I.9.5 Philosophie

Leseprobe

Von Monika Schmitz-Emans

9.5 Philosophie

Implikationen und Aspekte der Frage nach der Beziehung von Literatur und Philosophie

Die Erörterung der Relationen zwischen Literatur und Philosophie kann sowohl bei literarischen Texten ansetzen, in denen sich der Einfluss philosophischer Systeme und Denkweisen zeigt, oder auch bei philosophischen Texten mit literarischen Zügen. Doch das Themenfeld ›Literatur und Philosophie‹ ist weitläufiger. Zur Diskussion steht hier nichts Geringeres als die Frage, was das denn überhaupt sei: die ›Literatur‹ und die ›Philosophie‹. Die Signifikanz des Forschungsfeldes Literatur und Philosophie dokumentiert sich entsprechend in der Fülle einschlägiger, gerade auch jüngerer Studien.

Die Vorentscheidung darüber, was man mit dem Begriff ›Literatur‹ verbindet – etwa die Vorstellung sprachlicher Konstruktion (poiesis), die der Fiktionalität, die der Schriftlichkeit (litterae) oder auch die des Kunst-Charakters –, bestimmt darüber, auf welchen Ebenen überhaupt nach Beziehungen zwischen Literatur und Philosophie gefragt wird. Auf Argumentationsverfahren basierend, kann sich philosophisches Denken vom Anspruch der Vermittlung eines begrifflich fassbaren Wissens schwerlich ganz lösen. Literatur wiederum scheint sich dem Anspruch zu entziehen, als ›philosophisches‹ Dokument zu fungieren, weil sie nicht in der Vermittlung begrifflich gesicherten Wissens und philosophisch vermittelbarer Wahrheit aufgeht. Ob die Philosophie selbst diese Aufgabe erfüllen kann, ist allerdings auch umstritten.

Die Geschichte der Interpretationen des Verhältnisses von Literatur und Philosophie interferiert immer wieder mit Theorien über die Beziehung der Philosophie zur Rhetorik. In Frage steht die Funktion sprachlich-rhetorischer Mittel für die Formulierung und Vermittlung philosophischen Wissens. Zum einen sind die rhetorischen Mittel von Seiten der Philosophie als bloße Äußerlichkeiten abgewertet worden; zum anderen betonen manche Philosophen die für die Philosophie spezifische Rhetorik. Philosophie – so ein denkbarer Ansatz zur Beschreibung des philosophischen und des literarischen Diskurses – ist ›Literatur‹, insofern sie einen rhetorischen Grundzug besitzt (den sie allerdings oft marginalisieren möchte). Und Literatur ist ›Philosophie‹, insofern sie sich mit philosophischen Themen auseinandersetzt, wenngleich nicht im Zeichen des Strebens nach begrifflicher Eindeutigkeit.

Begreift eine kontextorientierte Literaturwissenschaft literarische Texte als Produkte von Kulturen, »in deren symbolischen Ordnungen bereits kulturelles Wissen zirkuliert« und bei deren »Welterzeugung « auf die »in einer Kultur verfügbaren Wissenselemente, Topoi, Stereotype, Wertehierarchien und narrativen Schemata« zurückgegriffen wird (Gymnich u. a. 2006, 6), so gerät die Philosophie auf gleich zwei Ebenen in den Blick: Zum einen lassen sich auch philosophische Texte in analoger Weise als Produkte der symbolischen Ordnungen und Wissensformen derjenigen Kulturen beschreiben, aus denen sie hervorgehen, zum anderen reagieren philosophische Texte vielfach auf literarische Werke in ihrer Eigenschaft als Produkte kulturellen Wissens. Für Literatur und Philosophie gilt, dass sie einerseits »auf vorgängige, kulturell koexistierende Sinnsysteme bezogen« sind, diese andererseits aber auch konstituieren und beeinflussen (ebd., 15). [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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