III.2.6 Verlage

Leseprobe

Von Anja Gerigk

2.6 Verlage

Während belletristische Verlage der Literaturwissenschaft ihren zentralen Gegenstand bereitstellen, übernehmen die Wissenschaftsverlage andere Funktionen. Diese erschöpfen sich nicht in der Veröffentlichung und Verbreitung literaturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Auch die idealistische Sichtweise, dadurch werde in erster Linie der Fortschritt des Faches befördert, entspricht nicht mehr dem Stand der Forschung. Um genauer beschreiben zu können, welchen Stellenwert die Institution ›Verlag‹ besitzt und welche Aufgaben sie für die Institution ›Literaturwissenschaft‹ im Einzelnen erfüllt, sind zwei theoretische Perspektiven hilfreich, die zugleich wichtige und verbreitete Ansätze der Wissenschaftssoziologie darstellen: Die eine Perspektive liefert die Systemtheorie Niklas Luhmanns und beobachtet Wissenschaft als Kommunikation, die andere analysiert im Anschluss an Pierre Bourdieu das wissenschaftliche ›Feld‹. Unter diesen einander ergänzenden Leitvorstellungen kommen auch die institutionellen Besonderheiten wissenschaftlicher Verlage sowie die speziellen Bedingungen der Literaturwissenschaft im Vergleich zu anderen Diszi plinen in den Blick. Verlage haben überdies eine konstitutive Bedeutung für die Institutionalisierung der Literaturwissenschaft.

Institutionalisierung

Ohne Wissenschaftsverlage könnte Literaturwissenschaft nicht als Institution funktionieren: Der Betrieb von Lehre und Forschung ließe sich ohne das überwiegend verlagsgebundene Publikationswesen nicht aufrechterhalten. Diese offenkundige Tatsache erhält eine neue Qualität, wendet man den Blick von der universitären Disziplin hin zur Konzeption des Wissenschaftssystems. Soziale Systeme bestehen gemäß der Theorie Luhmanns (vgl. Kneer/ Nassehi 2000) nicht aus Einrichtungen, sondern vollziehen sich als Prozess, in dem Kommunikationen aneinander anschließen, in diesem Falle wissenschaftliche Kommunikationen. Die Konsequenzen des Modells verdeutlicht ein Beispiel: Forscher derselben Gruppe bräuchten nicht zu publizieren, um untereinander zu kommunizieren. Es besteht aber die Gefahr, dass ihnen wegen des beschränkten Austausches die Anschlussmöglichkeiten ausgehen. Damit der Prozess der Wissenschaft und ihrer Einzeldisziplinen bzw. Subsysteme nicht zum Stillstand kommt, bedarf es der institutionalisierten Veröffentlichung und Verbreitung von Forschungsergebnissen. Daher sind Buchdruck und Verlagsbuchhandel die historischen Voraussetzungen des Systems Literaturwissenschaft und seiner Einrichtungen innerhalb wie außerhalb der Universität.

Unter einem weiteren systemtheoretischen Untersuchungsaspekt gerät die besondere Position der Verlage in den Blick: Sie bilden eine »Interpenetrationszone « (Jäger 1995, 27), hier speziell von Wissenschaft und Wirtschaft. Die Systeme kommen in Kontakt, bleiben aber in sich geschlossen. Konkret bedeutet dies, dass ein Wissenschaftsverlag sowohl nach wissenschaftlichen als auch nach ökonomischen Gesichtspunkten handelt. Eine solche Interpenetration zieht sich durch alle Abteilungen. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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