I.8.7 Literaturkritik

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8.7 Literaturkritik

Literaturkritik im System literaturvermittelnder Institutionen

Literarische Kommunikation hatte schon vor der Entstehung der modernen Literaturkritik selbstreflexive Elemente in dem Sinn, dass sie von öffentlicher Kommunikation über Literatur begleitet wurde. Im 18. Jh. entwickelt sich die Kommunikation über Literatur zu einem relativ eigenständigen System mit spezialisierten Institutionen, Funktionen und Handlungsrollen. In modernen, ausdifferenzierten Systemen literarischer Kommunikation interagieren u. a. folgende Instanzen und Institutionen miteinander:

• Institutionen literarischer Produktion: Autoren, Literaturagenturen, herstellender Buchhandel (Verlage), Medientechnik (Datenaufzeichnung, -präsentation und -vervielfältigung durch Druckereien, Datenbankbetreiber, Tonstudios usw.) • Institutionen literarischer Distribution: Zwischenbuch- und Einzelbuchhandel, Bibliotheken und andere • Institutionen der Literaturbearbeitung: Theater, Film und Fernsehen (Literaturverfilmungen), Hörfunk (Lesungen, Hörspielbearbeitungen) und andere • Institutionen der Literaturförderung: Wettbewerbe, Preise, Stipendien, Literaturhäuser usw. • Institutionen der Kommunikation über Literatur: Literaturwissenschaft, Literaturkritik, Literaturunterricht. Literaturkritik ist ein Bestandteil des Literatursystems, insofern sie mit Verlagen, zuständigen Zeitungs-, Hörfunk-, Fernsehredaktionen, mit literaturvermittelnden Fächern in Schule und Hochschule, mit Theatern, Bibliotheken und nicht zuletzt mit Schriftstellern und ihren Lesern interagiert. Ihre dominanten Adressaten sind die potenziellen Leser der von ihr kritisierten Bücher. Zu den intendierten und zu den faktischen Rezipientengruppen gehören jedoch ebenso alle anderen am System literarischer Kommunikation beteiligten Institutionen.

[...]

Literaturkritik und Verlagswerbung

Häufig erhobene Vorwürfe, dass Literaturkritik ein verlängerter Arm der Verlagswerbung sei, greifen ebenso zu kurz wie die Behauptung, Literaturkritik bilde ein unabhängiges Gegengewicht zur Werbung. Die Verflechtungen von Werbung und Kritik sind komplex: Literaturkritik ist von der Verlagswerbung insoweit abhängig, als insbesondere die Printmedien, in denen Literaturkritik publiziert wird, auf die Einnahmen durch Anzeigen, die von Verlagen geschaltet werden, angewiesen sind. Die Literaturbeilagen, die im Frühjahr und im Herbst in den überregionalen Tages- und Wochenzeitungen erscheinen und einen Großteil der in diesen Medien veröffentlichten Kritiken enthalten, sind in ihrem Umfang weitgehend abhängig vom Umfang der Anzeigen. So lässt sich durchaus behaupten, dass Literaturkritik in hohem Maße durch die Verlagswerbung subventioniert wird, in jüngster Zeit auch durch den Internet-Buchhandel, der Rezensionen zur Information der Kunden ein kauft. Dass die Auswahl der rezensierten Bücher oder gar die Inhalte der Kritik signifikant dadurch beeinflusst werden, konnte jedoch in empirischen Untersuchungen noch nicht nachgewiesen werden. Es gehört vielmehr zu den ungeschriebenen Gesetzen in der Beziehung zwischen Verlagen und Literaturredaktionen, dass die ökonomische Abhängigkeit der Kritik von Verlagen zu keinen inhaltlichen Abhängigkeiten führen darf. Da steht das Prestige zumindest der renommierten Organe der Literaturkritik auf dem Spiel, das an ihre Unabhängigkeit eng gekoppelt ist und auf das die Verlage in ihrem Interesse an der Kritik selbst angewiesen sind.

Dass dieses Verlagsinteresse an der Kritik mit den Interessen der Werbung verbunden ist, steht jedoch außer Frage. Rezensionen werden systematisch für die Werbung funktionalisiert, selbst ›Verrisse‹ nach Sätzen abgesucht, die sich in Anzeigen oder auf Buchumschlägen zum Zwecke der Werbung zitieren lassen. Doch hat allein schon die Rezension für den Verlag die Funktion der (relativ preisgünstigen) Werbung. Sie verschafft, selbst bei einer negativen Bewertung, dem Buch etwas von jener öffentlichen Aufmerksamkeit, ohne die es auf dem Buchmarkt kaum Chancen der Verbreitung hat. Gerade kleinere Verlage, die sich Publikumswerbung, zumal in größeren Zeitungen, nicht leisten können, sind darauf angewiesen.

Dass Literaturkritik von der Verlagswerbung funktionalisiert wird, heißt jedoch nicht, dass sie ihr dienstbar ist. Zumindest da, wo sie nicht (als Pseudokritik) die gelieferten Verlagsinformationen aus Prospekten oder Klappentexten übernimmt, wie es nicht nur in Regionalzeitungen häufige Praxis ist, demonstriert sie insbesondere dadurch ihre Unabhängigkeit von den Interessen der Verlagswerbung, dass sie von Fall zu Fall auf Schwächen verweist, vor Büchern oder Autoren gar warnt oder ihre öffentliche Überschätzung moniert. Hier fungiert sie in der Tat als Korrektiv der Werbung – womit sie in Fällen positiver Wertschätzung umso glaubwürdiger wirkt und den die Werbung unterstützenden Effekt vergrößert.

Eine Schwundstufe literaturkritischer Unabhängigkeit gegenüber der Werbung liegt da vor, wo sich die Kritik (oft in Form kurzer Tipps) auf Empfehlungen beschränkt. Hier ist es nur noch die Auswahl der empfohlenen Bücher, die mit der Interessengewichtung der Werbung nicht unbedingt kon- form geht. Von Werbetexten unterscheiden sich solche Empfehlungen allenfalls durch die Art, wie sie ihre grundsätzlich positive Wertung begründen. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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