II.6.3 Sprachwissenschaft

Leseprobe

Von Gesine Lenore Schiewer

6.3 Sprachwissenschaft

Seit 2000 sind fast gleichzeitig zwei Publikationen erschienen, die aus aktuellem Interesse die Relation von Literaturwissenschaft und Linguistik reflektieren. Es wird angestrebt, die beiden Teilfächer erneut in einen wissenschaftskritisch belebten Dialog zu bringen, alte Verbindungsfäden wieder aufzunehmen und neue zu knüpfen. Mögliche Synergien der beiden Fachbereiche werden hier ausgelotet (vgl. Haß/König 2003, 9; Hoffmann/Keßler 2003, 12).

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive wird akzentuiert, dass der in der Vergangenheit immer wieder erhobene Vorwurf, es mangle der Linguistik und der analytischen Sprachphilosophie an Relevanz für die Erfassung der Individualität und Komplexität literarischer Texte, angesichts der Vielfalt und Differenziertheit der aktuellen Linguistik und analytisch ausgerichteten Sprachphilosophie nicht mehr aufrechtzuerhalten sei. Es ist zwar einzuräumen, dass die Kritik eine gewisse Berechtigung im Blick auf manche ältere Konzepte der Sprachwissenschaft haben mag. Jedoch hat sich die Linguistik längst von ihrer Konzentration auf Grammatik, Phonetik, Lexikon und Syntax gelöst und sich auch pragmatischen, kommunikativen, kulturwissenschaft- lichen und anthropologischen Aspekten von Texten, Sprechakten und Diskursen zugewandt. Das umfassendere Verständnis sowie das feingliedrigere begriffliche Instrumentarium, das Linguisten, analytische Sprachphilosophen und Psycholinguisten inzwischen für die vielfältigen Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke erstellt haben, kann auch für literaturwissenschaftliche Fragestellungen fruchtbar gemacht werden (vgl. Martinez 2003, 33 f.).

Aus linguistischer Perspektive wird ebenfalls unterstrichen, dass erst eine pragmatische Konzeption von Sprache und von Sprachwissenschaft über die arbeitsteilige Dichotomie hinausführt und zugleich ein neues Gespräch zwischen Literaturwissenschaft und Linguistik gestattet (vgl. Ehlich 2003, 244). Dementsprechend kann in der Untersuchung der Anschaulichkeit literarischer Texte beispielsweise auf Karl Bühlers Analyse der verschiedenen Formen des Verweisens im Zeichencode der Sprache rekurriert werden. Dieses Vorgehen wird unter Hinweis auf die Analogie von Alltagssprache und literarischer Sprachverwendung begründet. So betont Dietrich Krusche (2001, 9 f.), dass anschauliche Orientierungen in einem Text ihre Verbindlichkeit daraus gewinnen, dass sie unter Verwendung derselben Ausdrücke geschehen wie in der Sprachverwendung des Alltags.

Insgesamt ist im Hinblick auf die gegenwärtige Relation von Literaturwissenschaft und Linguistik auffallend, dass zwischen der Vielzahl von tatsächlichen Berührungs- und Überschneidungsbereichen der Disziplinen einerseits und der Distanz vieler Fachvertreter der Germanistik gegenüber der jeweils anderen Teildisziplin andererseits eine erhebliche Diskrepanz besteht. [...]

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