II.6.2 Historische Konstellationen

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6.2 Historische Konstellationen

Literaturwissenschaft bestimmt ihren Ort im Wissenschaftssystem immer in Relation zu anderen Wissenschaftsklassen und Disziplinen, um damit ihr spezifisches Profil zu markieren und ihre Zuständigkeit für bestimmte Probleme und deren Lösungen anzuzeigen. Ja mehr noch: Die Begründung der Literaturwissenschaft als Disziplin am Ende des 19. Jh.s geht unmittelbar einher mit ihrer Orientierung an anderen Wissenschaften (vgl. Weimar 2003, 471–487). Von Belang ist dabei nicht zuletzt, welcher Gruppe von Disziplinen die Literaturwissenschaft sich selbst zurechnet. Und hier vollziehen sich entlang der um die Mitte des 19. Jh.s einsetzenden, erkenntnistheoretisch reflektierten Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften, die sich auch im Selbstverständnis der Literaturwissenschaft niederschlägt (vgl. Dainat 1993), historisch wechselnde Konfigurationen. Seither rechnet sich die Literaturwissenschaft z. B. den Klassen der Geistes-, Kultur-, Gesellschafts-, Kommunikations-, Kunst-, Geschichts- oder auch Humanwissenschaften zu und steht im Austausch mit Disziplinen, die den Gesetzes-, Erfahrungs-, Prinzipien-, Lebens-, Technik-, Politik-, Sozial-, Wirtschafts-, Medien-, Medienkultur-, den Religionswissenschaften, den moral sciences, den Cultural Studies oder den Naturwissenschaften zugeordnet werden, wobei sich diese Klassifikationen im Hinblick auf die ihnen jeweils zugerechneten Einzelwissenschaften historisch voneinander unterscheiden oder in einzelnen Fällen auch aufgegeben werden.

Solche Verschiebungen im System der Wissenschaften hängen sowohl mit innerwissenschaftlichen Differenzierungs- und Entdifferenzierungsprozessen zusammen (vgl. II.6.1) als auch mit wechselnden Leistungsbeziehungen zwischen Literaturwissenschaft und Gesellschaft sowie den im Zusammenhang damit sich verändernden Erkenntnisinteressen. Im Zuge dessen verändert sich aber auch die Bezeichnung der Disziplin selbst. Hinter Begriffen wie ›deutsche‹, ›germanische‹, ›slawische‹, ›romanische‹, ›französische‹ oder ›englische‹ Philologie, ›Germanistik‹, ›Anglistik‹, ›Slawistik‹, ›Romanistik‹, ›Literaturwissenschaft‹, ›Literaturgeschichte‹, ›Komparatistik‹, ›Neuphilologie‹, ›Kulturkunde‹ oder ›Deutschkunde‹ steht jeweils ein spezifisches, historisch sich wandelndes Verständnis von Literaturwissenschaft und ihrem Verhältnis zu Nachbar-, Leit- und Hilfswissenschaften. Das Spektrum der Fächer, die im Verlauf des letzten Jahrhunderts aus der Perspektive der Literaturwissenschaft als Nachbardisziplinen gelten, ist folglich sehr umfang- und facettenreich. Ausschlaggebend dafür ist entweder ein Interesse an Wissensbeständen anderer Disziplinen oder auch eines an deren Theorie- und Methodeninventar. Die Bezugnahme richtet sich jedoch in der Regel nicht auf eine andere Disziplin als ganzer, sondern sie reagiert auf Entwicklungen, Innovationen und bestimmte Positionen in einzelnen Teilbereichen, die der Lösung eigener Probleme, die wiederum nur in speziellen Praxisbereichen der Literaturwissenschaft auftauchen, zunutze gemacht werden sollen.

Um Aussagen über das jeweilige historische inter- oder transdisziplinär orientierte Profil der Literaturwissenschaft machen zu können, muss in Rechnung gestellt werden, dass die Disziplinen, zu denen sich die Literaturwissenschaft in Nachbarschaftsbeziehungen setzt, ebenfalls historisch veränderliche Wissensordnungen sind, dass es also etwas anderes ist, wenn sich Literaturwissenschaft am Ende des 19. Jh.s z. B. für die Psychologie interessiert, als wenn sie dies in der 1970er und folgenden Jahren tut. Ist es allein aus den bisher genannten Gründen schon unmöglich, die Beziehungen zwischen Literaturwissenschaft und ihren Nachbardisziplinen etwa als eine chronologisch wechselnde Abfolge bevorzugter Orientierungen zu beschreiben, so kommt hinzu, dass auf synchroner Ebene oft unterschiedliche Konzepte mit je anderen Nachbarschaftspräferenzen untereinander konkurrieren oder auch unbehelligt nebeneinander koexistieren.

Die vier großen Referenzrahmen, an denen sich die Literaturwissenschaft seit dem 19. Jh. und erst recht seit ihrer Begründung als Disziplin am Ende des 19. Jh.s abarbeitet – Nation, Geist, Gesellschaft, Kultur –, geben die konzeptuellen Entscheidungen und damit Nachbarschaftsverhältnisse zu anderen Disziplinen nicht zwingend vor. Gleichwohl sind auf der historischen Längsachse spezifische Konfigurationen zwischen diesen Referenzrahmen und Forschungsorientierungen zu beobachten. Es lassen sich Trends von Problemstellungen ausfindig machen, beschreibbar als Paradigmen und Diskurse (vgl. Rosenberg 2006), die das Verhältnis zu anderen Disziplinen regulieren und unterschiedlichste Erklärungs- und Deutungsmuster für Literatur und ihre Geschichte generieren: psychologische, semiotische, sozialgeschichtliche, anthropologische, formalästhetische, gendertheoretische, um nur einige zu nennen. Der folgende Überblick soll in drei Abschnitten einen historischen Längsschnitt durch diese Wechselbeziehungen skizzieren. [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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