Nach der Passion

Was macht die Liebe im Roman des 21. Jahrhunderts?

Von Michael BraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Braun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Wintersemester 1968/69 vertrat Niklas Luhmann seinen Kollegen Theodor W. Adorno an der Universität Frankfurt. Eine pikante Konstellation. Während Adorno in Berlin über die Klassizität Iphigenies sprach, hielt Luhmann an der Goethe-Universität eine Übung ab. Ihr Thema lautete „Liebe als Passion“. Vier Studierende nahmen daran teil. Einer hat protokolliert. Das Manuskript, das Luhmann als Seminarvorlage diente (und 2008 publiziert wurde: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=13166), ist die Grundlage für sein wegweisendes Buch Liebe als Passion aus dem Jahr 1982. Die Liebe ist Luhmann zufolge ein Kommunikationscode, der „das Lernen des Liebens, die Interpretation der Anzeichen und die Mitteilung kleiner Zeichen für große Gefühle ermöglicht“ und sich über die Differenzen von Klasse, Macht, Geld, Geschlecht hinwegsetzt. Liebe als codierte Intimität: Daran hat sich, schaut man auf die Liebesromane der Gegenwart, offenbar nichts verändert. Die Produktion ist ungebrochen, Autoren von Rang und Namen publizieren Liebesromane, die in den Feuilletons hochgelobt oder verrissen werden.

Ein Tagungsband über den Liebesroman im 21. Jahrhundert nimmt sich nun der beliebten Gattung an, und zwar unter genau diesem spezifischen Aspekt. Was ist es, das einen Roman zum Liebesroman macht? Zweifellos ist es mehr als das Thema der ars amatoria, die Liebeskunst, mehr als eine Story von amour fou oder Fatal Attraction, mehr als Stereotyp, Marke, Wertungskategorie und literaturwissenschaftliche Definition, wie der Herausgeber und Konferenzveranstalter Rafaƚ Pokrywka (Bydgoszcz) einleitend ausführt. Was den Liebesroman zur Gattung macht, ist eine Ausdifferenzierung von oben (der Text wird durch einen kanonischen Bezug gattungswürdig gemacht) oder von unten (der Gattungsbezug nobilitiert den Text).

Für jede Ausdifferenzierung gibt es eine Fülle von Beispielen. Von unten aufgewertet werden Romane mit Liebes- und Erotikinhalt, die eigentlich ins triviale Fach fallen, aber durch die Zuschreibung des Markenzeichens „Liebesroman“ öffentlicher Aufmerksamkeit und literaturkritischen Interesses sicher sein können. Charlotte Roches Feuchtgebiete (2008) war mehr als nur ein Sommerlochfüller. Der Roman, dessen autobiografische Anteile geschickt seitenversetzt sind, erzählt an der Scham- und Ekelgrenze vom psychologischen Coming-out einer jungen Frau. Dabei ist postmodernes Erzählen mit im Spiel, wie Simone Ketterl mit Bezug auf Umberto Ecos Formel von der „Ironie, ohne Unschuld“ sagt.

Aufwertung von oben erfahren Martin Walsers Altersromane, in denen die Liebe ein dominantes, zwischen Altherrenerotik und codiertem Gendering schwankendes Phänomen ist. Elżbieta Nowikiewicz, Joanna Drynda und Aneta Jurzysta widmen sich den Romanen Ein liebender Mann (2008) und Ein sterbender Mann (2016). Ein liebender Mann ist ein Goetheroman. Es geht um die Liebe des alternden Künstlers zu der 50 Jahre jüngeren Ulrike von Levetzow. Die Goethefiktion adelt den Text als Liebesroman. Doch auch hinter diesen Gattungsanspruch gehört ein Fragezeichen. Was sagt es über die Liebe im Gegenwartsroman, wenn er einen historischen Stoff ausbeutet? Besonders krass tritt dieses Problem in Walsers Roman Das dreizehnte Kapitel (2012) auf. Es ist ein Liebesleidensroman, ein theologischer Liebesroman, ein Spiel mit dem Kanon. Das 13. Kapitel im Römerbrief behandelt die religiöse Liebe (darauf bezieht sich Walsers Harvard-Vorlesung von 2011), das 13. Kapitel in Goethes Wahlverwandtschaften (1809) den Ehebruch im Ehebett. Sprachlich fällt Walsers Roman hinter die Gattungsvorbilder zurück. Ein Führungswechsel am Gattungshorizont findet eher nicht statt.

Einer der klügsten Aufsätze des Bandes fragt, was nach der romantischen Liebe kommt. Stefan Neuhaus stellt der Liebe im Gegenwartsroman eine postromantische Diagnose: „Die romantische Liebe ist romantisiert worden und damit zu einer Sehnsucht geworden, für die in dieser Welt keine Erfüllung mehr zu hoffen ist“. Doch was bleibt bei aller epischen Codierung von Intimität, ist eine Vielfalt von Leerstellen, die als misslingende Kommunikation, als Liebesverrat, als Passion zwischen Lust und Lächerlichkeit, als postmoderne Ironie, als Schamgrenzüberschreitung, als Spätsündertat bezeichnet werden kann. Lesenswerte und deutungsbedürftige Beispiele gibt es zuhauf, von Peter Stamms metafiktionaler Novelle Agnes (1998) über Arno Geigers Ehebruchsroman Alles über Sally (2010), Hanns-Josef Ortheils Liebesverständigungstrilogie (Die große Liebe, 2003, Das Verlangen nach Liebe, 2007, Liebesnähe, 2011) und Sibylle Bergs satirischen Liebesangstroman Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (2015) bis zu den liebesspielerisch virtuosen Romanen von Franziska Gerstenberg, Judith Hermann und Juli Zeh. Oder, mit Luhmanns Worten: Liebesromane „füllen Wartezeiten mit Erwartung“.

Titelbild

Rafal Pokrywka (Hg.): Der Liebesroman im 21. Jahrhundert.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2017.
286 Seiten, 48,00 EUR.
ISBN-13: 9783826061530

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