I.9.4 Religion

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9.4 Religion

Zur Definition von ›Religion‹ und ›Mythos‹

Insofern Literatur sich auf Texte einer religiösen Überlieferung (etwa der Bibel) bezieht, hat die Analyse dieser Beziehungen es mit »intertextuellen Kontexten« zu tun; insofern diese Texte Bestandteile einer umfangreicheren kulturellen Praxis sind, wird die Einbeziehung »extratextueller Kontexte« unerlässlich. Zur Untersuchung der Religion als eines wichtigen Kontextes der Literatur empfiehlt sich daher zunächst eine Klärung des Religionsbegriffs, die diesen beiden Aspekten Rechnung trägt.

›Religion‹ lässt sich in Anlehnung an Émile Durkheims grundlegende Arbeit von 1912 bestimmen als ein »solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d. h. abgeson- derte und verbotene Dinge [...] beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören « (vgl. Durkheim 1912/1981, 69–75, Zit. 75). Durkheims sehr weite Bestimmung des »Heiligen«, die sich auf diverse ›abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken‹ bezieht, sollte dabei enger gefasst werden: im Sinne von Rudolf Ottos religionswissenschaftlicher Beschrei- bung des »Heiligen« als eines »Numinosen«, das als »fascinosum« wie als »tremendum« erfahren und beschrieben werden kann (Otto 1917; dazu Colpe 1977). Religion als »System« im Sinne Durkheims umfasst einerseits semiotisch-theoretische, andererseits sozialpragmatische Aspekte.

1. Semiotisch-theoretische Aspekte (in Durkheims Begrifflichkeit »Glaubensüberzeugungen«) sind textförmig verfasst. Sie beschreiben und bearbeiten die Leitdifferenz von ›heilig‹ und ›profan‹ – entweder in Erzählungen, die in unterschiedlichem Grad historische Geltung beanspruchen können, sich jedoch in keiner Historizität erschöpfen (Durkheim spricht darum summarisch von »Mythen«), oder in Glaubenssätzen und Lehren (»Dogmen«), in denen die Lehre von einem Numinosen entfaltet wird, und zwar in ontologischer (die Seinsweise, das Wesen des Numinosen betreffender) wie in epistemologischer Hinsicht, also im Bezug auf Möglichkeiten und Formen des Wissens vom oder der Erkenntnis des Numinosen. Die Erzählungen vermitteln eine diese Lehre begründende und perspektivierende heilige Geschichte, und zwar hinsichtlich vergangenen wie zukünftigen (endzeitlich- eschatologischen) Geschehens.

2. Sozialpragmatische Aspekte im Sinne ›religiösen Lebens‹ inszenieren und praktizieren die Leitdifferenz von ›heilig‹ und ›profan‹. Das soziale Leben einer Religion realisiert sich in Institutionen (religiösen Gemeinschaften im Sinne von Durkheims weitem Begriff von ›Kirche‹), in einer spezifischen Ethik (als Lehrsystem religiös begründeter moralischer Normen) und in einem spezifischen Ethos (als religiös-moralischer Habitus der religiösen Gemeinschaft und ihrer Angehörigen). In ihrem Zentrum stehen spezifische Riten innerhalb der Kirchengemeinschaft (dies in Abgrenzung zu ›magischen‹ Riten): Praktiken der Verehrung und Vermittlung des Numinosen, kollektive (Rituale der religiösen Gemeinschaft) wie individuelle (das religiöse Leben des Einzelnen). [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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