III.4.3 Monografie

Leseprobe

Von Heinrich Kaulen

4.3 Monografie

Begriff und Definition

Unter den Textsorten des literaturwissenschaftlichen Publizierens nimmt die Monografie eine Sonderstellung ein. Zwar sieht sie sich heute, nachdem sie lange Zeit geradezu als das Spezifikum einer ›individualisierenden‹ geisteswissenschaftlichen Forschungspraxis gegolten hat, zunehmend dem Druck konkurrierender Publikationsformen – wie Handbüchern, Sammel- und Tagungsbänden oder Projektberichten – gegenüber, in denen sich auch auf dem Gebiet der Literaturwissenschaften die wachsende Bedeutung von kooperativen und interdisziplinären Forschungsverbünden für die Untersuchung hochgradig komplexer und ausdifferenzierter Gegenstandsfelder der modernen Wissensgesellschaft artikuliert. Dennoch hat sie auch in der gegenwärtigen fachinternen und -externen Kommunikation der literaturwissenschaftlichen Disziplinen ihren festen und unangefochtenen Platz.

Dabei versteht man unter einer Monografie jenen Typus einer von einem individuellen Verfasser stammenden wissenschaftlichen Abhandlung, der sich mit einem einzelnen Forschungsgegenstand – dem Leben und Werk eines Autors, einem singulären Werk oder einem spezifischen Einzelproblem – auseinandersetzt. Das griechische Wort monographein wurde bei der Übernahme in die Wissen- schaftssprache ursprünglich primär auf den beschriebenen Gegenstand und nur sekundär auf die individuelle Autorschaft dieser Werke bezogen, doch ist die Karriere dieses Begriffs in der Folgezeit sicherlich nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, dass in ihm beide Bedeutungsebenen zugleich assoziiert und zwanglos miteinander verbunden werden können. Monografische Studien nehmen eine enge Sektoralisierung und Partikularisierung wissenschaftlicher Problemfelder vor und versprechen sich von dieser klaren Segmentierung ihres Gegenstandsbereichs einen Zuwachs an Präzision, Eindringlichkeit und Differenzierung. Vor allem in der älteren Forschungspraxis ist diese auf das Einzelne und Individuelle gerichtete Perspektive in der Regel mit dem Konzept einer inneren Unendlichkeit und Totalität verbunden, das an die neuhumanistische Vorstellung des Individuums als einer in sich geschlossenen Ganzheit anschließt. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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