Mythos und Nation

Hannes Höfer analysiert, wie Autoren um 1800 mythologisierend universelle Werte zu deutschen machen

Von Sandra VlastaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sandra Vlasta

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Was haben Johann Wolfgang von Goethe und Diego Maradona gemeinsam?“ – Mit dieser Frage beginnt Hannes Höfer sein Buch Deutscher Universalismus und gibt in seiner Antwort gleich die ersten Beispiele für das Mythologisieren, das er in der Folge zu einer Grundlage der Konstruktion des Nationalen in der Literatur um 1800 erklärt. Wie also mythologisieren Goethe und Maradona? Goethe beginnt seine Lebensbeschreibung Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit mit der Beschreibung seiner Geburt, die fast in einem Unglück geendet hätte, kam er doch durch die Ungeschicklichkeit der Hebamme „für tot auf die Welt“. Dass er schließlich doch gelebt hat, hat er nicht zuletzt der günstigen Sternen- und Planetenkonstellation zu verdanken, die er eingangs in der Passage beschreibt.

Maradona hingegen kommentierte sein irregulär erzieltes Tor beim Viertelfinalspiel der Fußballweltmeisterschaft 1986 als „ein bisschen mit Maradonas Kopf und ein weiteres bisschen mit der Hand Gottes“ erzielt. Beide, so Höfer, mythologisieren: Goethe bezieht sich kreativ auf einen Mythos, konkret auf die Übertragung der Eigenschaften und Bedeutungen der antiken Götter auf die Planeten und Sterne, um sich selbst als „Göttergünstling“ darzustellen. Er tut dies aus einem neuen, aufgeklärten Verständnis der Mythen heraus, das diese der Frage nach wahr oder falsch enthebt und sie stattdessen als ästhetisches Material sieht, das zur Darstellung der „subjektiven Wahrhaftigkeit“ dienen kann. Ähnliches gilt für Maradona, der, wie er 2005 zugibt, wusste, dass das Tor irregulär mit der Hand erzielt worden war (und zwar mit seiner eigenen, nicht jener Gottes). Nach dem fraglichen Spiel erzählte er aber eine mythische Geschichte und nutzte damit, wie Goethe, die emotional-affektive Dimension des Mythos um seine subjektive Sicht der Dinge als wahrhaftig zu unterstreichen.

Mit diesen ersten Beispielen für das im Weiteren zentrale Konzept des Mythologisierens setzt Höfers Buch ein und lässt die LeserInnen gleich mit einigen Fragen zurück. So ist nicht ganz deutlich, zu welcher Zeit vor der Aufklärung Mythen als „Lügengeschichten und Fabeln“ gegolten haben, denn als solche wurden sie zu ihrer Entstehungszeit in der Antike nicht gesehen. Auch die Aussage, dass Mythen nach einem aufgeklärten Mythenverständnis nicht mehr der Welterklärung dienen, „sondern der affektiv-emotionalen Selbst- oder Weltdeutung“, überzeugt nicht ganz, denn inwiefern unterscheiden sich Welterklärung und Weltdeutung?

Höfer erklärt in der Folge das Konzept des Mythologisierens im Detail, wobei er vor allem Stefan Matuscheks Ausführungen dazu referiert, von dem der Begriff eingeführt wurde. Mythologisieren bezeichnet ein literarisches Darstellungsverfahren, das sich durch einen doppelten Bezug auf den Mythos auszeichnet: Der Mythos wird einerseits produktiv genutzt, andererseits distanziert man sich von ihm und unterstreicht so sein eigenes aufgeklärtes Mythenverständnis. Die Aufklärung hat die emotionale Qualität des Mythos entdeckt und macht diese für sich nutzbar – eben in der Form des Mythologisierens. Dabei werden keine Mythen geschaffen (das wäre „Mythisieren“), sondern Mythen werden zur Darstellung bestimmter Sachverhalte herangezogen, die sich damit ihrer Überprüfbarkeit entziehen – ein Mythos kann weder wahr noch falsch sein, sondern ist dieser Fragestellung enthoben.

Ein weiterer zentraler Punkt in Höfers Arbeit ist der titelgebende „Deutsche Universalismus“, ein Begriff, den er von Georg Schmidt übernimmt. Höfer bezieht sich damit auf die lebhafte Debatte über die deutsche Nation um 1800, insbesondere auf die Tatsache, dass in deren Rahmen bestimmte Eigenschaften aus dem Kosmopolitismus-Diskurs der Aufklärung „den Deutschen als typisch deutsch zugeordnet und gleichzeitig die universale Gültigkeit dieser Eigenschaften hervorgehoben“ wurde.

So wird z.B. Kosmopolitismus zum typischen Merkmal für das ,Deutscheʻ und damit ein universeller Wert zu einem typisch nationalen Kennzeichen – ein Widerspruch in sich, den Höfer als den deutschen Universalismus bezeichnet. Dazu kommt ein gewisses kulturelles Sendungsbewusstsein der deutschen Intellektuellen der Zeit, das genau darauf basiert, dass eben ,die Deutschenʻ universelle humane Werte besser erfasst hätten als andere und damit den Auftrag erhielten, sie zu verbreiten. Wie gehen aber die Autoren (Höfers Beispiele sind bis auf eine Ausnahme männliche Schriftsteller) mit dem Widerspruch des deutschen Universalismus um? Genau hier kommt das Mythologisieren wieder ins Spiel: Höfers Hauptthese ist, dass die Autoren um 1800 das Mythologisieren nutzen, um die Unvereinbarkeit aufzuheben: „Der Widerspruch wird affektiv-emotional überbrückt, der deutsche Universalismus soll nicht diskursiv überzeugen, sondern emotional evident sein.“ Genau dabei hilft das Mythologisieren, das sich ja der Überprüfbarkeit entzieht, aber emotionales Potential hat.

Das Mythologisieren sowie der deutsche Universalismus werden im Laufe des Texts oft erklärt, vielleicht zu oft, denn nach dem einleitenden Kapitel sowie der Typologie in Kapitel zwei, die anhand von Johann Gottfried Herders Briefen zur Beförderung der Humanität erstellt wird, sollte klar geworden sein, was Mythologisieren bedeutet. Die Wiederholungen haben etwas insistierendes, möglicherweise sind sie aber lediglich der relativen Abgeschlossenheit der Kapitel zu den einzelnen Werken bzw. Autoren geschuldet oder haben didaktische Funktion, was an sich nicht zu bemängeln ist.

Höfer illustriert seine These in Fallstudien zu mehreren AutorInnen und Texten, es folgt ein Kapitel zu den bereits erwähnten Briefen von Herder, anhand derer eine Typologie der verschiedenen Formen der mythischen Narration entworfen wird sowie verschiedene Verwendungsweisen der mythischen Narration präsentiert werden. Außerdem analysiert er Novalis‘ Die Christenheit oder Europa, Friedrich Hölderlins Germanien, Friedrich Schillers Deutsche Größe, Johann Gottlieb Fichtes Reden an die deutsche Nation und Texte von Friedrich Schlegel, wobei er jeweils unterschiedliche Formen des Mythologisierens konstatiert. So arbeite Novalis mit einer „universalpoetischen Heilsgeschichtsphilosophie“, Hölderlin hingegen mit einer „poetischen Heilsgeschichtsphilosophie“, während Schillers Art des Mythologisierens als „rhetorische Heilsgeschichtsphilosophie“ bezeichnet wird. Fichte hingegen entwerfe den Mythos vom Urvolk bzw. den Deutschen als den auserwählten Vollendern der Geschichte und Schlegel in seiner Reise nach Frankreich die deutsche Landschaft als mythischen Erfahrungsraum, der auf zeitgenössische Hermeneutik trifft.

Bei der Textauswahl folgt Höfer Conrad Wiedemann, was allerdings nur angemerkt und nicht begründet wird, auch würde wohl nicht jeder alle Primärtexte unbedingt der Literatur zusprechen, wie im Untertitel des Bandes angekündigt, sondern einige eher als politische oder philosophische Schriften einstufen (wobei diese natürlich auch Darstellungsverfahren nutzen und damit für Höfers Fragestellung geeignet sind). Gemeinsam mit der Übernahme von Matuscheks Konzept des Mythologisierens und des Begriffs des deutschen Universalismus von Georg Schmidt stellt sich die Frage, worin das Innovative des vorliegenden Bandes liegt. Höfer gibt die Antwort an einer Stelle selbst: Er möchte nichts Verallgemeinerbares zur Nationaldebatte um 1800 beitragen, sondern „die allgemeinen Ansichten zu diesem Thema in einzelnen Punkten korrigieren“ und zeigen, wie einige Texte dieser Debatte anders verstanden werden können, wenn man mit einem literaturwissenschaftlichen Zugang nicht nur ihre Inhalte, sondern auch ihre Darstellungsverfahren analysiert.

Zwei Exkurse sind Wilhelm von Humboldts Das achtzehnte Jahrhundert und Madame de Staëls Über Deutschland gewidmet. Sie dienen vor allem als Gegenbeispiele dazu, wie über ,das Deutscheʻ ohne jedes Mythologisieren gesprochen werden kann: Im Falle Humboldts führt es zu rein geschichtsphilosophischen Aussagen ohne affektiv-emotionale Ebene, auch de Staël bezieht sich nicht auf Mythen, sondern stellt für Höfer den deutschen Universalismus „als das aus, was er ist: als Widerspruch“ (Das mehrmalige Unterstreichen der typisch französischen Leichtigkeit und Stilsicherheit im kurzen Kapitel zu de Staël liest sich im Kontext der Konstruktion von nationalen Bildern und Identitäten etwas seltsam.).

Höfers Band ist gut lesbar, seine Ausführungen sind interessant, wenngleich zuweilen nicht ganz überzeugend. ,Mythosʻ ist bei ihm ein weit gefasster Begriff, der an zentraler Stelle nicht definiert wird, irreführend ist deshalb zum Teil das Konzept des Mythologisierens, für das eben nicht nur Mythen herangezogen werden können, sondern das auch auf „nicht-falsifizierbaren Deutungsmustern“ oder „sprachlichen Bildern“ basieren kann. Die Breite des Konzepts wird allerdings schon bei den ersten Beispielen – Goethe und Maradona – deutlich und die LeserInnen können sich dann entscheiden, ob sie Höfer auf seinem Weg folgen wollen. Dies lohnt sich allemal bei allgemeinem Interesse zu den Diskussionen und Diskursen um 1800: Höfer gibt viel politische und historische Hintergrundinformation (und viele Verweise auf relevante Sekundärliteratur), man bekommt einen Eindruck von den Themen, die zu jener Zeit zumal die Intellektuellen bewegt haben.

Die eigentliche Analyse fällt unterschiedlich detailliert aus: Höfer konzentriert sich naturgemäß auf Beispiele zu seiner These, was bei einigen der besprochenen Texte sehr punktuell ausfällt (z.B. bei Schiller). Jedoch finden sich dafür immer wieder hilfreiche Bezüge zu anderen Texten.

Fazit: Eine lohnende Lektüre zur Debatte um die deutsche Identität um 1800, wenngleich die Grundthesen zur mythologisierenden Konstruktion des deutschen Universalismus nicht immer ganz überzeugen.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz

Titelbild

Hannes Höfer: Deutscher Universalismus . Zur mythologisierenden Konstruktion des Nationalen in der Literatur um 1800.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2015.
217 Seiten, 44,00 EUR.
ISBN-13: 9783825365172

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