III.2.5 Forschungsförderung

Leseprobe

Von Thomas Wiemer

2.5 Forschungsförderung

Forschungsbedingungen

Wer sich über Forschungsförderung im Bereich der Literaturwissenschaft informieren will, ist gut beraten, den Kontext universitärer Forschungsförderung im Allgemeinen und den der Geistes- und Kulturwissenschaften im Besonderen mit zu berücksichtigen. Literaturwissenschaft findet zumeist an Universitäten statt, ihre Forschungsbedingungen teilt die Literaturwissenschaft mit vielen anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen, deren Gegenstände überwiegend textuell verfasst sind und deren Ergebnisse sich in der Regel wiederum in Form von Texten präsentieren. Diese Charakterisierung bleibt allerdings an der Oberfläche und hält dem zweiten Blick nicht stand: Die kultur- und medienwissenschaftliche Orientierung der Literaturwissenschaft, die sich in den letzten Jahren mehr und mehr etabliert hat, bezieht durchaus andere Medien und Gegenstände als Texte in ihre Untersuchungen ein. Und auch die Ergebnisse der Forschung beschränken sich bei genauerer Betrachtung nicht auf publizierte Texte.

Wie die Geisteswissenschaften generell sind auch die mit Literatur befassten Wissenschaften mit dem Problem konfrontiert, dass sie in dem Ruf stehen, öffentliche Mittel zu verbrauchen, ohne einen unmittelbaren Nutzen zu erzielen. Diese Betrachtungsweise greift in vielerlei Hinsicht zu kurz. Auch die Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler produzieren öffentliche Güter, nämlich Wissen in Form von Veröffentlichungen (Vorträgen, Aufsätzen, Expertisen, Qualifikationsschriften, Monografien, Editionen etc.), aber auch Bildung, berufliche und gesellschaftliche Qualifikationen, Netzwerke kultureller und interkultureller Verständigung, Beiträge zur Schaffung und Bewahrung kultureller Identität und anderes mehr. Also durchaus nicht nur Texte über Texte.

Dennoch gilt, dass die Geisteswissenschaften und mit ihnen die Literaturwissenschaft in den Zeiten der ›Konsolidierung‹ öffentlicher Haushalte einen schweren Stand haben. Und zwar nicht allein aufgrund zu kurz greifender Nützlichkeitsforderungen im (wissenschafts- und gesellschafts-)politischen Raum, sondern auch an den Universitäten selbst. Hier hat sich in den ersten Jahren des 21. Jh.s der Wettbewerb um Forschungsmittel dramatisch verschärft, bis hinein in die Arbeitsverträge und Einkommensverhältnisse der Forschenden, und er ist teilweise nach Vorgaben und Kriterien organisiert, die die Besonderheiten geisteswissenschaftlicher Forschung zu ignorieren und eher den Bedürfnissen anderer Wissenschaftsbereiche zu folgen scheinen. Darüber Klage zu führen hilft kaum weiter, am wenigsten den Geisteswissenschaftlern selbst. Gefordert ist in dieser Situation vielmehr eine stärkere Vernetzung und Konsensbildung unter den Forschenden dieser Disziplinen, eine energischere und pragmatischere Interessenvertretung in eigener Sache und eine sorgfältige Sichtung und kreative Nutzung vorhandener Förderangebote.

Förderangebote

Solche Angebote existieren in vielfältiger und differenzierter Form, nicht nur in Deutschland, sondern ebenso in den westeuropäischen Nachbarländern, in den USA, Kanada, Japan oder Australien. Auch in den Ländern Osteuropas ist hier in den zurückliegenden Jahren einiges in Bewegung geraten. Kaum etwas allerdings speziell für literaturwissenschaftliche Forschung. Auch die Forschungsförderungsprogramme der EU-Kommission beispielsweise sehen wenig bis gar nichts für Literaturwissenschaftler vor, selbst wenn für das 7. EUForschungsrahmenprogramm (2006 bis 2013) im »Spezifischen Programm ›Zusammenarbeit‹« unter mehreren Themen erstmals auch die »Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften« – in dieser Zusammenstellung und Reihenfolge! – Erwähnung finden. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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