NACHWORT

(1994)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Thoas, der König der Taurier, belehrt in Goethes »Iphigenie« seine edle, doch etwas eigensinnige Gesprächspartnerin: »Man spricht vergebens viel, um zu versagen; / Der andre hört von allem nur das Nein.« Auf dieses oft zitierte Wort beruft man sich auch in literarischen Kreisen. Dann aber lautet es: »Man spricht vergebens viel, um zu verreißen …« In der Tat zeigt es sich immer wieder, daß die Kritiker, die sich menschenfreundlich bemühen, die bittere Pille des Tadels ein wenig zu versüßen, den betroffenen Autor nicht beschwichtigen können: Er führt alle Beanstandungen auf die Gemeinheit und Dummheit des Rezensenten zurück, wenn nicht auf dessen Bösartigkeit oder gar Sadismus. Und die anerkennenden, die rühmenden Äußerungen? Die habe er, erklärt der Autor ungeniert, doch verdient, es sei selbstverständlich, daß seine guten Leistungen entsprechend gelobt würden.

Was geht das uns an, uns Kritiker? Nicht für die Schriftsteller schreiben wir, nicht für die Erzähler oder Lyriker, sondern für die Leser. Schon wahr, aber so einfach ist das wieder nicht. Die Autoren und die Kritiker – sie leben von und für die Literatur. Sie sitzen im selben Boot. Sie ziehen denselben Wagen, wenn auch mitunter in verschiedenen Richtungen. Architekten und Apotheker, Maler und Mediziner, Kaufleute und Komponisten – sie alle sind uns als Leser unserer Arbeiten hochwillkommen. Aber wer versteht von Dichtung mehr als die Schriftsteller?

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