I.10.4 Markt und Urheberrecht

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10.4 Markt und Urheberrecht

Wie lassen sich die Wechselwirkungen zwischen der literarästhetischen Praxis eines autonomen, ›freien‹ Autors und den Rahmenbedingungen des Buchmarktes konkretisieren? Welche ideellen und materiellen Wertvorstellungen leiten das Handeln von Schriftstellern und Verlegern? Schreiben Autoren Texte oder Bücher? Was besagt die Klaus Wagenbach zugeschriebene Maxime, ein Verleger müsse zu mindestens 51 % Kaufmann sein? Gilt das Postulat form follows function auch für die Materialität von Druckmedien?

Im Folgenden wird die spezifische Doppelkodierung des publizierten Textes, kulturelles Zeugnis und Ware zu sein, exemplifiziert und im Rekurs auf das theoretische Instrumentarium von Pierre Bourdieu verdeutlicht, dass parallel zur Ökonomie des materiellen Werts eine Ökonomie symbolischen Handelns existiert, die eine eigene Logik des Tausches aufweist und unter konkretisierbaren Voraussetzungen zur Geld- und Warenwirtschaft in ein reziprokes Verhältnis gesetzt werden kann. Das skizzierte Modell ermöglicht eine differenzierte Problemstrukturierung, lässt sich in seiner Genese historisch, inter- und intrakulturell nuancieren und erlaubt es, die im Zuge der Rezeption klassischer idealistischer Philosophie immer wieder gewendete Antinomie einer Dominanz von Ideellem oder Materiellem als reduktionistisch und obsolet zu verwerfen. Der vorgeführte Diskussionsansatz versteht sich gleichermaßen als Gegenentwurf zum utilitaristischen Ökonomismus neoliberaler Observanz wie zum anything goes poststrukturalistischer Theoreme.

Implizit oder explizit, je nach der durch die Ökonomie literarästhetischer Praxis definierte Feldposition und den damit korrelierenden Medien, hat ein Schriftsteller bei der Projektierung und Realisierung von Texten eine Vorstellung von potenziellen Lesern, Kritikern oder Vermittlern und versucht, deren Reaktionen zu antizipieren und in seine Überlegungen miteinzubeziehen. Der den Schöpfern hoch gewerteter, kanonisierter Literatur zugebilligte unbestechliche, reine Blick entpuppt sich bei genauerer Analyse als eine Konstruktion, die historisch mit der Genese einer autonomen literarischen Ästhetik korrespondiert und es gestattet, bei der Textproduktion und Rezeption traditionsnegierende individuelle Normen durchzusetzen. Fast jeder Autor vermag seine Position im Geflecht der Macht- und Benennungsmöglichkeiten des literarischen Feldes zu definieren, und auf diese Weise gewinnt die Gestalt des potenziellen Rezipienten Einfluss auf das als auratisch angesehene Werk. Literarische Praxis stellt sich unter diesen Vorzeichen weder als Epiphanie eines exklusiv definierbaren soziokulturellen Status im Medium des Textes noch als selbstvergessenes Ringen in solitärer Weltabgewandtheit dar, sondern als Verknüpfung von medienästhetischen Antizipationen, Autorintentionen und ökonomischen Dispositionen im literarischen Feld. Mit seinem Text liefert der Autor einen Beitrag zu einer literarischen Wirklichkeit, die nicht allein durch semantische und gattungsspezifische Kodierungen bestimmt wird, sondern in gleichem Maße durch eine Ökonomie der Aufmerksamkeit und deren symbolische Formen. Jeder Text repräsentiert eine ökonomische und ästhetische »Doppelkodierung« (Jäger 1995, 31), die nicht nur kulturwissenschaftlich, sondern auch juristisch und soziologisch konkretisierbar ist. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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