I.8.6 Literaturunterricht an Schulen und Hochschulen

Leseprobe

Von Heinrich Kaulen

8.6 Literaturunterricht an Schulen und Hochschulen

[…]

Spezifika der Literaturvermittlung im Unterricht

Literaturvermittlung im Unterricht vollzieht sich, im Gegensatz zu anderen Vermittlungsfeldern, in einem institutionalisierten Lernkontext sowie im Umgang von professionell ausgebildetem Lehrpersonal mit meist jüngeren Adressaten, die an den Schulen in der Regel Kinder und Jugendliche, in der Erwachsenenbildung und an den Hochschulen (junge) Erwachsene sind. Daraus ergeben sich bestimmte Spezifika für die Intentionen, die sektoralen Gegenstandsbestimmungen und die Methoden dieser Literaturvermittlung. Ihr Aufgabenbereich ist nicht enger oder weiter gefasst als in anderen Zweigen der Literaturvermittlung, sondern schlicht anders dimensioniert.

So steht der Literaturunterricht, im Deutschen wie in anderen Sprachen, von jeher in einem sehr engen Wechselverhältnis zu sprachbezogenen Themenbereichen – wie z. B. Reflexion über Sprache, schriftliche und mündliche Kommunikation, Grammatik oder Aufsatzlehre – und hat in den Fremdsprachen darüber hinaus auch landeskundliche Aspekte zu berücksichtigen. Hinzu kommen Aufgaben im Bereich der Leseförderung und der literarischen Sozialisation sowie bei der Vermittlung von textanalytischen Methodenkompetenzen, Fachvokabular sowie literaturhistorischen Grundkenntnissen, welche erst die Voraussetzungen für eine aktive Teilnahme am kulturellen Leben schaffen (vgl. zusammenfassend Abraham/Kepser 2005, 46– 94). Die anderen Instanzen der Literaturvermittlung gehen davon aus, dass der erfolgreiche Erwerb dieser Kompetenzen bereits stattgefunden hat.

Auch die Kanonselektion vollzieht sich bei der schulischen Literaturvermittlung grundlegend anders als in der Literaturkritik, im Theater oder in der akademischen Literaturwissenschaft. Während etwa der literaturwissenschaftliche Expertenkanon primär nach den Kriterien der Repräsentativität, Originalität und kulturellen Anschlussfähigkeit von Texten gebildet wird, sind diese Aspekte bei der Literaturvermittlung an der Schule zwar wichtig, aber keineswegs ausschlaggebend. Für die Genese des Schulkanons spielen spezifisch didaktische Erwägungen – z. B. entwicklungs- und lernpsychologische Faktoren oder Aspekte der Lesesozialisation – sowie institutionelle Zwänge (Lehrpläne, Zeitbudgets, Leistungskontrollen, schulinterne Traditionen) notwendig eine sehr viel größere Rolle. Auch die Bedeutung von pragmatischen Faktoren wie Anschaffungskosten oder die Existenz von Klassensätzen, didaktischen Unterrichtshilfen und flankierenden Medienangeboten ist in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen. Die Lektüre wird nach ihrer Altersgemäßheit, ihrer formalen und inhaltlichen Komplexität und ihrer Funktion für den Bildungsprozess von Heranwachsenden, bisweilen auch nur im Blick auf ihre Themen und ihre Eignung zur Sequenzbildung, ausgewählt. Sperrige und avantgardistische Texte haben es – anders als in der Literaturkritik – vergleichsweise schwer, in den Kanon aufgenommen zu werden. Oft werden seit Langem etablierte Lektüreangebote mit einem mittleren Schwierigkeitsgrad favorisiert, die sich ohne Probleme pädagogisch funktionalisieren und mit den Lesepräferenzen der Schüler verknüpfen lassen. Auf der anderen Seite ist der Schulkanon aber wiederum offener als andere Kanones, weil die Beschäftigung mit autonomer Hochliteratur, die in der Literaturwissenschaft traditionellen Zuschnitts und im klassischen Feuilleton dominiert, hier stets nur einen Teilbereich neben der Auseinandersetzung mit Sachtexten, populären Textsorten oder problemorientierter Jugendliteratur bildet.

Zur Bewältigung seiner Aufgaben hat der Literaturunterricht eine Reihe von Publikationsformen hervorgebracht, die es in dieser speziellen Form nur für die Vermittlungsinstanz Schule gibt. Dazu zählen seit Mitte des 19. Jh.s das Lesebuch und die literarische Anthologie für den Schulgebrauch, preiswerte Klassikerausgaben und Buchreihen sowie ein großes Spektrum an Unterrichtsmaterialien von den didaktischen Fachzeitschriften über Lektürehilfen und Stundenentwürfe bis zu den heute verbreiteten multimedialen Materialsammlungen, die im Printformat oder auf einer beiliegenden CD mit fertigen Arbeitsblättern, Folien und Kopiervorlagen aufwarten.

Auch für die Methoden der Literaturvermittlung haben sich an der Schule eigene Praktiken ausgebildet. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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