II.2.10 Intertextualitätsanalyse

Leseprobe

Von Andreas Böhn

2.10 Intertextualitätsanalyse

Forschungsfeld und -geschichte

Die Intertextualitätsanalyse richtet sich auf die Bezüge eines Textes zu anderen Texten, wie dies in der älteren Forschung auch schon Untersuchungen zu stofflichen und motivischen Vorläufern und Einflüssen von anderen Autoren taten. Der Begriff ›Intertextualität‹ und damit auch ein spezifisch profiliertes Forschungsfeld entstand jedoch erst seit den 1960er Jahren. Julia Kristeva (1967/1972) prägte den Begriff ›Intertextualität‹ unter sachlichem Rückgriff auf das Dialogizitätskonzept Michail Bachtins (1979). Danach ist Sprache geprägt durch ›Heteroglossie‹, also eine Vielzahl unterschiedlicher, von sozialen Kontexten und kulturellen Traditionen geprägter Teilsprachen. Diese Vielfalt schlägt sich in jedem Text nieder, kann jedoch gerade in literarischen Texten in Form komplexer Wechselbeziehungen gesteigert werden. Kristeva radikalisierte diese Vorstellung, indem sie jeden Text als Rekombination von Elementen aus anderen Texten auffasste.

Dieser weite Intertextualitätsbegriff, der insbesondere im Umfeld des Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus intensiv rezipiert wurde, richtete sich gegen als ideologisch belastet angesehene Begriffe wie ›Autorschaft‹ und ›Geschlossenheit‹ des literarischen Werks zugunsten der Konzeption eines alles umfassenden Textuniversums, in dem die Einzeltexte nur noch Knotenpunkte vielfältiger Bezugslinien darstellen. Aufgrund seiner Allgemeinheit eignet er sich allerdings kaum als Basis konkreter textanalytischer Arbeit. Daher setzten bald Versuche ein, den Intertextualitätsbegriff enger zu fassen und dadurch für die Textanalyse operationalisierbar zu machen.

Einen wichtigen Versuch hierzu unternahm Gérard Genette (1982/1993). Er ersetzt den Begriff ›Intertextualität‹ durch den der ›Transtextualität‹, die alles umfasst, was einen Text in Beziehung zu einem oder mehreren anderen Texten setzt, und in fünf Typen unterteilt werden kann: (1) Intertextualität im engeren Sinne, die Übernahme materialer Teile aus anderen Texten, für die das (wörtliche) Zitat als Beispiel gelten kann; (2) Paratextualität, die Beziehung eines Textes zu den Texten, die zwischen dem (Haupt-)Text und dem Textaußen vermitteln, wie Titel, Vorwort, Fußnoten, Klappentexte etc.; (3) Metatextualität, die Relation zwischen Text und Texten über den Ausgangstext wie Kommentar oder Kritik; (4) Hypertextualität, die aus der Überführung eines Textes in einen anderen Text hervorgeht; (5) Architextualität, die Beziehung eines Textes zu der Textklasse, der er angehört.

Gegen diese Typologie ist eingewandt worden, dass es sich bei Paratextualität um intra- statt intertextuelle Bezüge handle, da die Paratexte Bestandteile des Textes selbst seien, wenn auch solche mit einem besonderen Status (vgl. Stocker 1998, 59). Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass im Feld der Architextualität zwischen der bloßen Aktualisierung einer Gattung und dem Verweis auf diese Gattung etwa durch Formzitate unterschieden werden muss. Dennoch kommt Genette das Verdienst zu, vor allem auch mit seiner weitergehenden Aufgliederung der verschiedenen Formen von Hypertextualität einen wichtigen Anstoß sowohl zur Entwicklung eines methodisch abgesicherten Instrumentariums zur differenzierten Bestimmung von Intertextualitätsphänomenen als auch zur Klärung des Verhältnisses der neu entwickelten Terminologie zu eingeführten Begriffen wie ›Zitat‹, ›Parodie‹, ›Pastiche‹, ›Adaption‹ etc. gegeben zu haben.

In der Folge entstanden seit Mitte der 1980er Jahre sowohl eine Fülle von Einzelstudien und Anwendungen als auch Systematisierungsversuche, die zumeist über eine Typologie der Typologien die vorliegenden Ansätze darzustellen und in neue, umfassende Aufgliederungen des Feldes intertextueller Verfahren zu integrieren versuchen. Im von Ulrich Broich und Manfred Pfister 1985 herausgegebenen Sammelband Intertextualität wurde ver- sucht, Intertextualität auf solche Bezüge zwischen Texten einzuschränken, die produktions- und rezeptionsästhetisch relevant sind, und dadurch von solchen Bezügen abzugrenzen, die grundsätzlich zwischen einem Text und anderen Texten hergestellt werden können (aber im Einzelnen nicht müssen), die etwa ganz oder teilweise ähnliche Stoffe und Motive aufgreifen. Außerdem wurde systematisch zwischen Einzeltext- und Systemreferenz unterschieden, wobei unter Letzterer der Bezug auf die jeweilige Textklasse zu verstehen ist, also das, was bei Genette ›Architextualität‹ genannt wurde. Dabei wird der Unterschied zwischen dem bloßen Aufgreifen einer Gattung und dem Verweis auf die se herausgestellt, ohne dass daraus allerdings die Konsequenz einer scharfen terminologischen Trennung von Systemaktualisierung und Systemreferenz gezogen würde. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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