II.2.3 Stilanalyse

Leseprobe

Von Urs Meyer

2.3 Stilanalyse

Die Stilanalyse ist eine Schlüsselqualifikation literaturwissenschaftlicher Arbeit. Anders als Kenntnisse über Gattungstheorie, Dramenanalyse, Erzählanalyse oder Lyrikanalyse sind Basiskenntnisse im Bereich der Stilanalyse eine Voraussetzung für jede professionelle Beschäftigung mit literarischen wie auch nichtliterarischen Texten. Auf stilanalytische Kenntnisse ist der Literaturwissenschaftler ebenso angewiesen wie der Sprachwissenschaftler oder der professionelle Verfasser und Vermittler von Texten (Germanist, Journalist, Werbetexter, Literaturkritiker, Deutschlehrer etc.).

Dennoch hat die Theorie und Praxis der Stilanalyse seit den 1970er Jahren eine Phase ansteigender Unpopularität erfahren, vergleichbar zum Beispiel mit dem philologischen Fach der Metrik. Dies hat (fach-)geschichtliche Gründe, aber auch Gründe in der Sache. Zu den Ersteren gehört etwa die Verurteilung der Stilistik als vermeintlicher Methode der textimmanenten Interpretation im Kontext der Methodenpolemik gegen die textimmanente Literaturwissenschaft der 1960er und 1970er Jahre. In der sachlichen Debatte über die Möglichkeiten und Grenzen der Stilanalyse spielte das Argument des szientistischen Reduktionismus eine besondere Rolle. Es entzündete sich zunächst vor allem an der Methode der statistischen Stilanalyse, wie sie zeitweise in der Linguistik propagiert und praktiziert wurde. Schon früh äußerten die Anwälte einer historisch-hermeneutischen Literaturwissenschaft ihre Vorbehalte gegenüber einer ahistorischen Quantifizierung von Stileigenheiten (Wortwiederholungshäufigkeiten, Wortverteilungshäufigkeiten, Strukturanalogien, Bildung semantischer Felder etc.). Während statistisch-quantitative Methoden für die Beschäftigung mit der Gegenwartssprache und -literatur meist noch toleriert waren, setzte sich mit Blick auf die Stilanalyse von historischen Texten die Ansicht durch, dass es weit eher die qualitativen als die quantitativen Eigenschaften und Relationen sind, die für deren Literarizität konstitutiv sind. Der Vorwurf der szientistischen Reduktion tangierte in der Folge die Stilanalyse überhaupt. Die Rekonstruktion der zum Teil rivalisierenden Ansätze und Methoden der Stilanalyse kann etliche Vorbehalte gegenüber ihrer angeblichen Eindimensionalität jedoch entkräften.

An die Stelle der Stilanalyse traten in den literaturwissenschaftlichen Disziplinen seit den 1970er Jahren vermehrt hermeneutisch-historische oder auch psychoanalytische Zugangsweisen zur Literatur, welche die Intentionalität und Kontextsensitivität von Texten betonten, aber auch deren prinzipielle Dynamik und Unbestimmtheit. Nur wenig wurde daher lange Zeit unternommen, um den engen Zusammenhang zu begründen, der zwischen der stilanalytischen Methode und der kognitiven und situativen (d. h. sozialen und kulturellen) Kontextanalyse auch dann besteht, wenn er nicht eingestanden wird. Von dieser Entwicklung profitierte die Linguistik, in der die Hegemonie der Sprache weder einseitig negiert, noch einseitig verteidigt wurde. Das Projekt einer pragmatischen Stilanalyse korrigierte vielmehr bereits früh die literaturwissenschaftliche Tendenz zur Verabsolutierung der einen oder anderen Seite. Die pragmatische Stilanalyse (s. u.) basierte dabei hauptsächlich auf den Annahmen der Sprechakt-Theorie (von John Austin, John Searle, Paul Grice und anderen). In ihr wird Stil als Handlung interpretiert. Einzelne Stilelemente untersuchte man deshalb vor allem auch mit Blick auf ihren multidimensionalen und textüberschreitenden Charakter.

Vorbereitet wurde die Debatte über die texttranszendenten Möglichkeiten der Stilanalyse demnach durch Revierkämpfe zwischen Literaturwissenschaft und Linguistik einerseits, durch den innovativen Ansatz der linguistischen Pragmatik andererseits. Auch in den Literaturwissenschaften, zumindest solange ihnen ein relativ enger Begriff der Literatur zugrunde liegt (Literatur als ästhetisch funktionalisierter Text), kann die zentrale Bedeutung der Stilanalyse heute kaum noch negiert werden. Die Stilisierung ist und bleibt neben der Symbolisierung und der Fiktionalisierung die wichtigste Qualität des poetischen Schreibens. Selbst die Präferenz für einen erweiterten Literaturbegriff, wie er die heutige Literaturwissenschaft prägt, bedeutet nicht notwendig den Verlust des stilanalytischen Paradigmas. Vielmehr gilt: Stilisierung findet nicht nur in der Literatur statt, sie ist insofern ubiquitär, als sie sämtliche Bereiche der menschlichen Sprach- und Kulturbefähigung durchdringt (vgl. I.3). [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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