KEINE WÖRTER FÜR LIEBE

(1966)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Jedermann weiß, daß Martin Walser außerordentlich viel kann. Doch kaum etwas will ihm glücken. Einen Mißerfolg nach dem anderen muß er hinnehmen. Nur daß ihn diese Fehlschläge mit der Zeit fast zu einem Erfolgsschriftsteller gemacht haben. In der Tat verdankt er sein Ansehen vor allem seinen Niederlagen: Ob dieser Autor ganz oder teilweise scheitert – sein Ruhm wächst. Denn er schreibt mißlungene Bücher und schlechte Stücke, die ihn gleichwohl als einen der originellsten Schreiber seiner Generation ausweisen. Er ist ein erstaunlicher Künstler und ein miserabler Handwerker.

Zugegeben: Er tut sich immer schwer und macht es dabei der Kritik oft leicht. Er arbeitet ohne Netz, er geht nie in Deckung, er bietet unentwegt Angriffsflächen. Wer Martin Walser besingen oder attackieren will, kann in seinen Arbeiten stets genug finden, womit sich dieses oder jenes Urteil belegen läßt. Da sie von Details leben und sich meist auch in Details bloßstellen, sind sie auf gefährliche Weise zitierbar. Und zugleich auf erfreuliche Weise unberechenbar. Seine Essays zeugen von seinem großen erzählerischen Talent. Aber in seinen erzählerischen Werken sind die essayistischen Partien die interessantesten. Seine theoretischen Darlegungen über das Theater lassen den Dramatiker erkennen. Nur daß seine Dramen von der Last dieser Theorien erdrückt werden. Er ist ein Meister der Psychologie. Doch kaum eine seiner vielen Gestalten will sich in das Gedächtnis des Lesers einprägen. Er hat nun insgesamt neun Bücher veröffentlicht und ist ein Anfänger geblieben, an den alle glauben. Beachtliches und Fragwürdiges, Hervorragendes und Peinliches findet sich in seinen Werken in verblüffender Nachbarschaft. Auf Höhepunkte folgen bei Walser unvermittelt schauderhafte Entgleisungen. Lediglich das Mediokre weiß er zu umgehen. Und das will schon etwas heißen. Auch sein neuer Roman Das Einhorn läßt sich noch am ehesten eben von der Mittelmäßigkeit freisprechen. Vielmehr schwankt er zwischen den Extremen.

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