I.7.7 Intermedialität

Leseprobe

Von Uwe Wirth

7.7 Intermedialität

Intermedialität bezeichnet das Zusammenspiel verschiedener Medien. Eine zentrale Aufgabe von Medien ist die Überbrückung des Zwischenraums zwischen Sender und Empfänger (vgl. I.7.1). Intermediale Konfigurationen werfen darüber hinaus die Frage auf, wie das ›Dazwischen‹ zwischen verschiedenen Medien überbrückt wird (vgl. Debray 1999, 72). Dabei zeichnet sich das intermediale Beziehungsgefüge gleichermaßen durch die Wechselwirkung und das getrennte Vorkommen der verkoppelten Medien aus.

Während Hegel in seinen Vorlesungen über die Ästhetik noch von einer intermedialen Indifferenz des Ästhetischen ausging, als er behauptete, es sei »für das eigentlich Poetische gleichgültig, ob ein Dichtwerk gelesen oder angehört wird«, ja es könne »ohne wesentliche Verkümmerung seines Wertes in andere Sprachen übersetzt, aus gebundener in ungebundene Rede übertragen und somit in ganz andere Verhältnisse des Tönens gebracht werden«76, betont eine an der Medientheorie geschulte Poetologie, dass jede mediale Verkörperung ihren je eigenen ästhetischen Wert besitzt. Mehr noch: Jede mediale Verkörperung ist von spezifischen Inszenierungsbedingungen abhängig. Die Wechselwirkung zwischen den Verkörperungsbedingungen und den Inszenierungsbedingungen etabliert das, was man als performative Dimension bezeichnen könnte. Diese performative Dimension erhält eine intermediale Relevanz, sobald man neben dem Prozess der Übersetzung von einem Medium ins andere die verschiedenen Möglichkeiten beleuchtet, wie sich distinkte Medien miteinander koppeln lassen. Dabei erfolgt die Untersuchung von intermedialen Relationen im Anschluss an die sogenannten interart studies, die das Wechselverhältnis der verschiedenen Künste (Wort-Kunst, Malerei, Theater, Musik) sondieren. Mit Rajewski lässt sich das Feld intermedialer Relationen unter drei Gesichtspunkten betrachten (vgl. Rajewski 2003, 18 ff.):

1. Der Gesichtspunkt der Medienkombination – hierzu zählen alle multimedialen Kopplungen von Text und Bild (z. B. Emblematik), Text und Ton (z. B. Hörspiel) sowie Text, Bild und Ton (z. B. The- ater, Oper, Film, aber auch hypermediale Arrangements), bei denen die Medien als verschiedene Medien zueinander in Beziehung gesetzt werden.

2. Der Gesichtspunkt des Medienwechsels, der alle Prozesse des Medientransfers und der Medientransformation umfasst, etwa die Inszenierung eines dramatischen Textes in Schriftform als Bühnen- Performance. Bei diesem Text-Transfer (vgl. Hess-Lüttich 1987, 11) findet eine Verwandlung des schriftlich verkörperten Textes in einen mündlich verkörperten Text statt, sobald dieser von einem Schauspieler auf der Bühne präsentiert wird. Bei dieser Art der performativen Umsetzung eines Textes lässt sich also gleichzeitig eine Veränderung der Verkörperungs- und der Inszenierungsbedingungen beobachten. Darüber hinaus ist im Zuge von Medienwechseln aber auch eine mediale Anreicherung zu beobachten: So setzt zum Beispiel ein Schauspieler im Rahmen einer Bühnen-Performance Gesten ein, die in der schriftlichen Textfassung gar nicht erwähnt wurden.

3. Der Gesichtspunkt intermedialer Bezüge als Verfahren der Bedeutungskonstitution, bei dem zwar »immer nur ein Medium in seiner Materialität präsent« ist (Rajewski 2003, 21), aber zugleich ein Bezug zu einem anderen Mediensystem erkennbar wird. Dies ist etwa bei der Malerei mit Worten (Ekphrasis), der ›musikalischen Erzählung‹ sowie den sogenannten ›filmischen Schreibweisen‹ der Fall. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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