Der Traum vom Gegenleben

Ein reicher und reifer Roman des Amerikaners Philip Roth (1989)

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Der Amerikaner Philip Roth hat nie daran zweifeln lassen, für wen vor allem seine Bücher bestimmt und gegen wen sie gerichtet sind: für und gegen die Juden in den Vereinigten Staaten. Natürlich sind ihm auch alle anderen Leser jenseits und diesseits des Atlantiks willkommen, aber nicht sie will er ärgern oder attackieren, und die Frage, wie Nichtjuden seine oft vehemente Kritik der Juden auffassen und ob sie in ihr vielleicht sogar die Bestätigung und Rechtfertigung antisemitischer Gedanken und Parolen sehen, schien ihm von Anfang an wenn nicht gleichgültig, so doch jedenfalls nebensächlich.

Daß Philip Roth dies wagen konnte, hat mit zeitgeschichtlichen Vorgängen zu tun: Er debütierte 1959 mit dem Erzählungsband „Goodbye, Columbus“ und erzielte seinen größten Erfolg 1969 mit dem Roman „Portnoys Beschwerden“. Prompt wurde dem jungen Roth von jüdischer Seite vorgeworfen, er mobilisiere antisemitische Reaktionen. Gelegentlich hieß es sogar, er verrate die Sache der Juden. Damit war bewiesen, daß es ihm gelungen war, tabuisierte Motive aufzugreifen und sein Publikum zu provozieren. Aber so radikal und frech diese Provokation auch war, sie wurde immerhin als diskutabel empfunden: Man hat Roth zwar scharf kritisiert, doch letztlich nicht verurteilt. Denn ein großer Teil jener jüdischen Leserschaft, die er aufregen wollte, war – vornehmlich dank der Existenz des Staates Israel – schon selbstbewußt genug, um seine Bücher als satirische Herausforderungen hinzunehmen und nicht als bedrohliche Kriegserklärungen mißzuverstehen.

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Aus Marcel Reich-Ranicki: Über Philip Roth. Hg. von Thomas Anz. Sonderausgabe von literaturkritik.de. Verlag Literaturwissenschaft.de Marburg





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