Bennie Griessel und die geheimnisvolle Fremde

Im bisher schmalsten Band der Romanreihe um seinen Kapstädter Ermittler plädiert Deon Meyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bennie Griessel, Ermittler des Direktorats für Schwerverbrechen, einer Spezialeinheit der Kapstädter Polizei, deren Mitglieder auch als „die Falken“ bezeichnet werden, ist wahrhaftig kein einfacher Charakter. Deon Meyer (geboren 1958), Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur, hat der Hauptfigur seiner aus bisher sechs Bänden bestehenden Reihe von Kriminalromanen Eigenschaften mitgegeben, die es dem weißen Captain immer wieder schwer machen, so zu funktionieren, wie das seine Umgebung von ihm erwartet. Geschieden, mit einem immer wieder auftauchenden Alkoholproblem kämpfend und sein schmales Salär an den Wochenenden als Mitglied einer Band aufbessernd, um seinen beiden Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, hat er in der aus einer wohlhabenden Familie stammenden Alexa Barnard eine Frau gefunden, von deren Liebe und vor allem Geld abhängig zu sein ihm wiederum sein Stolz verbietet.

In seinem aktuellen Fall hat Griessel, gerade einmal seit 147 Tagen wieder trocken, den Tod einer amerikanischen Staatsbürgerin aufzuklären, die sich auf den Spuren eines wertvollen Gemäldes des Rembrandt-Schülers Carel Fabritius als Touristin am Kap aufhielt. Auf einem Aussichtspunkt in der Nähe des Sir Lowry’s Passes wird ihre mit Bleiche behandelte nackte Leiche gefunden. Jemand hat sie auf einer kleinen Mauer so drapiert, als sollte sie dem nächsten hier Haltmachenden sofort ins Auge fallen. Als Griessel und sein farbiger Partner Vaughn Cupido von der örtlichen Polizei hinzugezogen werden und erste Aufklärungsschritte einleiten, dauert es nicht lange, bis die Identität der durch einen einzigen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf zu Tode Gekommenen feststeht.

Alicia Lewis war bei einer Londoner Firma beschäftigt, die sich mit der Auffindung von verschwundenen oder gestohlenen Gemälden beschäftigte. Als weltweit anerkannte Expertin für die Künstler des Barocks und des niederländischen Goldenen Zeitalters hatte sie völlig überraschend vor Kurzem ihren Job gekündigt. Nun finden Griessel und Cupido über einen emeritierten Historiker, der sich im Ruhestand als Ahnenforscher betätigt, schnell heraus, dass die Frau ihn vor geraumer Zeit kontaktierte, um den aktuellen Besitzer eines äußerst wertvollen Gemäldes aus der Rembrandt-Schule zu ermitteln, dessen Spuren sich Ende des 18. Jahrhunderts in Südafrika verloren. Noch am Tage ihres Todes hatte Alicia Lewis sich mit Professor Wilke in ihrem Hotel getroffen, um bei einem gemeinsamen Frühstück die Aussichten zu diskutieren, das Bild und seinen gegenwärtigen Besitzer ausfindig zu machen.

Die Amerikanerin ist der bisher kürzeste Roman aus der Bennie-Griessel-Reihe. Als Nebenprodukt entstanden auf die Aufforderung hin, nach zahlreichen prominenten Vorgängern – u.a. Stephen King, Henning Mankell und Ian Rankin – den Geschenkband 2017 für die „Spannende Boekeweek“ zu schreiben, die in den Niederlanden jährlich veranstaltet wird, sollte man das Büchlein dennoch nicht abtun. Denn es besitzt alles, was seine fünf Vorgänger von Der Atem des Jägers (2004, deutsch 2007) bis Icarus (2015) auszeichnet: einen klaren, schnörkellosen Stil, einen bis zum Ende durchgehaltenen Spannungsbogen und einen Umgang mit Gewalt, der dieser nicht die Rolle zuordnet, die sie bei anderen südafrikanischen Autoren – etwa bei Roger Smith – einnimmt.

In Meyers Text, der eher Novelle ist als Roman, fällt kein Schuss, gibt es – bis auf einen halsbrecherischen Fahrradstunt Griessels – keine Verfolgungsjagden oder sonstigen spektakulären Actionszenen. Stattdessen folgt der Leser der akribischen Polizeiarbeit der beiden Polizisten, begleitet sie zu Verhören, erfährt, dass Ermittlungsfortschritte sich manchmal aus puren Zufällen ergeben können und dass in der Romanwelt des südafrikanischen Bestsellerautors Privates und Berufliches häufig miteinander verbunden sind. So stößt Bennie Griessel zum ersten Mal auf das Gerücht, ein wertvolles Bild einer Frau in Blau sei am Kap aufgetaucht, als er sich bei einem dubiosen Pfandleiher Verlobungsringe anschaut – denn endlich will er seiner Beziehung mit der Sängerin Alexa Barnard, deren Auf und Ab, Hochzeiten wie Abstürze, der Leser in den vergangenen Romanen miterleben konnte, einen offiziellen Rahmen geben.

Das versteckte Thema von Die Amerikanerin aber ist der zeitgenössische Umgang mit Geschichte als einem gewichtigen Teil der Identität. Dazu zählt natürlich das auf verschlungenen Wegen vom niederländischen Delft – drei kurze und für den deutschen Leser eher verwirrende  Kapitel blenden in den Oktober des Jahres 1654 zurück – nach Südafrika gekommene Gemälde Die Frau im blauen MantelAufgrund seines inzwischen ins Unermessliche gestiegenen Werts weckt es die unterschiedlichsten Begehrlichkeiten.

Wie auch immer das Bild letztendlich an den Zipfel Afrikas gelangte, inzwischen stellt es längst einen Teil der südafrikanischen Historie dar. „Den Leuten heutzutage sei es egal; niemand schere sich noch um Geschichte und Kultur […]. Alle jagten nur noch Reichtum und Ruhm hinterher“, lautet deshalb die Klage des Geschichtsprofessors Marius Wilke, der sowohl der amerikanischen Lady als auch indirekt einem ehemaligen „Falken“, der auf die schiefe Bahn geraten ist und inzwischen als gewissenloser Privatdetektiv sein Leben fristet, auf die Spur des Millionen-Dollar-Objekts geholfen hat. Die Familie, in deren Besitz es sich befindet, denkt aber gar nicht daran, es zu veräußern, weil sie es als Teil ihrer privaten Geschichte begreift. Dies ist Ausdruck eines Umgangs mit der Vergangenheit, wie ihn sich wohl nicht nur die skurrile Figur des kleinen, Vaughn Cupido an Donald Duck erinnernden Professors für die Zukunft wünscht, sondern den auch Deon Meyern seinen Lesern in aller Welt ans Herz legen möchte.

Titelbild

Deon Meyer: Die Amerikanerin . Thriller.
Übersetzt aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer.
Rütten & Loening Verlag, Berlin 2018.
224 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783352009143

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