I.9.6 Wissenschaft

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Von Georg Braungart und Dietmar TillRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Till

9.6 Wissenschaft

Vorüberlegungen

Die Wissenschaften als Kontexte literarischer Texte zu verstehen, impliziert eine Vorannahme, die vorab zu diskutieren ist: dass nämlich Literatur und Wissen zwei getrennte Sphären sind, deren Untersuchung seitens der Literaturwissenschaft nur sinnvoll erscheint unter der Perspektive eines einseitigen Rezeptionsprozesses, der die literarischen Texte auf die Geschichte der Wissenschaften bezieht (›Wissen in Literatur‹99) – und nicht umgekehrt. Insofern ist die Behauptung, dass die »Frage nach dem Verhältnis zwischen Literatur und Wissenschaft […] unwiederbringlich zu einer literaturwissenschaftlichen Frage geworden [ist]« (Pethes 2003, 191), durchaus treffend. Unter dem explikationsbedürftigen Begriff ›Wissenschaften‹ werden im Folgenden primär die Naturwissenschaften (mit Medizin und Mathematik), aber auch die sich erst im 19. Jh. langsam etablierenden Gesellschafts- und Verhaltenswissenschaften (u. a. Psychologie, Soziologie, Ökonomie) verstanden (vgl. Lepenies 1985/ 2002).

Zugleich allerdings führt die Reduktion der Rolle der Wissenschaftsgeschichte auf die bloße Funktion der Bereitstellung von Kontextinformationen (1) zum Ausblenden der durchaus komplexen (Trennungs-)Geschichte des Verhältnisses von literarischer und wissenschaftlicher Erkenntnis100 sowie (2) zu einer Hierarchisierung von naturwissenschaftlichem Wissen und Wissen in literarischen Texten, bei der die Literatur stets die nur Rezipierende ist. Mit Blick auf das Verhältnis von Medizingeschichte und Literatur (aber analog auch auf die Geschichte der Naturwissenschaften überhaupt zu übertragen) formuliert Walter Erhart folgenden Fragenkatalog: »Welche Wissensbestände gehen in die Literatur überhaupt und in welcher Form ein? Wann liegt ›Wissenschaft‹ oder eher popularisierte ›literarische‹ Gestaltung vor? Hat das medizinische Wissen innerhalb der ›schönen‹ Literatur die Funktion von ›Einflüssen‹ oder ›Quellen‹, oder spielt gar die Literatur selbst eine prominente Rolle bei der Verbreitung und Veränderung medizinischer Theoreme?« (Erhart 1997, 226)

Die Frage nach der Relation von Literatur und Wissen beschäftigt die Literaturwissenschaft unter wechselnden methodischen Paradigmen schon seit langem. Vor allem im internationalen Kontext wird dies deutlich: die MLA (Modern Language Association) etwa richtete bereits 1950 eine entsprechende Sektion zu den Literature and Science Studies ein (vgl. Pethes 2003, 191). In Deutschland ist die Perspektive auf die Rolle der Naturwissenschaften in der Literaturgeschichte durch die Vorherrschaft der Methodenparadigmen ›Einflussforschung‹ und ›Geistesgeschichte‹ mit ihrer unscharfen und auf die ›großen‹ Fragen (Liebe, Tod, Freiheit) ausgerichteten Theoriebildung eher verstellt worden und tritt erst seit den 1970er Jahren verstärkt in den Blick. Wichtigstes Forum in Deutschland für die neueren Entwicklungen ist das Jahrbuch Scientia Poetica. An (auch öffentlicher) Brisanz gewonnen hat die Frage nach der spezifischen Wertigkeit von Literatur und Naturwissen- schaften durch die Oxforder Reed-Lectures The Two Cultures (1969) von Charles Pearcy Snow, der seit dem Aufstieg der Naturwissenschaften im 19. Jh. eine unüberbrückbare Kluft zwischen einer literarisch-› intellektuellen‹ und einer naturwissenschaftlichen Kultur beobachtet. Seither stellt sich verstärkt die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der Geistes- und Kulturwissenschaften mit ihrem historisch ausgerichteten, interpretationsabhängigen Wissensbegriff. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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