III.4.2 Medien der Literaturwissenschaft

Leseprobe

Von Ernst Rohmer

4.2 Medien der Literaturwissenschaft

Die Medien, die einer wissenschaftlichen Disziplin zur Verfügung stehen, sind von zentraler Bedeutung für die Teilhabe des einzelnen Forschers am wissenschaftlichen Diskurs. Sie sind nach den Worten Peter J. Brenners Teil der »literaturwissenschaftlichen ›Lebenswelt‹«. Über sie werden Thesen, Methoden und Resultate sowie deren Bewertung kommuniziert, über den Zugang zu diesen Medien wird aber auch der Status des Einzelnen innerhalb der Fachgemeinschaft geregelt und nach außen signalisiert. Die Präsenz in bestimmten anerkannten wissenschaftlichen Reihen oder Zeitschriften verschafft dem Forscher symbolisches Kapital.

Damit die Medien diese Rolle übernehmen können, müssen sie im Hinblick auf ihre Beschaffenheit, aber auch ihre institutionelle Bedeutung eine gewisse Stabilität aufweisen: Wer den Herausgebern einer Zeitschrift einen Aufsatz zur Veröffentlichung vorschlagen will, muss den Standort der Zeitschrift in der Fachwissenschaft einschätzen können und bei der Herstellung des Textes texttypenspezifische Erfordernisse berücksichtigen; wer für seine Monografie einen Platz in einer angesehenen Reihe sucht, muss eine Leistung vorlegen, die sich auch unter mehrfacher Begutachtung als publikationswürdig erweist. Der sichere Umgang mit dem Kommunikationssystem, das sich auf die Medien der Wissenschaft stützt, ist also Voraussetzung für den beruflichen Erfolg des Autors wie für die Verbreitung der Forschungsergebnisse innerhalb einer interessierten Fachöffentlichkeit. Insofern verwundert es nicht, dass die Fachgemeinschaft auch unter sich verändernden institutionellen, technischen und wirtschaftlichen Bedingungen an den eingeführten Medien und an den mit ihnen verbundenen Bewertungsmechanismen festhält.

Gleichwohl hat die Literaturwissenschaft in den 1990er Jahren eine allmähliche Abkehr von den traditionellen Publikationsformen und -medien erlebt. Ernst Osterkamp beschrieb 2001 in einem Aufruf zur Diskussion im Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft eine Krise vor allem der fachwissenschaftlichen Zeitschriften (vgl. Osterkamp 2001, 1–7) und stieß damit überwiegend auf Zustimmung. Beklagt wurde allgemein, dass die sich immer weiter ausdifferenzierende Literaturwissenschaft zahlreiche Neugründungen von Reihen und Zeitschriften nach sich ziehe, die wiederum zu Unübersichtlichkeit, aber auch zum Absenken der wissenschaftlichen Standards bei der Prüfung auf die Publikationswürdigkeit des einzelnen Beitrags führe. Überdies beobachtete er eine durch Tagungsbände und Festschriften geförderte Tendenz, dass anstelle der monografischen Darstellung größerer Zusammenhänge eine Fülle von Vorüberlegungen, Studien und Skizzen in Tagungsbänden und Festschriften veröffentlicht werde, die dem wissenschaftlichen Fortschritt nicht mehr dienen könne, weil sie nurmehr im kleinen Kreis der Spezialisten zur Kenntnis genommen werde. Als Konsequenz beobachtet Osterkamp, dass die »eigentlichen intellektuellen Debatten« außerhalb des Faches, »etwa in den Feuilletons der großen Tages- und Wochen- zeitungen« oder in den Kulturzeitschriften, geführt werden (ebd., 6).

Dieser Einschätzung ist Thomas Anz auf dem Germanistentag 2004 entgegengetreten3 und hat dabei auf den völlig verschiedenen Adressatenkreis von Fachpublikationen und Beiträgen für Feuilletons und Kulturzeitschriften hingewiesen. In der fachinternen Reflexion über die Medien der Disziplin ist diese Differenzierung bisher kaum mitbedacht worden. Es gehört zu den stillschweigend, aber allgemein akzeptierten Erwartungen sowohl der Fachwissenschaftler selbst als auch der breiteren Öffentlichkeit, dass sich Literaturwissenschaftler über ihren – immerhin muttersprachlichen – Gegenstand in einer für jedermann zu jeder Zeit verständlichen Weise äußern. Sieht man einmal davon ab, dass auch viele Fachwissenschaftler Ergebnisse von Spezialisten lieber im Feuilleton zusammengefasst lesen als sich in deren Gebiet durch Lektüre der relevanten Publikationen einzuarbeiten, so kann schon ein Blick auf die Fülle möglicher Darstellungsformen literaturwissenschaftlichen Wissens zeigen, dass sich jede an ein anderes Publikum wendet und somit auch andere Voraussetzungen hinsichtlich des Vorwissens und möglicher Durchdringung des Gegenstands zu berücksichtigen hat. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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