Einführung

Von August MöhleRSS-Newsfeed neuer Artikel von August Möhle

Was in diesem Buche unter dem Titel „Israel und Juda. Sage und Geschichte, Aufstieg und Niedergang, Weisheit und Hoffnung eines Volkes in Selbstzeugnissen“ erscheint, ist in seinen ersten zwei Dritteln nichts anderes, als was die Kirchen „Die Heilige Schrift des Alten Testaments“ nennen.

Die Verschiedenheit der Titel kennzeichnet die Verschiedenheit der Auffassung von ein und derselben Sache. Die kirchliche Auffassung stammt aus dem Judentum; sie wurde zugleich mit dem Buche selbst übernommen. Bei den Juden hatten zunächst, und zwar im 4. Jahrhundert v. Chr., die fünf Bücher Mose („das Gesetz“) das Ansehen einer heiligen Schrift erlangt. An sie wurden bis etwa 200 v. Chr. angehängt „die Profeten“, und zwar die „vorderen“, nämlich die Geschichtsbücher Josua, Richter, Samuel und Könige, und die „hinteren“, eigentlichen Profetenbücher, nämlich die drei „großen“ Jesaja, Jeremia, Hesekiel und die zwölf „kleinen“ Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk, Zefanja, Haggai, Sacharja, Maleachi. Dazu kam dann später noch die Gruppe der (heiligen) „Schriften“, nämlich Psalmen, Hiob, Sprüche, Rut, Hoheslied, Prediger, Klagelieder, Ester Daniel, Esra-Nehemia, Chronik.

In dieser heiligen Schrift seines Volkes lebte und webte auch Jesus, das religiös Wesentliche betonend, äußerliche Gebote mit tieferem Sinn erfüllend oder, gelegentlich kühn über sie hinwegschreitend, die Lösung der Frage, die damals sein Volk bis in die tiefsten Tiefen bewegte, nämlich die Befreiung von der Herrschaft der heidnischen Römer, nicht durch menschliche Gewalt, sondern durch ein Eingreifen Gottes gemäß Daniel VII erwartend.

Für die Anhänger Jesu, die bald nach seiner Kreuzigung sich in Jerusalem unter der Führung des Petrus zusammenschlossen, gewann diese heilige Schrift, die sie nach der Weise der Zeit wie ein geheimnisvolles heiliges Orakelbuch lasen und auf ihre Gegenwart bezogen, eine besondere Bedeutung dadurch, daß sie in ihr die Lösung des Rätsels fanden, das ihnen der unerwartete Ausgang des Lebens Jesu aufgab: Nach Gottes vorgefaßtem Plan (Apostelgeschichte II 23), den alle Profeten verkündeten (III 24), mußte sein Gesalbter (Christus) leiden (Jesaja LIII in Apg. VIII 32.33), nachdem Könige und Fürsten sich gegen Gott und ihn empört hatten (Psalm II 1.2 in Apg. IV 25-28). Aber Gott hat den von den Maurern verworfenen Stein zum Eckstein gemacht (Psalm CXVIII 22.23 in Apg. IV 11), ihn von den Toten auferweckt (5. Mose XVIII 15 in Apg. III 22; Psalm XVI 8-11 in Apg. II 24-28) am dritten Tage (1. Korinther XV 3.4 nach Hosea VI 2), ihn seinen Sohn genannt (Psalm II 7 in Apg. XIII 33) und ihn zu seiner Rechten in den Himmel erhoben bis zu dem Tage, wo er seine Feinde zum Schemel seiner Füße macht (Psalm CX 1.2 in Apg. II 34.35).

Diese Bedeutung behielt die Heilige Schrift der Juden auch für die in immer größeren Scharen zum Christentum übertretenden Heiden und als aus Evangelien und Apostelschriften den Christen eine zweite, eigene Heilige Schrift, das Neue Testament, erwuchs. Nur lasen die Heidenchristen (ebenso wie die außerhalb Palästinas aufgewachsenen Juden) nicht den hebräischen Urtext, sondern die seit dem 3. Jh. v. Chr. im ägyptischen Alexandria entstandene griechische Übersetzung der Septuaginta, die einige Bücher mehr enthielt als der hebräische Text, u.a. Esra, Judit, Tobias, Makkabäer, Jesus-Sirach, Susanna.

Der großangelegte Versuch des Kleinasiaten Markion, um das Jahr 140 von Rom aus das Alte Testament wegen der Unvereinbarkeit seiner Gottesvorstellung mit der christlichen abzustoßen und die Heilige Schrift auf Lukasevangelium und zehn Paulusbriefe (nach vorheriger Reinigung vom Alttestamentlichen) zu beschränken, wurde von der Kirche nach langem, hartem Kampf unterdrückt.

Um das Jahr 400 übersetzte Hieronymus den hebräischen Text des Alten Testaments ins Lateinische und überprüfte die ältere lateinische Übersetzung der meisten nur in der Septuaginta enthaltenen Bücher sowie das Neue Testament. Dieses Werk wurde (abgesehen vom Psalter) unter dem Namen Vulgata in der Römisch-katholischen Kirche der allein maßgebende Text.

Auch die Reformatoren des 16. Jhs. hielten, abgesehen von einigen Vorbehalten und Bedenken Luthers, am Alten Testament als dem Worte Gottes und an seiner „heilsgeschichtlichen“ Beziehung auf das Neue Testament fest. Ja, die nachlutherische Orthodoxie steigerte den Begriff „Gottes Wort“ zu der Auffassung, daß die Tätigkeit der Verfasser der biblischen Bücher sich darauf beschränkt habe, das ihnen von Gott Eingegebene wortwörtlich niederzuschreiben (Verbalinspiration). Wie Hieronymus so übersetzten auch Luther und andere Reformatoren das Alte Testament aus dem Hebräischen; doch brachte Luther die nur in der Septuaginta vorhandenen Bücher bloß anhangweise unter dem Titel „Apocrypha“ als „der heiligen Schrift nicht gleich gehalten und doch nützlich und gut zu lesen“, während andere Reformatoren sie ganz verwarfen. An der grundsätzlichen Haltung der protestantischen Kirchen zum Alten Testament hat sich bis heute nichts geändert. Das trifft auch für alle anderen christlichen Kirchen zu.

Inzwischen hat sich aber seit der Aufklärungszeit eine von kirchlichen Dogmen freie, neuzeitlicher Weltanschauung entsprechende Auffassung vom Alten Testament entwickelt.

Der jüdische Philosoph Baruch de Spinoza gab (in seinem theologisch-politischen Traktat vom Jahre 1670) erstmalig eine kritische Gesamtschau über das Alte Testament als ein nationales und literarisches Erzeugnis neben kritischer Zersetzung vieler Einzelheiten der synagogalen und kirchlichen Auffassung.

Herder lehrte in seiner 1782/3 erschienen Schrift „Vom Geist der Ebräischen Poesie“, auf die dichterischen Schönheiten des israelischen Schrifttums achten und es aus Wesen und Geschichte des Volkes Israel heraus verstehen.

Schon in der Mitte des 18. Jhs. hatte eine gründliche wissenschaftliche Erforschung des Alten Testaments begonnen. Im Jahre 1753 veröffentlichte der französische Arzt Jean Astruc seine Vermutungen über die Quellschriften, derer sich Mose bei der Abfassung seines 1. Buches bedient zu haben scheine. Aufgrund des Wechsels der Gottesbezeichung (Jahwe / Elohîm) unterschied Astruc hier zwei Hauptquellschriften. Diese Entdeckung eines Laien bekam umwälzende Bedeutung. Auf Astrucs Bahn fortschreitend erkannte man, daß seine Elohîm-Quelle in Wirklichkeit aus zwei Quellen bestand, die sich beide der Gottesbezeichung Elohîm bedienen: dem Elohisten und dem Priesterkodex; daß aus diesen drei Quellen auch das 2., 3. und 4. Buch Mose zusammengesetzt ist und daß das 5. Buch Mose (griechisch: Deuteromomium = zweites Gesetz) fast ganz einer vierten Quelle angehört, die das Gesetz enthält, das i.J. 621 die Kultusreform des Königs Josia auslöste.

Dieser Quellenscheidung verhalf Julius Wellhausen durch seine 1876/7 veröffentlichten Untersuchungen zum Siege.Er wies 1878 in seinen „Prolegomena zur Geschichte Israels“ endgültig nach, daß der Priesterkodex, den man früher gewöhnlich für sehr alt gehalten hatte, in Wirklichkeit die jüngste Schicht der sogenannten Mosaischen Gesetzgebung ist. So ergab sich ihm eine ganz neue Gesamtauffassung von der politischen und religiösen Geschichte Israels, die er aus tiefem und reifem geschichtlichen und religiösen Verstehen heraus mit großer Anschaulichkeit in seiner erstmalig 1894 erschienenen „Israelitischen und Jüdischen Geschichte“ vortrug. Dieses Buch gesellt sich ebenbürtig zu den größten Geschichtswerken des 19. Jahrhunderts. Mit ihm und den Prologomena muß sich auch heute noch jeder auseinandersetzen, der über diese Dinge mitreden will.

Von großer Bedeutung für das geschichtliche Verständnis des Alten Testaments wurden auch die Ausgrabungen in Palästina und seinen Nachbarländern, besonders in Mesopotamien und Ägypten, und die damit verbundene Enträtselung der babylonisch-assyrischen und der ägyptischen Schriftdenkmäler. Dadurch wurde nicht nur die Zeitrechnung auf eine sicherere Grundlage gestellt, sondern man lernte auch die israelische Geschichte, Religion und Kultur aus dem Zusammenhang mit ihrer Umwelt besser verstehen.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen der kirchlichen und der wissenschaftlichen Auffassung besteht darin, daß die Kirchen das Alte Testament heilsgeschichtlich-übernatürlich auf Jesus und die christliche Kirche beziehen, die Wissenschaftler aber es zeitgeschichtlich-natürlich aus Zeit und Umwelt seiner Verfasser zu verstehen suchen.

Vom Standpunkt religiöser Bewertung aus hat Adolf von Harnack noch 1924 das Verhalten der Kirchen mit folgenden harten Worten angegriffen: „Klar hat Schleiermacher erkannt und andere neben ihm, daß jede Art der Gleichstellung des Alten Testaments mit dem Neuen und jede Autorität desselben im Christentum unstatthaft ist. Seit einem Jahrhundert wissen das die evangelischen Kirchen und haben nach ihren Prinzipien die Pflicht, dem Folge zu geben, d.h. das Alte Testament zwar an die Spitze der Bücher zu stellen, die gut und nützlich zu lesen sind, und die Kenntnis der wirklich erbaulichen Abschnitte in Kraft zu erhalten, aber den Gemeinden keinen Zweifel darüber zu lassen, daß das Alte Testament kein kanonisches Buch ist. Aber diese Kirchen sind gelähmt und finden nicht die Kraft und den Mut, der Wahrheit die Ehre zu geben; sie fürchten sich vor den Folgen des Bruchs mit der Tradition, während sie die viel verhängnisvolleren Folgen nicht sehen oder mißachten, die fort und fort aus der Aufrechterhaltung des Alten Testaments als heiliger und daher untrüglicher Schrift entstehen.“

„Heute ist“, so kann man mit Albert Schweitzer fortfahren, „die Lage des Christentums die, daß es die so vielfach versäumte offene Auseinandersetzung mit der historischen Wahrheit nur unter schweren Kämpfen nachholen kann.“

Nicht weniger heftig waren die Angriffe, die besonders vom Ende des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gegen das Alte Testament selbst gerichtet wurden aus rassischer Abneigung gegen das heutige Judentum. Sie führten zu seiner jahrelangen, fast völligen Ausschaltung aus dem Schulunterricht und zu dem heutigen Mangel an mit ihm und der hebräischen Sprache vertrauten Lehrern.

Dadurch und durch den Widerspruch, den schon vorher die allzu lange Darbietung des Alten Testaments als heiliger Schrift seitens der Kirchen in weiten Kreisen erregt hatte, ist seine Kenntnis unserem Volke fast verloren gegangen. Zwei Jahrhunderte angestrengtester und von glänzenden Erfolgen gekrönter Forschung scheinen nur noch für wenige Gelehrte Bedeutung zu haben.

Und doch ist das Alte Testament immer noch eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur. Mit einer Anschaulichkeit wie kein anderes führt es uns ein in Geschichte und Kultur des alten Morgenlandes, läßt uns teilnehmen an der Entwicklung einer Religion von rohen und kindlichen Anfängen und völkischer Gebundenheit zu der Höhe von Micha VI, Jesaja LIII und Buch Hiob und ist unentbehrlich für das Verständnis der Entstehung des Christentums, des Islams und des heutigen Judentums sowie für das Verständnis des Schrifttums und der bildenden Künste der christlichen Völker, denen es so reichen Stoff geboten hat.

Meine Ausgabe dieses Buches wendet sich in erster Linie an Leser, die sich nicht damit begnügen, einige Stücke herauszusuchen, die ihnen besonders gefallen, sondern die ein Gesamtbild von Israels Geschichte, Religion und Schrifttum bekommen möchten, und das in einer leicht und angenehm lesbaren Form. Darum habe ich es folgendermaßen gestaltet:

1. Ich habe ausgelassen Dinge, die nur für ihre Zeit von Interesse waren, den heutigen Lesern den Weg zu dem, was sie suchen, versperren, so z.B. Stammbäume, Einzelheiten kultischer Gesetzgebung, Drohreden gegen fremde Völker, ferner zahlreiche Wiederholungen, Weitschweifigkeiten, spätere Zusätze, verderbte und unverständliche Stellen. Dadurch war ich imstande, den Umfang ganz erheblich zu vermindern, ohne daß ein Verlust an Gehalt eingetreten wäre. Auch Kunstgeschichtler und Literaturgeschichtler werden kaum etwas vermissen. Vor einer Verfälschung des Gesamteindrucks, wie sie leicht durch einseitige Auswahl entstehen kann, habe ich mich streng gehütet. Wie Israel sich selbst in seinem Schrifttum gespiegelt hat, so sollte es mit all seinen Vorzügen und Mängeln erscheinen.

2. Ich habe den Text oft neu geordnet und z.B. in der Sintflutgeschichte die beiden Quellschriften, Jahwisten und Priesterkodex, voneinander geschieden und in 1. Samuel VII-XII die dem Königtum feindliche Erzählergruppe (Samuellegende) von der ihm freundlichen (Sage und Geschichte); die profetischen Bücher in die geschichtlichen da eingeschoben, wo sie mir zeitlich hinzugehören scheinen, damit der Leser auch ohne besondere Studien und mühsames Zusammensuchen lebensvolle geschichtliche Gesamtbilder erhält; die sehr verworrenen sog. Salomonischen Sprüche und die des Jesus Sira miteinander zu inhaltlich verwandte Gruppen vereinigt usw.

3. Ich habe mich um volkstümliches Gegenwartsdeutsch und um eine dem Urtext entsprechende Mannigfaltigkeit des Stils bemüht und zu diesem Zweck die Luthersche und die besten (auch katholischen) neuzeitlichen Übersetzungen benutzt und meiner Textgestaltung jeweils die Übersetzung zu Grunde gelegt, die mir für das betreffende Buch oder den betreffenden Abschnitt die stilistisch gelungenste zu sein schien, diese aber unter ständiger Heranziehung des hebräischen Urtextes und der Septuaginta aus den anderen Übersetzungen und aus Eigenem zu verbessern gesucht. So erscheinen nun die geschichtlichen Bücher in der schönen Herbheit unserer heutigen Prosa, die Profetensprüche in freien Rhythmen, die Psalmen in Anlehnung an Luthers die Bildhaftigkeit des Urtextes glücklich bewahrende Übertragung, die Dichtung von Hiobs Hader mit Jahwe aber in Sprache und Versmaß des klassischen deutschen Dramas.

4. Ich habe Erklärungen hinzugefügt, diese aber auf ein Mindestmaß beschränkt. Sie sollen dem Leser ein geschichtlich-natürliches Verständnis des Textes ermöglichen, ohne ihm die Freude des eigenen Nachdenkens und Entdeckens zu rauben.

Ein Wort ist noch über die Unzuverlässigkeit aller Übersetzungen des Alten Testaments zu sagen. Das Alte Testament läßt sich nicht so zuverlässig übersetzen wie etwa ein altgriechischer oder gar lateinischer Text; denn die Bedeutung vieler hebräischer Wörter ist infolge des geringen Umfanges des hebräischen Schrifttums unsicher und der hebräische Text an vielen Stellen verderbt. Manchmal helfen hier die Septuaginta und andere alte Übersetzungen, aber öfter sind wir auf Vermutungen angewiesen. So kommt es, daß die Übersetzungen nicht selten auseinandergehen. Ich habe nur an besonders wichtigen Stellen auf die Unsicherheit meiner Übersetzung aufmerksam machen können. Wer ohne Kenntnis des Hebräischen möglichst genau wissen möchte, was wirklich dasteht und mit welcher Sicherheit es zu übersetzen ist, muß zu „Kautzsch-Bertholet, Die Heilige Schrift des Alten Testaments“ greifen, wo durch tausende von Zeichen und Fußnoten auf Textverderbnisse, Heilungsversuche und Unsicherheiten hingewiesen ist.

Nachdem ich das Alte Testament bearbeitet hatte, wurde mir klar, daß ich nicht da stehen bleiben durfte, wo zufällig dieses endet, d.h. mitten in der Makkabäerzeit, sondern dass ich mein Buch fortführen mußte bis dahin, wo das Volk als Staat endet, d.h. bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr., und zwar unter Einbeziehung des Judenchristentums als der religiös und weltgeschichtlich bedeutendsten Hervorbringung des jüdischen Volkes.

Als Hauptquelle für diese Zeit stehen zur Verfügung die „Jüdischen Altertümer“ und der „Jüdisch-römische Krieg“ des Josefus und aus dem Neuen Testament die Synoptischen Evangelien, die Apostelgeschichte, die Paulusbriefe, der Jakobusbrief.

Auch diese Quellen habe ich in Bezug auf die Auswahl, Anordnung, sprachliche Gestaltung und Erklärung ähnlich behandelt wie das Alte Testament.

Was die Evangelien betrifft, so habe ich das Johannesevangelium trotz seines hohen religiösen Wertes (Luther nannte es „das einige, zarte, rechte Hauptevangelium und den andern dreien weit, weit vorzuziehen“) fortgelassen, weil es als Quelle für Leben und Lehre Jesu nicht in Betracht kommt und auch nach Entstehungszeit und Gedankenwelt jenseits der Grenze liegt, die meinem Buche gesetzt ist. Die drei ersten Evangelien aber, die man wegen ihrer nahen Verwandtschaft die Synoptiker nennt, habe ich, ähnlich wie in der alten Kirche der Syrer Tatian die vier Evangelien, zu einer einzigen Darstellung zusammengezogen. Dabei habe ich insofern eine Entmythung vorgenommen, als ich die meisten Wunderheilungen Jesu fortgelassen und die Geschichten von seiner Geburt und Auferstehung nur anhangsweise oder kurz zusammenfassend im letzten Absatz einer Text-Erklärung gebracht habe. Was bleibt, ist aber trotzdem keineswegs der geschichtliche Jesus, sondern nur etwa das Jesusbild, wie es die Urgemeinde Jerusalem bis kurz vor Ausbruch des Jüdisch-römischen Krieges, allerdings unter maßgebendem Einfluß der nächsten persönlichen Jünger Jesu, entwickelt hat. Wer die Eigenart der drei synoptischen Evangelien genauer kennen lernen möchte, als dies mit meinem Text möglich ist, der nehme eine Synopse zur Hand, in der zu jedem Stück jedes Evangeliums die parallelen Stellen der beiden andern, soweit vorhanden, abgedruckt sind.

Göttingen, Ostern 1960

 

Israel und Juda. Sage und Geschichte, Weisheit und Hoffnung eines Volkes in Selbstzeugnissen. Hg. u. kommentiert von August Möhle (seit 2017 auch als E-Book)





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