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Thomas Mann und die Psychoanalyse

Auszüge (ohne Fußnoten) aus dem Aufsatz von Thomas Anz: „Indikatoren und Techniken der Transformation theoretischen Wissens in literarische Texte – am Beispiel der Psychoanalyserezeption in der literarischen Moderne.“ In: Christine Maillard und Michael Titzmann (Hg.): Literatur und Wissen(schaften) 1890-1935. Stuttgart, Weimar: Metzler 2002. S. 331-347.

Der Aufsatz handelt von den Schwierigkeiten, die Adaption psychoanalytischen Wissens in literarischen Texten literaturwissenschaftlich nachzuweisen:

[...]

Erschwert wurden und werden die Untersuchungen zur literarischen Psychoanalyserezeption dadurch, dass die Selbstaussagen der an dem Beziehungsgeflecht zwischen Literatur und Psychoanalyse Beteiligten oft ungenau, widersprüchlich oder offensichtlich irreführend sind. Sogar bei einem Autor wie Thomas Mann, dessen Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse durch einschlägige Arbeiten u.a. von Jean Finck, Hans Wysling und Manfred Dierks relativ umfassend rekonstruiert ist, bleiben offene Fragen. Ob er schon vor oder bei der Niederschrift des Tod in Venedig, die eine Vielzahl psychoanalytischer Interpretationen an sich gezogen hat, Freud gelesen hatte, ist ähnlich umstritten wie im Fall von Musils Törleß. "Was mich betrifft", so erklärte er 1925 in einem Interview für die Zeitung La Stampa, "so ist mindestens eine meiner Arbeiten, die Novelle Der Tod in Venedig, unter dem unmittelbaren Einfluß Freuds entstanden." Mit guten Gründen hat die Forschung dem Autor diese Aussage nicht geglaubt. Intensiv hat er sich mit der Psychoanalyse erst 1925/26 auseinander gesetzt. Die erste Erwähnung Freuds findet sich in einer Notiz von 1916. Das vermutlich im Sommer 1915 entstandene "Analyse"-Kapitel im Zauberberg belegt jedoch sicher die Lektüre von Freuds Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie von 1905. Dass er sie schon bald nach ihrem Erscheinen gelesen hat, ist durchaus wahrscheinlich. Die frappierenden Parallelen des Tod in Venedig zu Wilhelm Jensens Gradiva legen nahe, dass er nicht nur diesen Roman, sondern auch Freuds 1907 erschienene Schrift darüber gelesen hat. Auch wenn dies nicht der Fall sein sollte, trifft doch Thomas Manns spätere Bemerkung zu, psychoanalytische Fragestellungen und Gedanken hätten um 1910 in der Luft gelegen und man habe von der Psychoanalyse beeinflusst werden können, ohne direkten Kontakt mit ihr zu haben. Ansonsten hob er später selbst hervor, wie sehr er vermittelt über Schopenhauer und Nietzsche mit Freud'schen Denkmodellen vertraut wurde.

[...]

In Thomas Manns Zauberberg sind die Figur des Dr. Krokowski und seine Ausführungen in dem Abschnitt, der explizit mit „Analyse“ überschrieben ist, problemlos als harte Indikatoren einzuschätzen, die keinen Zweifel daran lassen, dass der Roman psychoanalytisches Wissen adaptiert. Dies verstärkt die Wahrscheinlichkeit, dass die in dem Roman so dominanten Interessen an Träumen oder an sexuellen Inhalten und ihrer Symbolisierung (Fieberthermometer, der Bleistift des Schulfreundes Hippe), die den weichen Indikatoren zuzurechnen sind, ebenfalls mit psychoanalytischem Wissen literarisiert wurden. In solchen Zusammenhängen erhält die erst in jüngerer Zeit ausgeführte These, dass sogar jener Schlüsselsatz, der als einziger im Druck hervorgehoben ist, eine Formulierung aus Freuds Kriegs-Essay „Unser Verhältnis zum Tode“ (1915) aufgreift, zusätzliche Plausibilität. Freud hatte geschrieben: "Wäre es nicht besser, dem Tode den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt". Thomas Mann modifizierte den Satz so: "Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken."

Eine weitere Passage, die isoliert allenfalls als ‚weicher’ Indikator für die Verarbeitung psychoanalytischen Wissens gewertet werden dürfte, gewinnt in diesen Zusammenhängen ein anderes Gewicht. Sie variiert eines der Leitmotive des Romans, das Lachen, derart, dass sie Kenntnisse psychoanalytischer Lachtheorien in Szene setzt. Im „Zauberberg“ wird die Figur des Dr. Krokowski von Joachim Ziemßen mit folgenden Worten eingeführt: „Dann ist da noch Krokowski, der Assistent – ein ganz gescheutes Etwas. Im Prospekt ist besonders auf seine Tätigkeit hingewiesen. Er treibt nämlich Seelenzergliederung mit den Patienten.“ Die Verwendung des Wortes „Seelenzergliederung“, das unschwer als Verdeutschung von „Psychoanalyse“ zu erkennen ist, kann zunächst als Beispiel für einen harten Indikator der Psychoanalyserezeption gelten. Die auffällige Reaktion Hans Castorps darauf, die, isoliert gelesen, allenfalls ein unauffälliges Signal (einen weichen Indikator) dafür enthält, dass hier eine literarische Adaption psychoanalytischen Wissens vorliegt, liest sich im Kontext dieses harten Indikators in eindeutigerer Perspektive.

„Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!“ rief Hans Castorp, und nun nahm seine Heiterkeit überhand. Er war ihrer gar nicht mehr Herr, nach allem andern hatte die Seelenzergliederung es ihm vollends angetan, und er lachte so sehr, daß die Tränen ihm unter der Hand hervorliefen, mit der er, sich vorbeugend, die Augen bedeckte.

Literarisch vorgeführt werden hier Bestandteile von Freuds Lachtheorie, die das Lachen als abrupte Freisetzung libidinöser Energien begreift, die sich der Kontrolle durch das Bewusstsein entzieht. „Er war ihrer gar nicht mehr Herr“ ist möglicherweise eine Anspielung auf die berühmt gewordene Formulierung in Freuds Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17) mit der Beschreibung der Kränkung, dass das Ich "nicht einmal Herr ist im eigenen Hause". Wenn von den Tränen die Rede ist, die „ihm unter der Hand hervorliefen“, operiert der Autor weiterhin mit psychonalytischem Wissen über Symbolisierungen sexueller Inhalte. Mit Castorps Wort „widerlich“ liefert der Text darüber hinaus eine Illustration dessen, was Freud als „Widerstand“ gegen die Psychoanalyse beschrieben hat. Die Schilderung von Castorps unkontrollierbarem Lachen bestätigt die Annahmen jener Disziplin, gegen die Castorp sich wehrt.

Die textinternen Indikatoren der Psychoanalyserezeption werden durch textexterne, die in Thomas Manns Äußerungen über den eigenen Roman vorliegen, zusätzlich gestützt. „Längst spielt die Psychoanalyse“, schrieb der Autor 1926, „in die Dichtung unseres ganzen Kulturkreises hinein, hat auf sie abgefärbt und wird sie möglicherweise in steigendem Grade beeinflussen. Auch in meinem eben herausgegebenen Zeitroman ‚Der Zauberberg’ spielt sie eine Rolle. Dr. Krokowski, wie ihr Agent hier heißt, ist zwar ein bißchen komisch. Aber seine Komik ist vielleicht nur eine Schadloshaltung für tiefere Zugeständnisse, die der Autor im Inneren seiner Werke der Psychoanalyse macht.“ Dass textexterne Indikatoren allein, ohne zusätzliche textinterne, wenig zuverlässig sind, dafür gibt wiederum Thomas Manns Bemerkung, Der Tod in Venedig sei „unter unmittelbarem Einluß Freuds entstanden“ (s.o.), ein gutes Beispiel.

{...]

Psychoanalytisches Wissen kann in die Figurenkonzeption, die Themen und Motive, die semantischen Oppositions- und Äquivalenzrelationen der Textelemente sowie in die Handlungskonstellationen, in die Erzählformen und in die Sprache literarischer Texte transformiert werden. Eine einfache, häufig und variationsreich gehandhabte Technik literarischer Verarbeitung psychoanalytischen Wissens besteht darin, es zu personifizieren, also Repräsentanten dieses Wissens (vor allem Ärzte, Psychiater, Psychoanalytiker) als literarische Figuren auftreten und sprechen zu lassen. Im Zauberberg ist Dr. Krokowski eine solche Figur. Sein Auftritt im „Analyse“-Kapitel ist im Übrigen ein Beispiel dafür, wie in literarischen Texten über Psychoanalyse gesprochen werden kann, ohne das einschlägige Vokabular zu benutzen. Von 'Widerstand', 'Verdrängung', 'Sublimierung', 'Libido' und dergleichen ist nicht ausdrücklich die Rede, die wissenschaftlichen Termini sind vom literarischen Text in eine Normalsprache übersetzt worden. Sie können allerdings von Kennern mühelos rückübersetzt werden.

T.A.

 

 

 



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