II.2.6 Dramentextanalyse

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2.6 Dramentextanalyse

Definitionen und Gegenstand

Das Drama bildet zusammen mit der Lyrik und der Epik die drei Grundformen der Literatur. Dabei wird die Lyrik definiert als »eine expressive Gattung, die einen subjektiven Bewusstseinsinhalt zum Ausdruck bringt, ohne dass vom Leser erwartet wird, sich diese innere Wirklichkeit als eine gegenständliche in Raum und Zeit vorzustellen« (Gelfert 2005, 6 f.). Im Gegensatz dazu stellen Epik und Dramatik »mimetische Gattungen [dar], die eine objektive Realität fingieren« (ebd., 7). Damit wird die Funktion der Lyrik als die Schilderung innerer Bewusstseinszustände begriffen, während jene der Epik und Dramatik als die Nachahmung von äußerer Wirklichkeit verstanden wird (allerdings können auch Epik und Dramatik innere Wirklichkeit darstellen, etwa in der Präsentation von Bewusstseinsströmen). Außerdem wird weithin akzeptiert, dass das Drama mit der Epik die Geschichte gemein hat, was beide von der eher expressiv veranlagten Lyrik unterscheidet, bei der oftmals weniger eine Geschichte im Vordergrund steht als die »subjektive Stimmungshaftigkeit einmaligen Einzelerlebens«.

Von der Epik wiederum unterscheidet sich das Drama nicht nur durch seine geringere Stofffülle und die direkte, unvermittelte Rede der Figuren, sondern auch durch seine fiktional-sinnliche Doppelstruktur. Der Dramentext ist fiktional, insoweit er vom Leser fordert, sich »eine erfundene Wirklichkeit als etwas tatsächlich Gegebenes vorzustellen« (Gelfert 2005, 7); in der Aufführungssituation tritt hier jedoch eine physisch-reale Dimension hinzu, so dass sich die Dramatik von der Epik durch den Darstellungsmodus unterscheidet: Während die Epik von Ereignissen oder Bewusstseinszuständen erzählt, stellt das Drama diese in der Aufführungssituation dar. Anders als die Epik simuliert das Drama Wirklichkeit durch den körperlichen Einsatz der Schauspieler. Es ist eine mimetische Kunstform, die Wirklichkeit mit den Mitteln der Wirklichkeit (z. B. Sprache, Körper, Gegenstände) nachahmt, anstatt sie, wie die Epik, allein mit den Mitteln des Textes zu evozieren. Dementsprechend spricht das Drama nicht allein die Vorstellungskraft des Rezipienten an, sondern auch dessen sinnliche Wahrnehmung – in Lyrik und Epik hat man es mit den von Texten eröffneten Vorstellungsräumen zu tun, im Drama dagegen mit dem realen, sinnlich erfahrbaren Raum der Aufführungssituation. So lässt sich das Drama als »plurimediale Darstellungsform« (Pfister 1997, 24) verstehen: Zum schriftlichen Medium des Dramentextes tritt das physische Medium der Aufführung hinzu, sofern man den Ausnahmefall des reinen Lesedramas, das ausschließlich für die Lektüre konzipiert ist, außer Acht lässt. Damit bietet sich die Plurimedialität des Dramas als weiteres Unterscheidungsmerkmal gegenüber den beiden anderen literarischen Gattungen an. Zwar ist auch der Fall von aufgeführter Lyrik oder Epik, etwa im stimmlichen Vortrag, denkbar; dennoch unterscheidet sich das Drama von ihnen durch seine immanente Gerichtetheit auf die Aufführung hin; hier ist die Plurimedialität konstitutives Merkmal, während sie dort lediglich optional zum Text hinzutritt.

Damit die Plurimedialität des Dramas zur Entfaltung kommen kann, bedarf dieses eines Aufführungsortes. Seit Erfindung des kunstmäßigen Spiels nach geschriebenen Vorlagen gehören deshalb Drama – wörtlich »die Handlung« (vom dorischen drān) – und Theater – der Schauplatz (gr. theatrón) – eng zusammen. Manche Modelle setzen das Drama und die Textvorlage sowie das Theater und die Aufführungssituation in eins: »Theater tendiert zum Mimus, dem spontanen Spiel, das Drama dagegen zum Logos, dem verbindlichen Wort« (Schanze 2002, 421). Hier findet jedoch eine Verengung des Begriffs ›Drama‹ auf das Textsubstrat statt, die schon vom etymologischen Gesichtspunkt her nicht sinnvoll ist. Die Handlung erschließt sich nämlich nicht allein aus dem Dramentext, sondern wird auch entscheidend durch physische Aspekte der Aufführungssituation, also durch ›das spontane Spiel‹ bestimmt. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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