II.3. Textbewertung

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Von Simone WinkoRSS-Newsfeed neuer Artikel von Simone Winko

3. Textbewertung

Wer über das Werten von Literatur spricht, hat dabei in aller Regel das sprachliche Urteilen über literarische Texte im Blick, wie es in der Literaturkritik an der Tagesordnung ist und zum Teil auch in der Literaturgeschichtsschreibung vollzogen wird. Tatsächlich umfassen wertende Handlungen aber noch weitaus mehr; sie zählen zu den am häufigsten ausgeübten Tätigkeiten im Umgang mit literarischen Texten. Außer für die Literaturkritik spielen sie für das Verlagswesen und den schulischen Literaturunterricht eine wichtige Rolle, ebenfalls für die Literaturwissenschaft, und sie prägen den alltäglichen Umgang mit Literatur. Diese Wertungen zeigen sich in recht unterschiedlichen Handlungen. Zu ihnen gehört z. B. die unreflektiert vollzogene Kaufentscheidung eines Literaturinteressierten, den historischen Roman mit dem ansprechenden Cover zu wählen, es zählt dazu der Absagebrief einer Lektorin an einen Autor, der sein Manuskript unaufgefordert eingeschickt hat, ebenso wie die begeisterte Besprechung des neuen Erzählungsbandes von Judith Hermann im Feuilleton einer großen Tageszeitung, das ausführlich begründete Urteil der Jury zur Vergabe eines Literaturpreises oder das Einbeziehen Theodor Fontanes und das Weglassen Gabriele Reuters in einer Literaturgeschichte des ausgehenden 19. Jh.s.

Das breite Untersuchungsfeld wird im Fach meist mit dem Begriff ›literarische Wertung‹ bezeichnet. Dieser Begriff ist insofern irreführend, als nicht die gemeinte Tätigkeit literarisch ist, sondern der Gegenstand der Wertung. Es geht auch in der Regel nicht um das Werten in Literatur, sondern um ›literaturbezogene‹ Wertungen, um Wertungen, die im Umgang mit Literatur vorgenommen werden. Außer ›literarische Wertung‹ werden in der Forschung noch andere Begriffe verwendet, am häufigsten ›Wertung von Literatur‹, ›Textbewertung‹ und ›Wertungsforschung‹. Um terminologische Klarheit für die folgenden Ausführungen zu gewinnen, sind einige Festlegungen zu treffen. In einem weiten Sinne soll hier unter ›Wertung von Literatur‹ ein vielgestaltiger Typ des normativen Handelns im Umgang mit Literatur verstanden werden. Es zählen – in einem ersten, groben Zugriff – alle Akte dazu, in denen ein Handelnder einem Gegenstand, Sachverhalt oder einer Person, der oder die mit Literatur zu tun hat, Wert zuschreibt. ›Textbewertung‹ bezeichnet dann die wichtigste Gruppe dieser Wertungen, die Wertungen literarischer Texte.

Ein Ziel der literaturbezogenen ›Wertungsforschung‹ ist es, die wertenden Akte im Umgang mit Literatur und ihre Voraussetzungen zu untersuchen. Die Wertungsforschung bildet ein Teilgebiet der Literaturwissenschaft und umfasst ein historisches und ein systematisches Forschungsfeld. Das historische schließt Untersuchungen zu den Wertungen ein, die im Laufe der Literaturgeschichte vorgenommen worden sind, zu den Bedingungen, den Ausprägungen und dem Wandel von Wertungsprozessen sowie zu den normativen Konzepten, die ihnen zugrunde liegen. Diese normativen Konzepte kommen in Ästhetiken, Poetologien oder auch in ›Theorien literarischer Wertung‹ vor, wie sie etwa im Rahmen einzelner Literaturtheorien formuliert worden sind, und enthalten Überlegungen zu den ›angemessenen‹ Maßstäben für die Beurteilung von Literatur. Auch sie gehören zum Gegenstand der Wertungsforschung. Deren systematisches Anliegen ist Teil der Theoriebildung des Faches und bezieht sich auf Modelle des Wertens von Literatur und der Kanonbildung. Während das Werten von Literatur eine überwiegend normative Tätigkeit ist, in die mehr oder minder starke Anteile deskriptiver Tätigkeiten eingehen (vgl. II.3.2 und II.3.3), ist das Verhältnis in der Wertungsforschung umgekehrt: Hier dominieren Beschreibungen wertender Handlungen, die allerdings – implizit oder explizit – von normativen Vorgaben des gewählten Ansatzes (des vorausgesetzten Literaturbegriffs und anderem) geprägt sein können. Auch auf die Modellbildung können normative Annahmen einwirken. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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