III.4.1 Wissenschaftliche Publikationskulturen und Texttypen

Leseprobe

Von Winfried Thielmann

4.1 Wissenschaftliche Publikationskulturen und Texttypen

Historisches und Systematisches

Natur- und Geisteswissenschaften publizieren in sehr unterschiedlichen Formen: Während in den Naturwissenschaften die Textart des wissenschaftlichen Artikels dominiert, der in Zeitschriften mit möglichst hohem impact factor (Zitationsfrequenz) als Produkt von Forschergruppen meist auf Englisch erscheint, kommt in den – vielfach noch einzelsprachlich gebundenen – Geisteswissenschaften nach wie vor der Monografie sowie dem Sammelband ein hoher Stellenwert zu. Diese Differenzen haben historische und systematische Gründe.

Die Epoche, die der modernen Wissenschaft vor ausging, die Scholastik, war in ihrem Wissenschaftsverständnis nicht dem neuen, sondern dem tradierten Wissen verpflichtet. Dieses Wissen wurde erweitert, indem man an kanonisierte Texte Fragen herantrug, was zu der Quaestio als stark formalisierter Textart führte. Die Scholastik verfügte mit dem Lateinischen über eine wissenschaftliche Universalsprache. Zur Ausbildung eines modernen Wissenschaftsverständnisses kam es, als eine immer komplexer werdende, maximegeleitete Produktionspraxis systematischer Begründung bedurfte (vgl. Mittelstraß 1970). In diesem Zusammenhang ist besonders Galilei zu nennen, der mit seinen Discorsi (1637) die moderne Experimental- physik begründete. Das Lateinische ist hier bereits weitgehend aufgegeben. Stattdessen bedient sich Galilei des Italienischen, da die Hypothesenbildung einer Wissenschaft, die sich nicht mehr mit tradiertem Wissen befasst, sondern mit der Wirklichkeit, auf vernakulärsprachliche (›volkssprachliche‹) Mittel angewiesen ist (vgl. Thielmann 2003 und 2006).

In diesem Zusammenhang ist der Zweck einer Textart zu sehen, die besonders in den Naturwissenschaften dominiert: Die Entstehung des wissenschaftlichen Artikels ist eng verbunden mit der Bildung von nationalen Akademien im 17. und 18. Jh. Es handelte sich um Gelehrtengesellschaften, die den Austausch von Wissen untereinander organisierten und die Beiträge der Gelehrten auch gebildeten Laien zugänglich machten, wie z. B. die 1660 gegründete Royal Society of London oder, im deutschsprachigen Bereich, die 1700 von Leibniz gegründete Berliner Akademie der Wissenschaften. Das Ziel dieser Akademien war die Bildung einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit, einer scientific community.

Auf Basis der materialreichen Untersuchungen Bazermans (1988, 59 ff.) lässt sich dies exemplarisch anhand der Royal Society of London nachvollziehen. Zwischen 1665 und 1700 wurden Experimente hauptsächlich vor den versammelten Mitgliedern der Society durchgeführt. In den Philosophical Transactions, der Zeitschrift dieser Gesellschaft, erfolgte anschließend ein kurzer Bericht über diese Demonstrationen, über deren Ergeb- nisse bereits Einigkeit herrschte. Diese Form der demonstratio ad oculos war im 18. Jh. nicht mehr aufrechtzuerhalten, weswegen methodische und theoretische Fragen auch in den Transactions zunehmend wichtiger wurden. […]

Publikationsformen in den Naturwissenschaften

Naturwissenschaftliche Zeitschriften führen zu den eingesandten Beiträgen grundsätzlich ein peer review durch, d. h. sie lassen die Beiträge durch – anonym bleibende – Fachwissenschaftler begutachten. In diesem Prozess wird darüber entschieden, ob ein Beitrag angenommen, zur Überarbeitung zurückgegeben oder abgelehnt wird. Da Fragen nach der Priorität sowie der Zurechenbarkeit wissenschaftlicher Einzelleistungen in den Naturwissenschaften ein hoher Stellenwert zukommt, werden im Falle der Mehrautorenschaft die Autorennamen nicht in alphabetischer Reihenfolge, sondern nach dem Eigenanteil an der Forschungsleistung aufgeführt. So enthalten beispielsweise folgende Angaben Informationen, die angemessen nur in Kenntnis bestimmter Konventionen ganz verstanden werden: »Immunostimulatory RNA oligonucleotides trigger an antigen-specific cytotoxic T cell and IgG2a response. Bourquin C, Schmidt L, Hornung V, Wurzenberger C, Anz D, Sandholzer N, Schreiber S, Voelkl A, Hartmann G, Endres S. Blood. 2007 Apr 1; 109(7): 2953–2960.« Der zuerst und der zuletzt genannte Autor, hier also Bourquin C und Endres S, haben gemeinsam den höchsten Stellenwert. Der Erstautor hat die Experimente meist selbst durchgeführt oder unmittelbar koordiniert, der Letztautor ist meist Chef der Abteilung, in der der Forschungsbeitrag entstanden ist. Zweit- und Drittautor haben einen entscheidenden Teil der praktischen Arbeit geleistet, der Vorletztautor ist häufig der Chef einer kooperierenden Arbeitsgruppe. Weiterhin gibt es einen corresponding author, der immer markiert ist. An ihn können sich bei Kritik, Zweifeln oder Fragen alle Leser des Artikels wenden. Corresponding author ist fast immer der Erst- oder Letztautor.

Die Reputation eines Naturwissenschaftlers bemisst sich auch wesentlich danach, in welchen Zeitschriften er veröffentlicht. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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