I.10.1 Rhetorik und Poetik

Leseprobe

Von Dietmar TillRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Till

10.1 Rhetorik und Poetik

10.1.1 Rhetorik als Kulturwissenschaft

Definitionen und Abgrenzungen

Rhetorik (lat. ars rhetorica; gr. rhetorike techne) ist die ›Kunst‹ – im Sinne des älteren Kunstbegriffs, als Kunstlehre – wirkungsvoller Kommunikation (vgl. Knape 2000b, 33 f.). Ihr Gegenstand ist die monologische Einzelrede in Prosa (lat. oratio soluta). Das unterscheidet sie von der Poetik, die für die Dichtung (in traditioneller Auffassung: ›gebundene Rede‹; lat. oratio ligata) zuständige Produktionstheorie, die ansonsten auf rhetorischen Vorgaben aufsetzt. Der Rhetorikbegriff changiert zwischen zwei Konzepten (vgl. Jasinski 2001, xiii), weist also eine notorische Vieldeutigkeit (vgl. Kopperschmidt 1991, 1) auf:

1. Zentrale Eigenschaft rhetorischer Kommunikation ist die auf Persuasion (›Überreden‹ bzw. ›Überzeugen‹) als Wirkungsziel gerichtete Intentionalität (lat. voluntas) des Sprechaktes. Rhetoriktheorie ist immer Kommunikationstheorie, während umgekehrt nicht alle Kommunikation nach rhetorischen Gesichtspunkten verfährt. Die Gleichsetzung beider Begriffe verwischt das spezifische Untersuchungsfeld der Rhetorik. Überzeugungsprozesse werden heute in einer Vielzahl von Einzeldisziplinen (Medienwirkungsforschung, Psychologie, Semiotik und anderen) untersucht.

In dieser Verwendung des Begriffs ist ›Rhetorik‹ eine Form sprachlicher Pragmatik. Vom Redner als dem »archimedische[n] Punkt der Rhetoriktheorie« (Knape 2000b, 33) betrachtet, ist sie zunächst eine Praxis, die der Theoriebildung insofern vorgängig ist, als sprachliches Überzeugungshandeln ohne bewusste Kenntnis rhetorischer Theorien möglich (ja alltäglich) ist. Überlegungen zu Struktur, Funktion und gesellschaftlicher bzw. epistemologischer Notwendigkeit von Persuasionsprozessen werden häufig unter dem Begriff der ›rhetorischen Anthropologie‹ verhandelt.

2. Davon unterschieden werden sollte ›Rhetorik‹ als das ausdifferenzierte ›rhetorische System‹ von Regeln und Normen der Textproduktion. Nach antiker Vorstellung ist Artifizialität Kennzeichen rhetorischer Kommunikation. Um überzeugend zu sein, muss der Redner über ein grundlegendes Wissen der Textverfassung verfügen (neben der Sachkenntnis über die Inhalte der Rede), und sein Text muss bestimmte kodifizierte Normen aktualisieren. Die Erfüllung der rhetorischen Textnormen hat nach rhetorischem Verständnis zugleich eine ästhetische Komponente, die den Persuasionsprozess funktional unterstützt. Die Artifizialität der Rede darf indes nicht zum Pedantismus, zum bewussten Ausstellen der Kunstfertigkeit des Redners führen. Vielmehr muss er die Künstlichkeit seines Textes verstecken (Gebot der dissimulatio artis). Dahinter steht die empirische Beobachtung, dass Reden, deren Kunstcharakter allzu deutlich wird, nicht die gewünschte Wirkung entfalten: Die Ostentation der Rhetorik führt zum rhetorischen Misserfolg.

[…]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN