WAR ES EIN MORD?

(1967)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Wenn ein so scharfsinniger Schriftsteller wie Martin Walser und ein so bedeutender Regisseur wie Fritz Kortner in langwieriger und offenbar einträchtiger und beflissener Zusammenarbeit und überdies mit Hilfe so erfahrener und hervorragender Schauspieler wie Hortense Raky und Werner Hinz schließlich einen Theaterabend zustande bringen, der sich als außergewöhnlich langweilig und abgeschmackt und streckenweise sogar als dümmlich erweist, dann ist das Ganze – eben des extremen Ergebnisses wegen – in hohem Maße bedenkenswert. In den Münchener Kammerspielen hat also in Anwesenheit vieler illustrer Trauergäste ein Leichenbegräbnis erster Klasse stattgefunden. Zu klären bleibt, ob hier das Stück – Walsers Zimmerschlacht[1] – systematisch ermordet wurde oder ob man nur eine Leiche auf die Bühne gezerrt hat.

Daß Martin Walser, so originell seine Begabung auch sein mag, nicht zu jenen Künstlern gehört, die mit vollen Händen spenden können, wissen wir längst, zumindest seit dem Roman Halbzeit (1960). Was er schreibt, ist oft anregend und interessant, es vermag zu verwundern und zu irritieren, ja mitunter zu entzücken. Aber es überwältigt nie: Die verführerische, den Leser bezwingende Kraft, die manchen Seiten von Frisch und Böll, von Grass und Johnson nachgerühmt werden kann, geht Walser vollkommen ab.

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