WER WENIGER LIEBT, IST ÜBERLEGEN

(1993)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Er plauscht und plaudert unbeirrt, er schwatzt und schwafelt unermüdlich. Das Plappern ist sein Element und sein wichtigstes Ausdrucksmittel. Ja, plappernd hat er, unser lieber Martin Walser, seinen Weg gemacht: Er, der »hemmungsloseste Monologist« – so äußert er sich über eine seiner Figuren –, ist Deutschlands gescheiteste Plaudertasche. Mehr noch: Plappernd wurde er einer der erfolgreichsten deutschen Romanciers, der intelligentesten Essayisten, der scharfsinnigsten Bürger dieses Landes und der originellsten Intellektuellen weit und breit. Viele Superlative? Schon wahr, aber ich meine das wirklich ernst, ich bewundere Martin Walser aufrichtig und ganz ohne Ironie.

In seinen leider oft unbarmherzig langen Romanen kommen zahlreiche Personen vor. Sie lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Die einen sind wortkarg oder gar schweigsam und in der Regel ziemlich langweilig. Die anderen aber, ob jung oder alt, ob weiblich oder männlich, ob Sieger oder Unterlegene – sie quatschen und quasseln fortwährend. Aber ich ziehe sie vor, weil sie ergiebiger sind: Während man bei jenen gähnen muß, kann man sich über diese wenigstens ärgern und bisweilen auch amüsieren: Ihnen, den Plappermäulern in diesem Universum, verdankt selbiges seine Anziehungskraft.

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