II.1.2 Computerphilologie

Leseprobe

Von Fotis Jannidis

1.2 Computerphilologie

Der Begriff ›Computerphilologie‹ hat sich seit Anfang der 1990er Jahre als Sammelbegriff für die Einsatzmöglichkeiten des Computers in der Literaturwissenschaft etabliert. Zwei Medienrevolutionen haben die Geschichte der Computerphilo logie bestimmt: Erfindung und Verbreitung des Computers (Digitalisierung) und das Internet (Vernetzung). Die erste Phase der Computerphilologie reicht von den Anfängen 1949 bis zur Mitte der 1980er und ist geprägt von den verwendeten Großrechnern. Die zweite Phase reicht von Mitte der 1980er Jahre bis Ende der 1990er Jahre und ist durch die allgemeine Verbreitung des Personal Computers und der CD als Speichermedium bestimmt. Die dritte Phase, die in den letzten Jahren der 1990er begonnen hat, steht unter dem Zeichen der weltweiten Vernetzung und der ersten Experimente mit Netzeffekten. Schon Roberto Busa, der 1949 mit seiner Arbeit an der computergestützten Erstellung einer Konkordanz zu den Werken Thomas von Aquins begann – eine Arbeit, die erst Jahrzehnte später abgeschlossen wurde –, war auf typische Probleme der Textbearbeitung am Computer gestoßen: Wie kann man Zeichen kodieren, die im Zeichensatz des Computers nicht vorhanden sind, und wie kann man nach Worten unabhängig von der konkreten Wortform suchen.

Der Terminus ›Computerphilologie‹ ist in den 1980er Jahren als Analogbildung zum etablierteren Begriff ›Computerlinguistik‹ eingeführt worden, der damals noch die computergestützte Analyse und Verarbeitung von gesprochener Sprache und den inzwischen ausdifferenzierten Bereich der Korpuslinguistik umfasste. Zu den wichtigsten Meilensteinen der Geschichte der Computerphilologie gehören das Erscheinen von leistungsfähigen Programmen, die es auch dem nichtprogrammierenden Philologen ermöglichten, mit digitalen Texten zu arbeiten, z. B. die Sammlung von Textbearbeitungsund Publikationswerkzeugen TUSTEP (Tübinger System von Textverarbeitungs-Programmen), die seit den 1970er Jahren bis nach 2000 immer weiter entwickelt worden ist, oder TACT (Text Analysis Computing Tools), ein Textanalyse-Programm, das Ende der 1980er Jahre vor allem von John Bradley entwickelt wurde.

Wichtige Momente der Entwicklung waren auch die institutionellen Veränderungen: 1970 gab es in Cambridge die erste Fachkonferenz, der regelmäßig weitere folgten. 1973 wurde die Association for Literary and Linguistic Computing gegründet, 1978 folgte in den USA die Association for Computers and the Humanities; die beiden Fachgesellschaften haben bald gemeinsam die Organisation der Konferenzen übernommen und operieren heute unter dem gemeinsamen Dach der Digital Humanities.68 1987 richtete Willard McCarty die E-Mail-Diskussionsliste HUMANIST ein, die er auch seitdem moderiert. Eine Reihe von disziplinären Selbsterforschungen hat sicherlich zur Klärung beigetragen, was unter ›Computerphilologie‹ genau zu verstehen ist.69 Ebenso wichtig waren einige Bücher: Hockey hat 1980 eine erste Einführung vorgelegt und 2000 erneut einen souveränen Überblick über wichtige Aspekte publiziert (vgl. Hockey 1980 und 2000). Seit 1999 erscheint in Deutschland das Jahrbuch für Computerphilologie im Druck und online. Mit dem Companion to Digital Humanities ist 2004 ein erster systematischer Gesamtüberblick erschienen (vgl. Schreibman/Siemens/Unsworth 2004). Einer der wichtigsten Texte ist jedoch vor allem im Internet verbreitet worden: 1987 traf sich erstmals eine Arbeitsgruppe von Philologen, die mit den Guidelines der Text Encoding Initiative (Sperberg- McQueen/Burnard 2005) wohl eines der einflussreichsten Dokumente der Computerphilologie und des Humanities Computing insgesamt vorgelegt hat. [...]

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