I.8.2 Feste und Spiele

Leseprobe

Von Jan-Dirk Müller

8.2 Feste und Spiele

Schon in archaischen Kulturen skandieren Feste den Ablauf des Jahres. Sie sind auf agrarische oder kosmische Abläufe bezogen oder werden zu Ehren von Gottheiten gefeiert. Feste stehen in engem Zusammenhang mit dem religiösen Kultus. Für ihn werden Dichtungen geschaffen wie Preislieder, Hymnen, auch dramatische Texte. In Athen entwickelt sich im Rahmen der Feiern zu Ehren des Dionysos seit dem späten 6. Jh. die Tragödie. Ihr ursprünglich kultischer Zusammenhang ist nicht nur an den mythologischen Inhalten und an ihrem kultischen Formen nachgebildeten Aufbau abzulesen, sondern auch daran, dass der Besuch der Aufführung eine Pflichtveranstaltung für den Bürger der Polis war. Drei Tragödien folgte ein Satyrspiel. Dieser kultische Zusammenhang fehlt der römischen Tragödie. Die römische Festkultur ist stärker politisch geprägt. Das Christentum wendet sich gegen diese mythologischen, kultischen und politischen Traditionen und verändert dadurch die antike Festkultur fundamental. Das hat einschneidende Konsequenzen für die Geschichte der dramatischen Gattungen in Deutschland, denen so die Emanzipation vom Fest ermöglicht wird (vgl. I.8.1).

Die mittelalterliche Kultur ist vor allem um den religiösen Kultus zentriert. Der Festzyklus des Kirchenjahres wiederholt die Geschichte der Erlösung. Auf ihn werden meist auch Feiern im weltlichen Jahresablauf bezogen, wie etwa Wintersonnenwende/ Weihnachten, Neujahr, Fastnacht, die dem vierzigtägigen Fasten vorausgeht und auf Ostern verweist, höfische Feste an Pfingsten, Sommersonnenwende, Schluss des Wirtschaftsjahres/Martinstag. Neben den immer wiederkehrenden Festen stehen festliche Rituale der Feudalgesellschaft: Reichsversammlungen, Hoffeste, Ritterweihe, Krönung, dynastische Anlässe (Hochzeit, Geburt, Tod), Herrscheradventus usw. Poetische Texte sind an der Ausgestaltung kultischer wie profaner Feste beteiligt (z. B. liturgische Gesänge, Huldigungsgedichte, panegyrische Gedichte und Reden, historische Erzählungen). Feste scheinen demnach der Anlass für den Vortrag von Dichtung gewesen zu sein (Minnesang).

Das Mittelalter kennt das Drama als literarische Gattung nicht. Das professionelle antike Theater endet in der Spätantike mit der Christianisierung. Die Kirchenväter brandmarken das Theater als unmoralisch; es lenke von der Orientierung auf Gott ab, basiere in der Tragödie auf der lügenhaften Mythologie und inszeniere in der Komödie überwiegend obszöne Stoffe; es diene einer vulgären Unterhaltung, die auf einer Stufe stehe mit akrobatischen Schaustellungen, Zauberkunststückchen, Gladiatoren- und Tierkämpfen; es sei Teufelswerk, und die es ausüben, die Schauspieler, seien sittenloses, zur Hölle verdammtes Gesindel. Für etwa ein Jahrtausend verschwindet das Drama aus der Literaturgeschichte, von einigen Ausnahmen im Rahmen des Schulunterrichts oder der klösterlichen Erziehung abgesehen (z. B. Hrotsvith von Gandersheim). Antike Dramentexte überleben zwar als Lesestoffe, werden aber nicht aufgeführt; tragoedia bezeichnet im Mittelalter deshalb eine Erzählung mit schlechtem, comoedia eine mit gutem Ausgang. Die Verdammung des Theaters hält sich bis in die Frühe Neuzeit und wird durch einige Gruppen innerhalb der Reformation noch einmal verschärft (die englischen Puritaner), während andere das Theater als Instrument der Verbreitung religiöser oder moralischer Gehalte zulassen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass es im Mittelalter keine theatralischen Darbietungen gibt. [...]

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