SEIN GLANZSTÜCK

(1978)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Am 27. März 1976 brachte die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Buchbesprechung, die viel Verwunderung und Empörung auslöste und sogar als Denunziation bezeichnet wurde. Tatsächlich ging sie im Ton wie im Inhalt weit über das Übliche hinaus, schon ihre ersten Sätze zeichneten sich durch eine außergewöhnliche Schärfe aus. Denn meine Kritik begann mit den Worten: »Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.« Gemeint war Martin Walsers Roman Jenseits der Liebe.

Man wird zugeben: Noch deutlicher, noch härter, noch unbarmherziger läßt sich über eine literarische Arbeit gar nicht urteilen. Aber soviel gegen Jenseits der Liebe einzuwenden war und ist – denn ich kann von meiner damaligen Rezension auch heute nichts zurücknehmen –, so sicher erscheinen in der Bundesrepublik alljährlich unzählige Bücher, die in jeder Hinsicht erheblich schlechter sind als jenes, das mit einem so rabiaten Protest bedacht wurde. Wozu sollte also dieser Protest gut sein, was wollte er bewirken? Jede Literaturkritik bezieht sich auf einen konkreten Gegenstand – und nie auf diesen Gegenstand allein. Indem der Kritiker ein Buch charakterisiert, indem er es befürwortet oder zurückweist, spricht er sich für oder gegen einen Autor aus und zugleich für oder gegen eine Schreibweise, eine literarische Richtung oder Tendenz. Er sieht also das Buch, das er behandelt, immer in einem bestimmten Zusammenhang. Er wertet es als Symptom.

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