II.2.8.3 Brief

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2.8.3 Brief

Brief und Literatur

Seit Jahrhunderten, wenngleich ohne zuverlässige Konjunktur, bewährt sich der Brief aufgrund seiner Eigenschaften als Textsorte und als Medium auch und vor allem dort, wo es um Literatur geht. Seine medialen Eigenschaften umfassen das durch Schriftlichkeit, körperliche Distanz der beteiligten Kommunikationspartner, durch Raumdifferenz und Zeitverzug gekennzeichnete Spiel der Reziprozität von Brief und Gegenbrief, das Dialogische und damit idealiter das Alternieren von Sender und Empfänger. Für die durch Albrecht Koschorke dem 18. Jh. zugeschriebene »Mediologie« besitzt der Brief als Körpersubstitut im Zeichen von Verschriftlichung, als »Elementarform interaktionsfreier Kommunikation« (Vellusig 2000, 21), eine ebenso prominente Funktion wie für die »Diskurse der Empfindsamkeit« als Generator zur Verschriftlichung von ›Empfindungen‹ und zudem als höchst zweckmäßiges Medium der Diszplinierung dieser Empfindungen. Sie sind in Abwesenheit des Adressaten in der Schrift aufgehoben, von der Passion zur Sympathie geläutert, Wahrnehmung und Reaktion des Adressaten erfolgen verzögert. Wegmanns Diskursanalyse der Empfindsamkeit kommt zu dem Ergebnis, dass generell die Diskursivierung des Gefühls und die Selbstreflexivität des modernen Individuums ohne Brief (und Tagebuch) nicht denkbar sei. Sobald das empfindsame Subjekt aber um die Formulierung seines Innersten zu ringen beginnt, entstehen mit dem Tagebuch und dem Privatbrief im alltäglichen Lebensvollzug immer wieder Texte, die den Rang des Literarischen beanspruchen können und wollen.

Kriterien der Literarizität des Briefs sind etwa die Ausgestaltung sozialer Rollen des Ich (als Liebender, als Autor, als Familienmitglied, als Untertan) und damit die Unterscheidbarkeit quasi-litera- rischer Sprechinstanzen, eine das Ich, seine Sprechsituation und einen brieflichen Dialog betreffende Selbstreflexivität, zumal dieser Dialog, andauernde Schreiblust vorausgesetzt, potenziell unendlich fortgeführt werden kann. Hinzu kommen ein u. a. stilistisch prononcierter ästhetischer Anspruch des Schreibens, Nachlass- und Publikationsstrategien (damit eine zumindest indirekte Zuordnung von ›Brief‹ und ›Werk‹) sowie feststellbare Korrespondenzen und Wechselwirkungen zwischen Briefen und literarischen Texten im engeren Sinn.

Festzuhalten für das 18. Jh. und teils noch für die beiden folgenden Jahrhunderte ist Folgendes: Natürlich ist nicht jeder Brief eines Schriftstellers ›Literatur‹, doch auch manche Briefe von Nicht-Literaten sind in eine Literaturgeschichte des Briefs eingegangen, so etwa die Briefe eines Unbekannten des österreichischen Aristokraten und Diplomaten Alexander von Villers, der, ähnlich wie Rahel Varnhagen, postum ausgerechnet und ausschließlich als Briefschreiber zum gedruckten Autor wurde. Franz Kafkas überlieferte Briefcorpora an die Verlobte Felice Bauer und die Geliebte Milena Jesenská werden seit Jahrzehnten wie selbstverständlich als Bestandteile seines OEuvres gelesen, sind also in den literarischen Kanon eingegangen.

Der Kanon europäischer Briefliteratur überschreitet die längst als heikel erkannten Grenzen zwischen Authentizität und Fiktionalität. Die Briefe der Madame de Sévigné gehören genauso dazu wie Samuel Richardsons Briefroman Pamela. Im Ausnahmefall, in Texten Kleists, Brentanos und der Günderrode, gelangt, wie Karl Heinz Bohrer gezeigt hat, die »fiktionale bzw. ästhetische Subjektivität« (Bohrer 1987, 18) ausgerechnet in authentischen Briefen zur Sprache, die »als autonome Texte zu lesen « seien, »in denen das Ich sich gewissermaßen erst semantisch findet, erfindet« (ebd., 13).

Die literaturwissenschaftliche Briefforschung hat eindeutig und fast ausschließlich Autorenkorrespondenzen und das literarische Feld betreffende Briefe privilegiert. Ein breites Spektrum von Bezügen verbindet Brief und im traditionellen Sinn literarisches ›Werk‹ (vgl. Strobel 2006, 13 ff.). Privatbriefe sind nicht nur idealtypische Experimentierfelder moderner Subjektivität, sondern sie bieten, davon nicht immer zu trennen, dem modernen Autor (und seinem jeweiligen Briefpartner) Raum für den Entwurf von Autorschaft, für Rollenbilder des Autors, die aus dem Dialog hervorgehen, und auch für die Reflexion über das ›Werk‹. Briefe lassen sich also in der literaturwissenschaftlichen Analyse auf das OEuvre in mindestens zweifacher Hinsicht beziehen: als dessen ästhetische Variante und als Kommentar. Beide Funktionen sind aber von den brieftypischen Spezifika der Kommunikation nicht zu trennen. Die empirisch nachprüfbaren Daten des Briefs (Schreiber, Adressat, deren Orte, Schreibdatum, im Text genannte Namen, Orte, Werke) verankern den Brief in der Realität. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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