III.4.6 Vorschule wissenschaftlichen Schreibens und Publizierens: Seminar- und Abschlussarbeiten

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4.6 Vorschule wissenschaftlichen Schreibens und Publizierens: Seminar- und Abschlussarbeiten

Einführung: Die Seminararbeit als künstliche Gattung zwischen wissenschaftlichem Aufsatz und Buch

Die Seminararbeit ist eine Textsorte, die außerhalb der Universität und in der öffentlichen Kommunikation der Wissenschaft nicht existiert. Sie ist eine hybride Gattung zwischen wissenschaftlichem Aufsatz und buchförmiger Monografie, den beiden wichtigsten Publikationsformen in den Kulturwissenschaften. Dem wissenschaftlichen Buch gleicht sie darin, dass sie, zum Teil im Gegensatz zum Aufsatz, ein Titelblatt, ein Inhalts- und ein Literaturverzeichnis hat, dem wissenschaftlichen Aufsatz ähnelt sie im Umfang. Das Schreiben von Seminararbeiten ist eine Vorübung für beides: das Verfassen wissenschaftlicher Aufsätze und Bücher (bzw. von Manuskripten, aus denen Bücher entstehen). Die Ansprüche steigen dabei mit der Dauer des Studiums. Während Seminararbeiten im zweiten oder dritten Semester eine Länge von etwa 10 Seiten haben, verdoppelt sich der Umfang meist nach dem vierten. Magister-, Diplom- und Staatsexamensarbeiten oder Abschlussarbeiten am Ende eines Bachelor- und Masterstudiengangs unterscheiden sich von Seminararbeiten nicht in der Form, sondern nur in ihrem Anspruch und in ihrem noch größeren Umfang. Hier nähert sich dieser mit ca. 80 Seiten dem eines schmalen Buches. Wer danach noch eine Dissertation schreibt, bereitet die Veröffentlichung eines vollwertigen Buches vor.

Obwohl die Seminararbeit eine künstliche Gattung im akademischen Ausbildungsbereich ist, hat sie einen eminent wichtigen Bezug zur Praxis wissenschaftlicher Kommunikation. In Form von Vorträgen und Diskussionen, die in Seminaren ebenfalls eingeübt werden, erfolgt diese Kommunikation durchaus auch mündlich, zum größten und wohl wichtigsten Teil aber eben schriftlich. Stärker als die mündliche Rede ist die schriftliche Kommunikation der Ordnung eines Diskurses unterworfen, dessen Regeln man im Studium passiv und aktiv zu beherrschen lernt wie eine Sprache. Insofern im Folgenden einige dieser Regeln in Form von knapp gehaltenen Anleitungen formuliert werden, liegt hier eine Art »normative Poetik« (Vogt 2002, 81) der wissenschaftlichen Gattung Seminararbeit vor. Die Form, die für diese ›Poetik‹ gewählt wurde, imitiert dabei, soweit es der formale Rahmen des Handbuchs, in dem diese Anleitungen stehen, zulässt, eben die Formen, die beschrieben werden. Das ist so, wie wenn man eine Anleitung zum Schreiben eines Sonetts in Form eines Sonetts liest. Diese Form hat den Vorzug der Anschaulichkeit, die Studierenden manche umständlichen und abstrakten Umschreibungen einfacher Sachverhalte erspart. Man kann die Form einfach imitieren. Die Ausführungen helfen darüber hinaus, sie zu reflektieren. Das Motto dieser Anleitung könnte lauten: ›Imitieren statt studieren!‹ Vielleicht ist das generell im Studium der leichtere und erfolgreichere Weg: Bevor Sie (mit der Anrede wechselt der Beitrag nun ganz in die Diktion einer Anleitung über) lange und abstrakte Einführungen in die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens lesen, lesen Sie literaturwissenschaftliche Publikationen, und zwar möglichst viele. Und beobachten Sie und vergleichen Sie dabei aufmerksam, was professionelle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Verlage in der Praxis tun.

Sie werden dabei allerdings, wenn Sie den Blick auf Formales fokussieren, zunächst vielleicht irritiert sein. Denn die wissenschaftlichen Schreibund Publikationsformen unterscheiden sich bei genauerem Hinsehen in der Praxis erheblich. Selten gleicht ein Buch dem anderen, und auch Aufsätze orientieren sich an unterschiedlichsten formalen Vorgaben. Wenn Sie im Folgenden bestimmte Formen des Zitierens, der bibliografischen Angaben oder des Layouts vorgeführt und empfohlen bekommen, dann entspricht das dennoch der professionellen Praxis. Denn auch Wissenschaftler, die für eine bestimmte Zeitschrift, einen bestimmten Verlag oder eine bestimmte Buchreihe schreiben, müssen sich Regeln unterwerfen. Diese werden ihnen von Zeitschriftenredaktionen oder Verlagen in Form von ›Stylesheets‹, ›Hinweisen für Mitarbeiter‹ und dergleichen vorgegeben. Solche Vorgaben, wie sie auch die Mitarbeiter dieses Handbuchs erhalten haben und denen auch dieser Handbuchbeitrag folgt, enthalten Anweisungen, nach denen man sein Manuskript einrichten soll.

Die nach solchen Maßgaben angefertigten Manuskripte bzw. Dateien werden von Redaktionen oder Lektoraten, Herstellungsabteilungen und Satzanstalten so bearbeitet, dass die gedruckten Fassungen einem vorher festgelegten Layout entsprechen. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Seminar- oder Abschlussarbeit und wissenschaftlicher Publikation. Bei der Seminararbeit sind Sie nicht nur Autor, sondern zugleich Ihr eigener Lektor, Hersteller, Setzer und Drucker. Auch das gehört zu den in ihrem didaktischen Wert gar nicht hoch genug einzuschätzenden Übungseffekten des Schreibens und Herstellens von Seminararbeiten. Sie sind eine Vorschule nicht nur für die Praxis des wissenschaftlichen Schreibens, sondern unter anderem auch für Redaktions- und Lektoratsarbeiten in Verlagen.

Die Beherrschung der Form ist dabei freilich nur eine Basistechnik. Größeres Gewicht hat die inhaltliche Qualität. Ziel der anhand von Seminar- und Abschlussarbeiten durchgeführten Schreibübungen während eines Studiums ist es oder sollte es sein, ein fachwissenschaftliches Niveau zu erreichen, das in seinen schriftlichen Fixierungen das Prädikat ›publikationswürdig‹ verdient. Auch hier hilft Imitation und Übung. Wer ein bestimmtes inhaltliches Niveau erreicht hat (was schwer ist), sollte das Erreichte allerdings nicht durch formale Unbeholfenheit in Misskredit bringen. Das zu vermeiden ist relativ leicht. Doch bedarf es dazu einiger Konzentration und Anstrengung. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.

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Thomas Anz: Fehlerkorrektur In Bd. 3, Fußnote 104, auf S. 363 muss es statt "Eco, Umberto" nur "Eco" heißen.





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