I.9.1 Texte und Kontexte

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Von Moritz BaßlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Moritz Baßler

9.1 Texte und Kontexte

Textualität

Was tut eigentlich ein Literaturwissenschaftler? Er analysiert literarische Texte. Er ist demnach, sollte man meinen, vor allem anderen ein Experte auf dem Gebiet der Textualität. In der Praxis allerdings ist die Reflexion auf die fundamentale Eigenschaft der ›Textualität‹ im Fach weniger verbreitet, als man annehmen sollte. Das mag zum einen daran liegen, dass am literarischen Text vor allem die Eigenschaft der ›Literarizität‹ als differentia specifica gegenüber anderen Texten als diskussionsbedürftig gilt, während man die Bestimmung des Oberbegriffes ›Textualität‹ getrost der Sprachwissenschaft überlassen zu können glaubte. Zum anderen gibt es gewisse charakteristische Verwechslungen, die die Aufmerksamkeit von der Textualität abziehen: In der hermeneutischen Tradition der Literaturwissenschaft besteht beispielsweise die Tendenz, Texte kurzerhand mit Aussagen oder Sprachhandlungen gleichzusetzen, also das Objekt (Text) mit seinem möglichen Gebrauch in Kommunikationszusammenhängen (Aussage) zu verwechseln. In der Philologie dagegen wird ›Text‹ oft einfach im Sinne von ›schriftliches Dokument‹ verwendet und damit ein spezifisches Speichermedium für Texte mit diesen gleichgesetzt.

Bevor man sinnvoll von ›Kontexten‹ sprechen kann, sollte man sich also zunächst darauf verständigen, was unter ›Text‹ verstanden werden soll. Dabei gibt es gute Gründe dafür, die Existenz von Kontexten für den Textbegriff selbst als fundamental anzusehen. Allein die gespeicherte Gestalt eines Textes – die Buchstaben auf dem Papier z. B. – reicht ja für seine Lektüre nicht aus. So ist es wohl kein Zufall, dass erst die nachhaltige Unruhe, die mit Julia Kristevas Begriff der ›Intertextualität‹ (1967) in die Theoriedebatten hineinkam, zu einer intensiveren, bis heute anhaltenden Auseinandersetzung mit den Kategorien ›Text‹ und ›Textualität‹ führte. Sie wurden damals sofort zu Leitbegriffen im Umfeld des Poststrukturalismus. Auf die Dauer hat ihnen das aber womöglich eher geschadet als genützt. Pointierte Äußerungen wie: es gebe kein ›Außerhalb des Textes‹ (»Il n’y a pas de hors-texte«, Jacques Derrida1) nährten bei vielen Skeptikern die Befürchtung eines textuellen Universalismus und Reduktionismus (nach dem Motto ›Alles ist Text.‹). Nun beruht aber auch der anschließende cultural turn mit seiner Neuentdeckung kultureller Kontexte auf einem Begriff von ›Textualität‹ – nämlich einer ›Textualität der Kultur‹ bzw. ›Textualität der Geschichte‹. Das zeigt, dass man diese Kategorie jenseits aller theoretischen Grabenkämpfe auch ganz praktisch gebrauchen kann, und zwar gerade dann, wenn es um die Analyse kultureller Zusammenhänge geht. Textualität taugt nicht nur als Basis für textimmanente Analysen, sondern auch für Kontextanalysen und damit für eine Geisteswissenschaft, die weit über linguistische und philologische Zusammenhänge hinausgeht. In wünschenswert deutlicher Weise hat dies einmal der russische Literaturwissenschaftler Michail Bachtin ausgedrückt:

Zitat: Der Text […] ist die primäre Gegebenheit all dieser Disziplinen und allen Denkens in den Humanwissenschaften [...]. Der Text ist die unvermittelte Realität (Realität von Denken und Erfahrung), und zwar die einzige, von der sich diese Disziplinen und dieses Denken herleiten können. Wo kein Text ist, da ist auch nichts, worüber zu forschen oder zu denken wäre.

[...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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