II.4. Literaturgeschichtsschreibung

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4. Literaturgeschichtsschreibung

4.1 Literaturgeschichte als Gegenstand und Gegenstandsdarstellung

Literaturgeschichtsschreibung ist eines der wichtigen Arbeitsfelder der Literaturwissenschaft: Literarische Texte und Textkorpora (Werke) werden in synchronen und diachronen Zusammenhängen – vielfach unter Einschluss anderer Wissens- und Ausdrucksformen (symbolischer Formen) sowie von literaturbezogenen Handlungen – verstanden, analysiert und aufeinander bezogen.

Wie in den meisten Arbeitsfeldern der Historiografie wird auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Literatur und ihren Texten das Ergebnis des historiografischen Vorgehens mit demselben Begriff bezeichnet wie der Gegenstandsbereich, den es zu erschließen und zu vermitteln gilt. ›Literaturgeschichte‹ verweist zum einen auf die historische Dimension, in der sich der Umgang mit Literatur vollzieht: auf die geschichtliche Folge der ›Literaturereignisse‹ im Entstehen, Veröffentlichen und Wahrnehmen von Texten, die der Literatur (im engeren Sinn) zugerechnet werden, und darüber hinaus auf die Gesamtheit des ›literarischen Geschehens‹; zum anderen auf die wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Darstellungen, die unter bestimmten Aspekten (in auswählender und verknüpfender Weise) einen überschaubaren Zusammenhang des literaturgeschichtlichen Geschehens herstellen wollen. Kurzum: Literaturgeschichte bezeichnet sowohl einen Objektbereich als auch die reflexive Aneignung dieses Gegenstandes durch die Literaturwissenschaft. Dies gilt für die Literaturgeschichtsschreibung in allen philologischen Disziplinen.

Für sie ist Literaturgeschichte der Entwurf eines geordneten Überblicks über einen diachron und synchron betrachteten Sprachraum und seine literarischen Texte, die im Geschichtsverlauf durch schriftliche Zeugnisse tradiert wurden und zu ihrer Zeit mehr oder weniger verschriftlicht vorhanden gewesen sind. Zudem beachtet man heute auch die durch Jahrhunderte übliche mündliche Vermittlung, um von medialen Aspekten zu denen des kommunikativen und kulturellen Gebrauchs aller derjenigen Texte zu gelangen, die literaturgeschichtlich beschrieben werden sollen. Medial können verschriftlichte Texte dabei nicht nur in unterschiedlicher Weise an Sprech- oder Singstimme oder an Instrumentalmusik gebunden sein, sondern auch an unterschiedliche Bildzeugnisse. So kann, wer Literaturgeschichte schreibt, auch ihren Beitrag zur Mediengeschichte erarbeiten.

Unterschiedliche Entwürfe von Literaturgeschichte sind gebunden an die jeweiligen Bestimmungen des Gegenstandsbereiches sowie die gewählten Konzepte zur Anlage und Darstellung des literaturgeschichtlichen Zusammenhangs und zu den Prozessstrukturen des historischen Geschehens. Literaturgeschichtsschreibung ist abhängig von Theorien zum Entwicklungsverlauf von Literatur und darauf bezogenen Erkenntnisinteressen sowie von Entscheidungen zur Auswahl des ›Materials‹ und zu Perspektivierungen und Organisationsformen der Darstellung. Geschichtsschreibung zum Gesamtbereich ›Literatur‹ kann auch in Teilbereiche differenziert werden.

Idealtypisch gesehen kann der literaturgeschichtliche Zusammenhang (die ›Reihenbildung‹) hergestellt werden (a) aus Texten, die der Literatur im engeren Sinn (vgl. I.1.1) zugeordnet werden, (b) aus Texten, die zu den in (a) genannten Texten als relevante Wissens- und Ausdrucksformen in Beziehung gesetzt werden, (c) aus den unter (b) genannten Texten und unterschiedlichen Zeichenkomplexen des Symbolsystems ›Kultur‹, (d) aus den unter (c) genannten Zeichenkomplexen und ihnen zuzuordnenden Handlungen (beispielsweise der Produktion, Distribution und Rezeption von literarischen Texten). In der Literaturgeschichtsschreibung kommt es in der Regel zu Überlagerungen und Verbindungen dieser idealtypischen Vorgaben. […]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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