I.7.4 Audiovisuelle Medien

Leseprobe

Von Karl Prümm

7.4 Audiovisuelle Medien

Zum Stand der Forschung

Das Konzept der ›Intermedialität‹ hat sich in den letzten Jahren sowohl in der Literatur- als auch in der Medienwissenschaft als fruchtbar erwiesen (vgl. Müller 1996; Paech 1997b; Helbig 1998). Eine normative Gegenüberstellung oder eine hierarchische Abstufung von Medien und Mediensystemen wird bei diesem Ansatz vermieden. Die Zwischenbereiche, die Übergänge und die Austauschprozesse geraten unvoreingenommen in den Blick – jenseits von kulturkritischen Bewertungen. In dieser produktiven Perspektive lässt sich vor allem auch das vielfältige Relationsgefüge von audiovisuellen Medien und Literatur sehr gut erschließen. Die Phänomenologie, die Materialität und die Evolution dieser Medien wird solchermaßen erfasst als Teil einer lebendigen und beweglichen Konstellation, in ihrem sich stets wandelnden Verhältnis zur literarischen Kultur. Die Wahrnehmung der ›neuen‹ Medien durch das ›alte‹ Medium der Literatur kann sichtbar gemacht werden, die Formen der Auseinandersetzung, der Abgrenzung, der Aneignung und der Verarbeitung.

Mit diesem flexiblen und dynamischen Ansatz werden ältere Forschungsausrichtungen überwunden, die jenes komplexe Relationssystem von Literatur und Medien auf die Problematik der Adaption, der einseitigen und stofflichen ›Ausbeutung‹ der Vorgängermedien reduzierten (vgl. Estermann 1965; Knilli u. a. 1976). Die Literaturverfilmung war das klassische Paradigma einer Medienwissenschaft, die zunächst innerhalb der Literaturwissenschaft erste Konturen gewann (vgl. Schanze 1974; Kreuzer 1975). Sie bestimmte anfangs auch die theoretisch- methodische Diskussion (vgl. Schneider 1981). Eine intermediale Perspektive überwindet auch die strikte, höchst problematische Polarität von »Aufschreibesystemen« (1800 versus 1900), wie sie von Friedrich Kittler Mitte der 1980er Jahre wirkungsvoll und lange Zeit diskursbeherrschend entwickelt wurde (vgl. Kittler 1985 und 1986).

Der Kinematograf: Die erste audiovisuelle Apparatur

Mit der rapiden und weltweiten Durchsetzung des Kinos im letzten Jahrzehnt des 19. Jh.s beginnt das Zeitalter der apparativen audiovisuellen Medien. Mit Beginn des Jahres 1896 schickten die Gebrüder Lumière, Inhaber einer Fabrik zur Herstellung fotografischer Platten in Lyon, den von ihnen entwickelten Cinématographe Lumière durch die ganze Welt. Die Mustervorführungen des neuen Mediums wurden als ›lebende Fotografien‹ angekündigt. Damit rekurrierte die ›sensationellste Erfindung des 19. Jahrhunderts‹ auf die 1839 in Paris offiziell vorgestellte Fotografie, die rasch die Vorstellungen von Bild und Bildlichkeit dominiert hatte und zum beherrschenden Abbildungsverfahren avancierte. Zugleich nahm der ›Bewegungsschreiber‹ Bezug auf die Experimente der Chronofotografie, auf die Versuche von Eadweard Muybridge und Jules Marey, denen es gelungen war, Bewegungsabläufe bis dicht an die Grenze eines gleitenden, kontinuierlich abrollenden Bewegungsbildes festzuhalten. Mit seinem Zoopraxiskop nahm Muybridge die suggestive und publikumswirksame Projektion von Filmbildern vorweg, während Marey bereits um 1890 den Prototyp einer Filmkamera entwickelt hatte, die mit einem flexiblen Zelluloidband als Bildträger arbeitete.

Aber erst der Cinématographe Lumière ver einig te die unterschiedlichen Techniken zu einer kompakten, leicht einsetzbaren und effektiven Apparatur. Er war den Konkurrenzprojekten des filmischen Bewegungsbilds (etwa dem Kinetoskop Edisons oder dem Bioscop der Gebrüder Skladanowsky) vor allem deshalb eindeutig überlegen, weil er als geschlossenes und offenkundig problemlos funktionierendes Gesamtsystem auftrat. Der Cinématographe Lumière, dieser kleine unscheinbare Holzkasten, konnte zugleich als Filmkamera, als Kopierapparat und als Projektor eingesetzt werden. Die Operateure, die im Auftrag der Lumières die ganze Welt bereisten, hatten als Monopolisten des neuen Mediums noch alles in der Hand. Sie traten als Regisseure, als Kameraleute, als Kopisten und als Projektionisten ihrer Filme auf. Sie präsentierten dem verblüfften Publikum ein Nummernprogramm aus Alltagsszenen, Kuriositäten und inszenierten Fragmenten. Sie überraschten die Zuschauer aber vor allem mit Aufnahmen, die an den jeweiligen Orten gedreht wurden. Gerade diese Bilder der unmittelbaren Nähe und des Vertrauten überzeugten die Besucher nachhaltig von den Potenzialen der neuen Apparatur. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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