Der deutschen Gegenwart mitten ins Herz

Eine unpathetische Anklage: Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Er brauche nur zum Fenster hinauszusehen – sagte Goethe zu Eckermann –, „um in straßenkehrenden Besen und herumlaufenden Kindern die Symbole der sich ewig abnutzenden und immer sich verjüngenden Welt beständig vor Augen zu haben“. Es sei gar nicht notwendig, aus dem Hause zu gehen – meinte Kafka: „Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden.“

Daß dies auch heute gilt, ist eine Trivialität, an die man freilich nicht oft genug erinnern kann. Nach wie vor liegen die Themen und Stoffe auf der Straße, und Symbole gibt es überall. Aber es genügt nicht, ein Fenster zu haben. Man muß auch noch sehen und schauen können. Wie eh und je bietet sich die Welt zur Entlarvung an, nach wie vor windet sie sich vor den Augen der deutschen Schriftsteller. Aber sie nehmen sie nicht. Warum?

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Der Beitrag gehört zu Marcel Reich-Ranicki: Mehr als ein Dichter. Über Heinrich Böll. Erweiterte Neuauflage.





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