III.3.1 Schule und Hochschule

Leseprobe

Von Heinrich Kaulen

3.1 Schule und Hochschule

Literaturwissenschaft im Spannungsfeld von Bildungsautonomie und beruflicher Professionalisierung

Anders als Jura, Medizin und die meisten technisch- naturwissenschaftlichen Fächer bereitet Literaturwissenschaft wie die anderen Kulturwissenschaften nicht unmittelbar auf ein konkretes und spezifisches Berufsfeld vor. Vielmehr sind, wie Eberhard Lämmert mit Recht konstatiert, »die unscharfen Ränder der erreichbaren Berufsfelder [...] mit der Eigenart des Faches gegeben« (Prinz/Weingart 1990, 185 f.), das seit seiner akademischen Institutionalisierung im 19. Jh. durch weiche Grenzen zu seinen Nachbardisziplinen und durch gleitende Übergänge zu unterschiedlichen Praxisbereichen konturiert wird. Entsprechend breit, vielfältig und heterogen sind in der Regel die Berufswünsche von Studienanfängern, die Optionen für studienbegleitende Praktika sowie die nach dem Studienabschluss de facto erreichbaren Berufskarrieren (vgl. Rathmann 2000, 182–237).

Die im Vergleich mit anderen Fächern unspezifische Berufsperspektive literaturwissenschaftlicher Studiengänge birgt Chancen und Risiken zugleich: Einerseits lässt sie den Studierenden mehr Wahlmöglichkeiten, verhindert eine vorzeitige Festlegung der eigenen Lebensperspektive und eröffnet jenseits von reduzierten Ausbildungszwecken Freiräume für unreglementierte individuelle Bildungsprozesse nach persönlichen Neigungen und Interessen. Eine Bildung, die mehr ist als die Ausbildung für einen bestimmten Beruf, schließt die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstentfaltung sowie zur kritischen Reflexion eines Systems funktionalistischer Zwänge in sich ein. Andererseits ist diese Offenheit, trotz der mit dem akademischen Abschluss erworbenen und in der Regel durchaus berufsrelevanten Kompetenzen und Qualifikationen, an der Schnittstelle von Universität und Arbeitswelt oft mit erheblichen Orientierungsproblemen, Statusunsicherheiten, der Übernahme unterqualifizierter und unterbezahlter Beschäftigungen und im schlimmsten Fall mit (zumindest zeitweiliger) Arbeitslosigkeit verbunden.

Hinzu kommt, dass die Vielfalt der potenziellen Berufsfelder dazu geführt hat, das literaturwissenschaftliche Studium von Ansprüchen der praxisnahen Literaturvermittlung und der beruflichen Professionalisierung so weit wie möglich frei zu halten. Gemäß der von Schiller, Schelling und anderen um 1800 proklamierten Polarisierung zwischen dem ›Brotgelehrten‹ und dem freien ›philosophischen Kopf‹ zog die Literaturwissenschaft es vor, sich als eine Disziplin zu begreifen, die nicht primär auf die Berufswirklichkeit außerhalb der Universität vorbereitet oder gar professionelle Qualifizierungsaufgaben erfüllt, sondern primär einer geistigen Bildung dient, die sich als autonom, zweckfrei, nichtinstrumentell und gegenüber allen pragmatischen Funktionszuschreibungen aus Wirtschaft und Arbeitswelt resistent versteht. Zwar wurden die allermeisten Absolventen nach Abschluss ihrer Ausbildung im 19. und 20. Jh. de facto Lehrer an Schulen und Hochschulen, in deutlich kleinerer Zahl auch Mitarbeiter in Verlagen und Zeitungen oder freibe- ruflich tätig. Im Selbstverständnis der an der Universität Lehrenden und Lernenden spielte dieser Umstand aber allenfalls eine marginale Rolle, weil sie sich primär als eine geistige Bildungselite und als Teil einer sie verbindenden akademischen Gemeinschaft definierten, vor der alle anderen ständischen oder beruflichen Differenzierungen in den Hintergrund treten konnten. Nur der Beruf des Hochschullehrers, zu dem realiter allenfalls eine Minorität der Studierenden befähigt war und in den eine noch kleinere Zahl nach dem Ende des Studiums tatsächlich wechseln konnte, blieb als heimliches Leitbild, das durch die akademische Lehre vermittelt und in der Person des Professors greifbar verkörpert wurde, ständig präsent.

Erst als es nach der Öffnung der Hochschulen für immer größere Studentenzahlen in den 1980er Jahren zu einer der zyklisch wiederkehrenden Überfüllungskrisen des schulischen Lehramts kam und sich mit dem Ansturm auf das zuvor kaum beachtete Magisterstudium die bis dato übliche Relation zwischen Lehramtsstudierenden und den Absolventen anderer Studiengänge erstmals massiv zugunsten der Letzteren verschob (vgl. Prinz/Weingart 1990, 185; Titze 1990), hielten zahlreiche neue Praxisfelder – vom Kulturjournalismus und der Kulturpädagogik über das Verlags- und Bibliothekswesen bis zur Beschäftigung mit Theater und Medien und zu Randbereichen wie der Editionsoder Übersetzungswissenschaft (vgl. auch III.3.2– III.3.4) – Einzug in die bis dahin weitgehend praxisresistenten Literaturwissenschaften und führten zu einer grundlegenden Debatte über die Praxisrelevanz und die berufsqualifizierenden Funktionen dieser Disziplinen (vgl. Griesheimer 1991). Parallel dazu wurde auf dem Gebiet der Lehrerausbildung die Fachdidaktik in den universitären Bildungsgängen stärker verankert. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN