eine apologetische und mittlerweile vollkommen überholte Interpretation dieser Fragen nun Bestandteil einer historisch-kritischen Weber-Edition wurde, ist ein beklagenswerter Umstand.

Die Chance für eine historisch-kritische Edition des „heiligen Textes“ wurde nicht genutzt

Insgesamt lässt sich nicht sehr viel mehr über die editorische Leistung auch bei diesem Band sagen, als das, was schon bei Band I/9 sowohl positiv als auch kritisch angemerkt worden ist. In gewisser Weise konsequent blieben die Herausgeber auch bei Band I/18 im Wesentlichen bei ihrem früheren Vorgehen bei Band I/9, was dazu führt, dass für diese Rezension auf die vorangegangene Beurteilung verwiesen werden kann, um Redundanz zu vermeiden. Allenfalls minimale Ergänzungen zu den Kommentierungen von Band I/9 lassen sich finden, so etwa der ja nicht unbedeutende Hinweis auf den bemerkenswerten Fund des Passauer Historikers Hans-Christof Kraus, der endlich die Quelle des legendären Satzes von den „Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz“ im Lehrbuch von Gustav Schmoller lokalisiert hatte; bemerkenswert dabei ist, dass zwar der einschlägige Artikel von Kraus in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aus dem Jahr 2016 erwähnt wird – ohne darauf hinzuweisen, dass es sich um dessen Entdeckung handelt – nicht aber dessen sehr viel ausführlicherer Beitrag dazu im Jahrbuch „Politisches Denken“ aus dem Jahr 2015.

Abgesehen von solch minimalen Aktualisierungen, die ja nicht einmal auf die eigenen Recherchearbeiten verweisen, werden die hohen Erwartungen einer konsequent kritischen Historisierung der PE auch durch den hier anzuzeigenden Band nicht wirklich eingelöst. Misst man das nun vorgelegte Endprodukt an den berechtigten Erwartungen, die an einen Band in einer historisch-kritischen Gesamtausgabe seit Jahrzehnten gerichtet werden müssen, so fällt die Beurteilung bedauerlicherweise erneut eher kritisch aus. Zwar wird auf viele der inzwischen sattsam bekannten Monita zu Webers Texten eingegangen, sie werden jedoch allenfalls erwähnt, um Weber letzten Endes apologetisch zu stützen. Unverändert ist zu bedauern, dass es offensichtlich nicht gelang, ein ganzes Team von Spezialisten zur Geschichte der Reformation, der Sekten und Glaubensgemeinschaften, zu Luther, Calvin, Franklin, Richard Baxter, etc. etc. zusammenzustellen, so dass die jeweils einschlägigen Passagen tatsächlich historisch-kritisch bearbeitet worden wären.

Um zu verdeutlichen, worin meine Unzufriedenheit auch mit diesem Band besteht, und um nicht erneut das bereits früher benutzte Beispiel der vermutlich strategischen (Fehl-)Interpretation Max Webers der argumentativ so entscheidenden Zitate von Benjamin Franklin heranzuziehen, seien zwei andere Bereiche genannt. Bekanntlich stützte sich Max Weber bei seiner Interpretation von Martin Luther, dem er ein ganzes Kapitel mit überdimensioniert vielen Fußnoten widmete („Luthers Berufskonzeption. Aufgabe der Untersuchung.“), vor allem auf seine eigene Bibel- und Luther-Lektüre. Zur Stützung seiner laienhaften Lesart zog er zeitgenössische Darstellungen, bzw. mündliche Mitteilungen von Kollegen heran, so die von Gottfried Baist, Wilhelm Braune, Adolf Deißmann, Heinrich Denifle, Karl Eger, Johannes Hoops, Christoph Ernst Luthardt, Adalbert Merx und Frank G. Ward. Einen ganz besonders hervorgehobenen Stellenwert besaßen für Webers Luther-Verständnis die Arbeiten des Berner Theologen Matthias Schneckenburger. Ähnliches gilt für seine argumentativ noch bedeutsamere Interpretation der sogenannten „Prädestinationslehre“ von Calvin, bei der sich Weber auf die zeitgenössischen Darstellungen von Johann Conrad Füßli, Franz Wilhelm Kampschulte, Gottlob von Polenz, Felix Rachfahl, Friedrich Ulrich und ganz besonders auf Max Scheibe stützt.

Die Herausgeber des Bandes erwähnen zwar die meisten dieser Quellen Max Webers, äußern sich jedoch in keiner Weise dazu, wie wissenschaftlich vertrauenswürdig aus heutiger und auch aus damaliger Sicht diese Grundlagen der Weberschen Darstellung sind. Der Leser muss sich auch hier ein eigenes Urteil erarbeiten, um beurteilen zu können, ob Webers Verständnis von Luther und Calvin – und der vielen anderen Autoren, die er als Stationen für seine eigene Erzählung bemüht – schon aus damaliger Sicht oder aus heutiger Sicht einigermaßen zutreffend ist oder nicht. Misst man also das Endergebnis der langen Editionsgeschichte an den Erwartungen, die dieselben Herausgeber dem Vorläuferband selbst mitgaben – als sie schrieben: „Dann erst [beim Vorlegen von Band I/18] ergibt sich in Bezug auf die Protestantismusstudien das vollständige Bild“ – so bleibt insgesamt bedauernd festzuhalten, dass das „vollständige Bild“ einer tatsächlich historisch-kritischen Edition dieser so bedeutsamen Schriften Max Webers auf der Grundlage unseres heutigen Wissens noch immer aussteht.

Und noch eine weitere Problematik sei wenigstens angedeutet, die mit der nun vorgelegten Fassung ganz eindeutig nicht konstruktiv genutzt worden ist. Richtig ist, dass Max Weber – im Gestus des rechthabenden Allwissenden – behauptet, er habe allenfalls geringfügige und inhaltlich unbedeutende Änderungen der früheren Fassung von 1904/05 gegenüber der Fassung von 1919/20 vornehmen müssen. Wer jedoch genau hinsieht, kann erkennen, dass ihm nicht zuletzt seine eigene Begrifflichkeit, die er in den dazwischen liegenden Jahren erarbeitet hat – und die sich vor allem in den „Soziologischen Grundbegriffen“ niederschlägt (MWG I/23) – für die Überarbeitung seines alten Textes überaus nützlich gewesen war. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: In der ersten Fassung über „Die religiösen Grundlagen der innerweltlichen Askese“ schreibt er über die Calvinisten und deren Heilsnotwendigkeit der Zugehörigkeit zur „wahren Kirche“, dass diese alle auf innerlich „individualistischen Motiven“ beruhe; in der späteren Fassung kann er diese wichtige Fußnote ergänzen, indem er einfügt, dass diese auf „zweck- oder wertrationalen Motiven“ beruhe. Interessanterweise fehlt der Hinweis auf das für Weber so wichtige Konzept der „Wertrationalität“ sogar im Sachregister des hier anzuzeigenden Bandes.

Der engagierte Hochschullehrer und Wissenschaftspolitiker

Im Januarheft des Jahres 2007 der Zeitschrift „AkademieAktuell“ der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erschien ein Beitrag von Heide-Marie Lauterer, damalige Mitarbeiterin der Heidelberger Arbeitsstelle der MWG unter der Überschrift „Für die Freiheit der Wissenschaft“. Darin wurde von ihr ausführlich über Band I/13 der MWG berichtet, in dem Diskussionsbeiträge, Leserbriefe, Rezensionen, akademische Gutachten, Fakultätsprotokolle, Satzungsentwürfe, der Vorbericht über die Presse-Enquête im Rahmen der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, sowie Zeitungsberichte über Reden Max Webers auf Tagungen verschiedener Vereinigungen für den Zeitraum 1895 bis 1920 versammelt seien. Unschwer konnte der arglose Leser des Heftes den Eindruck gewinnen, dass der auf sechs reichhaltig bebilderten Druckseiten annoncierte Band bereits erschienen sei. Tatsache jedoch ist, dass der Band erst soeben – zehn Jahre später – im Druck erscheint. Wenn der nunmehr hauptverantwortliche Herausgeber, Wolfgang Schluchter, in seinem „Vorwort“ notiert, dass die Edition gerade dieses Bandes „unter keinem guten Stern“ gestanden habe, so dürfte das allenfalls als euphemistische Formulierung durchgehen.

Anfangs war die Edition dieses Bandes dem Konstanzer Soziologen und Mediziner Horst Baier, Mitglied des Herausgebergremiums – unter dessen Namen bis zum heutigen Tag kein einziger Band erschienen ist – zugeordnet, wurde dann später der Heidelberger Arbeitsstelle zugeteilt unter der Betreuung von M. Rainer Lepsius. Dieser galt nicht nur als Weber-Forscher – vor allem zuständig für die eher persönlichen Texte, wie insbesondere die Briefe Max Webers – sondern zugleich auch als jemand, der sich für die institutionelle Geschichte der Soziologie brennend interessierte, wie das von ihm 1981 herausgegebene Sonderheft der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“ über „Soziologie in Deutschland und Österreich 1918-1945“ gezeigt hatte. – In eigener Sache sei wenigstens angemerkt, dass der Rezensent auf Einladung des Herausgebers Lepsius darin einen Aufsatz zum Thema „Der Streit um die Bestimmung der Soziologie auf den deutschen Soziologentagen 1910 bis 1930“ beigetragen hatte, der im vorliegenden Band keine Erwähnung findet, obwohl das nicht völlig unangebracht gewesen, geht es doch gerade bei den Texten, die sich mit der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, an deren erster Gründungsphase Max Weber einen erheblichen Anteil hatte, genau um diese Auseinandersetzungen. Vorausgegangen war eine ausführliche Korrespondenz mit Lepsius in den Jahren 1975-77 zur Frage, ob nicht ich die Betreuung des geplanten Bandes mit den „verbandspolitischen Diskussions- und Debattenreden Max Webers“ im Rahmen der MWG übertragen bekommen sollte; dass daraus nicht wurde, zeigt die nicht unkomplizierte anschließende Geschichte der Bearbeitung gerade dieses Bandes.

Nach den jeweils abgebrochenen Bemühungen von Ingrid Gilcher-Holtey und Sybille Oswald machte sich ab dem Jahr 2001 die Heidelberger Historikerin Heide-Marie Lauterer an die systematische Arbeit. Lauterer war 1994 mit einer Arbeit über die Aktivitäten deutscher Diakonissinnen während der Zeit des NS in Heidelberg promoviert worden und befand sich nach einem durch Professoren-Querelen gescheiterten Habilitationsverfahren zur Geschichte der deutschen Parlamentarierinnen auf Stellensuche. Durch die Vermittlung von Birgid Rudhard stellte Lepsius sie für diesen Band ein. Weitgehend alleingelassen bei dieser Arbeit – wie so viele der Bearbeiter der Bände der MWG, deren wissenschaftliche Leistung dann in der Endfassung als „in Zusammenarbeit“ überschrieben wird, sollten sie das Erscheinen „ihres“ Bandes überhaupt erlebt haben – bemühte Lauterer sich um die quellenkritische Kontextualisierung der überaus unterschiedlichen Texte, die ihr in zwei unsortierten Aktenordnern übergeben worden waren. Gänzlich ohne Computer-Einsatz leistete sie Beachtliches, wovon der jetzt erschienene Band hinreichend Zeugnis ablegt: Sie hat nicht nur die Arbeit an diesem Band „begonnen“, wie es in der Einleitung heißt, sondern vor allem von ihr stammen die allermeisten der überaus informativen Hinweise in den Fußnoten; ihre Recherchen dauerten bis zum Jahr 2009 und waren unterbrochen durch eine schwere Erkrankung Lauterers, worauf der Herausgeber hinweist. Wer die beeindruckende Qualität der Kommentierungen – und der darin steckenden Recherche – nachvollziehen möchte, gehe exemplarisch die ausführlichen und informativen Anmerkungen bei der „Disposition für die Bearbeitung einer soziologischen Untersuchung des Zeitungswesens“ aus dem Jahr 1909 durch, für die sogar Sekundärliteratur bis zum Jahr 2002 aufgenommen und ausgewertet wurde. Für die Schlussphase der Edition, an der Lepsius nicht mehr mitwirkte (er starb am 2. Oktober 2014), übernahmen Wolfgang Schluchter als Herausgeber diese Edition, zusammen mit Anne Munding als Bearbeiterin der zusammengestellten Texte. Die Generalredakteurin Edith Hanke legte bei der Endfassung ihre bewährte Hand an diesen insgesamt sehr sperrigen Band. Dessen Anordnung der so sehr unterschiedlichen Texte hätte auch ganz anders aussehen können: So stellt sich durchaus die Frage, ob es nicht sehr viel benutzerfreundlicher gewesen wäre, jeweils alle Texte im Zusammenhang von Webers Engagement im Verein für Socialpolitik, auf den Deutschen Hochschullehrertagen und bei der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zusammenzustellen, unabhängig von der Chronologie ihrer Entstehung.

Was enthält dieser Band nun? Das Inhaltsverzeichnis mit seinen 19 Seiten (!) macht die Heterogenität der hier zusammengestellten und kommentierten Texte deutlich, die insgesamt das Wirken des Forschers, Lehrers, Hochschulpolitikers, Forschungspolitikers, Wissenschaftsorganisators und Gutachters Max Weber dokumentieren: Es beginnt mit einer knappen Skizze der volkswirtschaftlichen Fächer an der Universität Heidelberg aus der Feder Max Webers, die in einem Stadtführer „Heidelberg und Umgebung“ aus dem Jahr 1897 aufgenommen wurde, und der Band endet mit den vier Fassungen der Statuten der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in den Jahren 1909 bis 1910. Auf den fast 900 Seiten findet der Leser alle jene Texte versammelt, die Weber ab seiner Professur in Freiburg bis zu der in München aus den unterschiedlichsten Anlässen verfasste. Trotz der Vielfalt der Textsorten (Gutachten, Diskussionsbeiträge, Leserbriefe [„Zuschriften“, viele davon anonym], Projektentwürfe, Anträge, Tischreden, Geschäftsberichte, Reden, Promotionsgutachten, Habilitationsgutachten) entsteht doch ein überaus kohärentes Bild vor allem von der Person des Verfassers aller dieser Texte: Max Weber war Zeit seines Lebens ein „Schlagetot“, wie ich ihn in meiner Biographie – in Anlehnung an eine Formulierung von Heinrich von Treitschke – genannt habe. Dieser notorische Streithammel suchte und nutzte jede Gelegenheit zum Austragen von Kontroversen. Wenn die Einleitung meint, dass Weber immer wieder „in akademische Affären verstrickt“ gewesen war, so unterschlägt sie dabei, dass er die meisten davon selbst inszeniert hat und eher andere darin „verstrickt“ hat.

Seine „Schneidigkeit“ auf dem Paukboden der Heidelberger Burschenschaft Allemannia, sein Auftreten bei der Präsentation der Ergebnisse der Landarbeiter-Enquêten beim Verein für Socialpolitik und beim Evangelisch-Sozialen Kongress, seine Freiburger Antrittsvorlesung und seine unbändige Freude über die entsetzte Reaktion auf „die Brutalität“ seiner Ansichten, seine scharfen Attacken auf das „System Althoff“, seine polemischen Auftritte beim Parteitag der Christlich-Sozialen Partei und dem National-Sozialen Verein, der heftige Zusammenstoß mit seinem Vater, seine scharfen „Kritiken“ und „Anti-Kritiken“ im Nachgang zu seinen Schriften über die Kulturbedeutung des Protestantismus, seine Rundum-Attacken bei den Debatten zum Thema „Werturteilsfreiheit“ und nicht zuletzt seine ständigen Streitereien mit Kollegen, die auf seine Einladung hin beim „Grundriss der Sozialökonomik“ mitwirken sollten, legen hinreichend Zeugnis ab von der jähzornigen, besserwisserischen, herrisch-aufbrausenden und zuweilen vernichtenden Manier dieses Mannes. Vereinfacht könnte man sagen, dass der Hitzkopf Max Weber sich in diesen Zusammenhängen als regelrechter Stinkstiefel und Kotzbrocken erwies.

Die Einheit, die gerade dieser Band so überaus erschreckend deutlich dokumentiert, sind also weniger die sehr heterogenen Texte, sondern ist die Person Max Webers. In ihrem heroisierenden „Lebensbild“ stilisierte seine Frau ihn als „Kämpfer“, als der er insbesondere in den Jahren nach 1908 unentwegt das „Streitross“ bestieg, nicht zuletzt – ihrer Meinung nach – ihretwegen. Manche seiner Freunde und sicherlich seine Gegner sahen das sehr anders und charakterisierten ihn als einen „nervösen Stürmer“, der in seiner jähzornigen und eruptiven Art selbst bei kleinsten Angelegenheiten mit aller Kraft glaubte, kämpfen zu müssen und das keineswegs für andere, sondern vor allem für sich selbst. Dabei gab es ganz offensichtlich auch Momente, in denen Weber selbst wahrnahm, dass sein Verhalten häufig vollkommen unangemessen gewesen war, so etwa, wenn er auf der Mannheimer Generalversammlung des Vereins für Socialpolitik bekannte, dass ihm „der Himmel in seinem Zorn […] die Gabe einer gewissen Deutlichkeit, die sich schwer unterdrücken läßt, mit auf den Weg gegeben hat.“ Es ist nachvollziehbar, wenn der Herausgeber der „Hochschul-Nachrichten“, der Kunsthistoriker Paul von Salvisberg, im Oktober 1911 schrieb, dass Weber „wie unter einem akuten Anfall von Psychopathia incriminabilis plötzlich ganz wild zu einem Sturmlauf gegen die preußische Unterrichtsverwaltung“ angesetzt habe.

Es ist anzuerkennen, dass auch der Editor Schluchter am Ende seiner Einleitung leise Zweifel anmeldet, ob Weber bei seinen zahlreichen wissenschafts- und hochschulpolitischen Aktionen – neben seiner unbestrittenen Leidenschaft – immer das „erforderliche Augenmaß“ bewiesen habe. Selbst Schluchter räumt ein, dass bei Weber „mitunter“ die Gefühle obsiegten, seine Stellungnahmen „mitunter auch überzogen“ gewesen waren und dass das Maß an Rücksichtslosigkeit, das er in vielen Situationen an den Tag legte, einen „emotionalen Untergrund“ gehabt haben mag. Aber letzten Endes unterliegt auch Schluchter der heroisierenden Sichtweise auf dieses krankhaft cholerische Verhalten, indem er Weber zum „Einzelkämpfer“ stilisiert, der „auch gegen den Strom“ schwamm, „selbst bei Strafe des Mißerfolgs“. Wer sich die Mühe machen will, die Dokumente, die mit diesem Band wie immer mustergültig gesammelt und kommentiert vorgelegt werden, gründlich zu studieren, kann zu einem sehr viel kritischeren Urteil über den Menschen Weber gelangen. Er schreckte nicht einmal davor zurück, mit unwahren Angaben zu operieren, wie etwa bei seinen heftigen Angriffen auf den bereits verstorbenen Ministerialdirektor Friedrich Althoff, für die er sich dann später auf Erinnerungslücken berufen musste.

Gedankt jedenfalls sollte allen jenen – vielen – Menschen werden, die sich dieses lange Zeit so ungeliebten Bandes hingebungsvoll angenommen haben und die uns teilweise bisher unbekannte Äußerungen Max Webers zum Hochschulwesen und zur Wissenschaftspolitik präsentieren. Wieweit das Interesse an diesem Band über den – immer kleiner werdenden – Kreis der Weber-Forscher hinausreicht, ist schwer zu beurteilen, der stolze Preis des Bandes dürfte jedenfalls nicht dazu führen, dass er demnächst in den Bahnhofsbuchhandlungen ausliegt.

Von den in meiner letzten Rezension zur MWG angemahnten Bänden fehlen nach den beiden soeben erschienenen Bänden dieses nunmehr über vierzig Jahren laufenden Unternehmens immer noch die wissenschaftstheoretisch-methodologischen Schriften (Bände I/7, I/12 und I/13), die beiden Briefbände bis zum Jahr 1894, sowie die Bände III/2 und III/3 der Vorlesungen. Das Ende des „schildkrötenhaften Fortschreitens“ (Jürgen Kaube) der MWG ist jedoch ganz allmählich abzusehen.

Ein Soziologe kreiste lebenslang um Max Weber

Der 1928 in Brasilien geborene Mario Rainer Lepsius – der erste Vorname war die Hommage seiner Eltern an die neue Heimat, die sie aber 1936 schon wieder verließen um über Madrid nach München zurückzugehen, wo Lepsius aufwuchs und studierte – galt als einer der ganz Großen in der Max Weber-Forschung, als ihr „Grandseigneur“. Bis zu seinem Tod im Jahr 2014 war er ohne jeden Zweifel einer der einflussreichsten Soziologen in (West-)Deutschland, auf jeden Fall was seine persönliche Wirkung im organisatorischen Bereich angeht. Während der besonders turbulenten Jahre 1971 bis 1974 fungierte er als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die ihn im Jahr 2000 mit dem Preis für sein hervorragendes wissenschaftliches Lebenswerk ehrte, er war Mitglied mehrerer Akademien der Wissenschaft, Ehrendoktor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und spielte eine maßgebliche Rolle bei der „Abwicklung“ der Institute für Marxismus-Leninismus an den Hochschulen der ehemaligen DDR nach 1990 und der Etablierung einer wissenschaftlichen Soziologie an den Universitäten der „Neuen“ Bundesländer. Dabei muss als sein ganz besonderes Verdienst gewürdigt werden, dass er mit großem Nachdruck auf einer peniblen Einzelfallprüfung bestand und damit eine totale „Kolonisierung“ der ostdeutschen Hochschulen durch westdeutsche Kollegen verhinderte, zumindest für das Fach Soziologie.

Inhaltlich gelang es ihm, sich als namhafter Forscher und Theoretiker der deutschen Gegenwartsgesellschaft zu profilieren, auch wenn das keineswegs durch umfangreiche Bücher belegt war. Er begann, wie die meisten seiner Generation als Industriesoziologe und bewegte sich ganz allgemein im Feld der Sozialstrukturanalyse und Politischen Soziologie, wobei sich seine Interessen immer stärker von Deutschland weg und auf die Europäische Union hin verlagerten. Alle seine Forschungsvorhaben waren geleitet von einer Perspektive, für die er bei Max Weber – mit dessen Person und Werk Lepsius sich sein Forscherleben lang auseinandersetzte – begriffliche und konzeptionelle Anleihen machte.

Nur wer Lepsius bei einem seiner öffentlichen Auftritte – innerwissenschaftlich und noch viel häufiger außerwissenschaftlich – erlebte, spürte die beachtliche persönliche Faszination und Wirkung, die dieser Mann mit dem gepflegt großbürgerlichen Habitus ausstrahlen konnte, vor allem dann, wenn er sich dabei reichlich brummig und missgelaunt gab. Es war sehr glaubwürdig, als er mir einmal im persönlichen Gespräch bekannte, dass er am liebsten Schauspieler geworden wäre und sein Los als Hochschullehrer keineswegs die Erfüllung seiner Wunschträume gewesen war. Die Überschrift des Nachrufs von Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – „Der denkende Bürger“ – traf das Selbstverständnis von Lepsius recht gut, der sich selbst immer viel lieber als „public intellectual“ denn als staatsangestellten Hochschullehrer oder als bücherschreibenden Gelehrten sah.

Das spiegelte sich auch im Schrifttum des Heidelberger Ordinarius wider, das vergleichsweise schmal geblieben ist und vor allem aus Sammlungen von Aufsätzen besteht; bekannt wurden vor allem die Sammlungen Interessen, Ideen und Institutionen (1990) und Demokratie in Deutschland (1993). Nun wird diesen beiden ein weiterer Sammelband zugefügt, der 16 Aufsätze versammelt – drei davon bislang nicht veröffentlicht –, die alle um das Werk und die Person Max Webers kreisen. Damit kommt nun nochmals posthum ein Soziologe in Sachen Max Weber zu Wort, der dem „Weber-Paradigma“ das Wort im Konzert der soziologischen Theorien reden wollte. Doch nicht nur in begrifflicher Hinsicht befasste Lepsius sich intensiv mit Max Weber, auch in institutioneller Hinsicht stand Max Weber im Zentrum seiner diversen Aktivitäten. Lepsius spielte ohne jeden Zweifel seit Beginn der ersten Vorüberlegungen im Jahr 1974 die entscheidende Rolle im Rahmen der Max Weber-Gesamtausgabe. Allenfalls der 2004 verstorbene Historiker Wolfgang J. Mommsen wagte es, dem Großmeister aus Heidelberg entgegenzutreten, wenn auch mit zumeist begrenztem Erfolg. Und auch hier war es keineswegs das publizierte Schrifttum, das Lepsius für diese Rolle im Rahmen der MWG qualifiziert hatte, sondern sehr viel mehr sein Auftreten, das ihn – wie auch seinen jahrzehntelangen Kontrahenten Mommsen – als Mitglied eben genau jenes Bürgertums auswies, dem auch Max Weber selbst entstammte: urban geprägt, hochgebildet, eloquent, charmant, herrisch und zuweilen launisch disponiert. Konnte Mommsen sogar mit verwandtschaftlicher Verbindung zu Max Weber aufwarten, so führte Lepsius seine Milieuverwandtschaft mit zahlreichen Gelehrten, Künstlern, Theologen und Spitzenbeamten in seinem weitläufigen Familiensystem ins Feld.

Die versammelten Essays von Lepsius wurden von seinem Sohn, dem Bayreuther Juristen Oliver Lepsius mit der Hilfe von Wolfgang Schluchter in fünf Abteilungen geordnet: „Der Wissenschaftler und seine Wirkung“, „Der Professionspolitiker“, „Der Reisende“, „Der Mensch in seinen Beziehungen“ und „Die Max Weber-Gesamtausgabe“. Die Lepsius eigene Grandezza bei der Entfaltung seiner Gedanken und Interpretationen, aber auch die intime Vertrautheit mit den Milieus schlagen sich vor allem in jenen Aufsätzen nieder, die sich mit der Person Max Webers befassen, so die beiden Aufsätze über die Bedeutung der Italien- und Amerika-Erfahrungen im Werk Max Webers oder die fünf rein biographischen Aufsätze, die unter dem recht banalen Titel „Der Mensch in seinen Beziehungen“ versammelt worden sind.

Um wenigstens anzudeuten, was eine Leserschaft in dem Sammelbändchen findet, die sich für die biographische Einbettung Max Webers interessiert, sei knapp auf jenen Aufsatz hingewiesen, der unter dem Titel „Kulturliberalismus, Kulturprotestantismus und Kulturfeminismus“ eine Darstellung der zahlreichen Bewohner jenes famosen Heidelberger Hauses in der Ziegelhäuser Landstraße 17 bietet, das 1847 im Auftrag von Georg Friedrich Fallenstein – dem Großvater mütterlicherseits von Max Weber – erbaut wurde. Auf 50 Druckseiten charakterisiert Lepsius – der mit Leidenschaft Führungen durch dieses sogenannte „Weber-Haus“ veranstaltete, das heute das Internationale Studienzentrum der Universität Heidelberg beherbergt – ein Milieu, das durch den liberalen Geist des deutschen protestantischen Bildungsbürgertums geprägt war und durch die Namen Fallenstein, Gervinus, Baumgarten, Jolly, Goldschmidt, Hausrath, Benecke, Max und Marianne Weber, Troeltsch, Wobbermin, Thoma und Levy markiert sei. Rainer Lepsius – dieser Meister der kleinen Form – setzt diesen Männern und ihren Ehefrauen mit seinem sehr anschaulich geschriebenen Text jeweils kleine Denkmäler, wobei er die besitzbürgerliche Basis dieses Hauses in ihrer Bedeutung geflissentlich runterspielt. Leicht vergessen von Bildungsbürgern wird ja häufig, dass deren Lebensstil in solchen Villen vor allem durch Einheirat und Erbschaften und die dadurch bedingte Vermögensbeteiligung an Industrieunternehmen – durch das oft eher belächelte Besitzbürgertum also – überhaupt erst ermöglicht worden war.

In diesen Texten, die in dem schmalen Bändchen versammelt sind, hört man erneut sehr deutlich die Stimme eines Max Weber-Forschers, der keinen Widerspruch duldete, der einfach wusste (zu wissen glaubte), wie Weber gelebt und was er gemeint hatte. Ein leicht autistischer Charakterzug scheint etwas Gemeinsames vieler Weber-Forscher zu sein, die sehr schnell zum Urteil zu gelangen, dass ihre jeweiligen Konkurrenten Max Weber einfach nicht richtig verstanden haben, und die Menschen gegenüber, die ihnen in hierarchischen Strukturen „untergeben“ sind, überaus unduldsam sein können. Über Jahrzehnte kannte auch ich diese ungeduldig kritische, ironisch-spöttische und zuweilen schneidig verurteilende Stimme sowohl in den Diskussionen mit dem „Altmeister“ als auch in der Korrespondenz mit ihm.

Es ist ein Jammer, dass nun auch noch diese sonore Stimme im Kreis der Weberei verstummt ist – wie vor ihm die von Friedrich Tenbruck, Wilhelm Hennis und Wolfgang Mommsen. Wer sie gedruckt nachlesen will, dem sei diese letzte Sammlung empfohlen. Wer Rainer Lepsius persönlich erlebt hat, wird auch in diesen hinterlassenen Texten dessen leidenschaftlich-distinguierte Tonlage hören können und mit Gewinn von ihm über Max Weber lernen.

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M. Rainer Lepsius: Max Weber und seine Kreise. Essays.
Mohr Siebeck, Tübingen 2016.
324 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783161547386

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Max Weber: Max Weber-Gesamtausgabe. Band I/18: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus / Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus. Schriften 1904-1920.
Herausgegeben von Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Ursula Bube.
Mohr Siebeck, Tübingen 2016.
763 Seiten, 384,00 EUR.
ISBN-13: 9783161532719

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Max Weber: Max Weber-Gesamtausgabe. Band I/13: Hochschulwesen und Wissenschaftspolitik. Schriften und Reden 1895-1920.
Herausgegeben von M. Rainer Lepsius und Wolfgang Schluchter in Zusammenarbeit mit Heide-Marie Lauterer und Anne Munding.
Mohr Siebeck, Tübingen 2016.
971 Seiten, 399,00 EUR.
ISBN-13: 9783161534324

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