II.2.9 Paratextanalyse

Leseprobe

Von Georg Stanitzek

2.9 Paratextanalyse

Der Begriff der Paratextualität ist in seiner heute maßgeblich diskutierten Fassung 1987 von dem Literaturwissenschaftler Gérard Genette in Auseinandersetzung mit der Kategorie des ›Werks‹ und dessen moderner Erscheinungsform als ›Buch‹ vorgeschlagen worden. ›Paratext‹ steht als Sammelbegriff für das, was sich als »Beiwerk des Buches« bezeichnen lässt (Genette 1989): all die Rahmenelemente, die man tatsächlich oft nur marginal wahrnimmt, die aber als ›Beiwerk‹ keineswegs nebensächlich sind, vielmehr ein Buch als Buch überhaupt erst erkennbar, behandelbar, einschätz- und lesbar machen – kurz: es als Buch konstituieren und charakterisieren. Dazu gehören Buchdeckel und -umschlag, Titelei, Vorwort, Widmung, Anmerkungen/ Fußnoten, Typografie, Zwischentitel, Angaben zu Verlag und Erscheinungsdatum; aber auch Werbung und sonstige auf das Buch bezogene, seiner Präsentation dienliche Hinweise, Lesungen, Web-Auftritte usw. Es sind diese Elemente, ohne die wir es mit einer Art ›nacktem Text‹ zu tun hätten – wie immer man sich einen solchen vorstellen mag; vermutlich könnten wir ihn nicht einmal als solchen erkennen. Paratextuelle Elemente formen den Text, geben ihm eine Einheit, mit der wir umgehen können. Sie sind daher hermeneutisch von erheblicher Bedeutung.

Von Philologenseite ist der Vorschlag Genettes anfänglich durchaus heftig kritisiert worden: Es gebe doch für alle von ihm genannten Elemente bereits hinreichend genaue Begriffe – wer wüsste nicht, was ein Motto, ein Register oder ein Klappentext ist? –, und die literaturwissenschaftliche Lektüre berücksichtige diese immer schon, ein zusätzlicher Sammelbegriff sei daher ein überflüssiger Neologismus. Das unterschätzt aber die Idee. Ihr geht es darum, die funktionale Dimension der so bezeichneten Elemente in den Blick zu nehmen: ihre lektüresteuernde Bedeutung. Wer funktional denkt, fragt nach der Bedingung der Möglichkeit, hält das scheinbar Selbstverständliche für unwahrscheinlich, um sich zu fragen, wie es möglich ist. In diesem Sinne fragt Genette danach, was die Einheit eines Textes oder ›Werks‹ ausmacht. Er übersetzt diese Frage in die weitere, wie die Buch-Einheit möglich ist. Denn dies sei in unserer gegenwärtigen Kultur die maßgebliche Realisierungsform von Werken. Und seine Antwort besteht sodann im Hinweis auf die Paratexte, die uns mitteilen, worum es sich handelt.

Die Analyse von Paratexten nimmt deren (1) räumliche, (2) zeitliche, (3) stoffliche, (4) pragmatische und (5) funktionale Eigenschaften in den Blick. Genette zufolge wird die Aufschlüsselung der damit genannten Aspekte durch einen einfachen »Fragebogen« geleistet: »Definiert wird ein Paratextelement durch die Bestimmung seiner Stellung (Frage wo? [und wann?, G.S.]), seiner verbalen oder nichtverbalen Existenzweise (wie?), der Eigenschaften seiner Kommunikationsinstanz, Adressant und Adressat (von wem? an wen?), und der Funktionen, die hinter seiner Botschaft stecken: wozu?« So Genette in den Bestimmungen seiner Einleitung (1989, 12), von deren sorgfältiger Lektüre jede Paratextanalyse ausgehen sollte.

Für die Struktur und Analyse von Paratextualität ist der Unterschied von ›Peritexten‹ und ›Epitexten‹ wichtig: Peritexte sind jene paratextuellen Elemente, die mit dem jeweiligen Buchkörper gegeben sind. Das heißt, es fallen Buchdeckel und -umschlag, Titel und Verfassername, Impressum, Satzspiegel, Zwischentitel usf. unter diesen Begriff, weil sie jeweils räumlich in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Text situiert sind, den sie rahmend formen und präsentieren. Epitexte hingegen finden sich in einiger räumlicher – und womöglich auch zeitlicher – Entfernung: Verlagswerbung für ein Buch, Interviews oder briefliche Kommentare des Autors, Autorenporträts, kurz: alles, was in einer größeren oder kleineren Öffentlichkeit um ein Werk herum zirkuliert. (Man erkennt leicht, dass etwa Titel und Autornamen unter beide Kategorien, Peri- und Epitexte, fallen können.) In Bezug auf epitextuelle Phänomene hat Genette den Paratextbegriff insofern sehr weit gefasst; er geht sogar so weit, beispielsweise das Wissen um Prousts Homosexualität als Epitext von dessen Werk zu begreifen. Wenn man freilich in Betracht zieht, dass bereits das Wissen um männliche oder weibliche Autorschaft für Lektüren womöglich keinen kleinen Unterschied macht, sollte man seine Bestimmung ernst nehmen. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN