II.6.4 Medienwissenschaft

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6.4 Medienwissenschaft

Begriff und Konzeption einer allgemeinen Medienwissenschaft

Begriff und Konzeption einer Medienwissenschaft werden von zwei widersprüchlichen Faktoren bestimmt: Auf der einen Seite bezeichnet der Begriff der ›Medienwissenschaft‹ – ähnlich wie der der ›Kulturwissenschaft‹ – keine feststehende wissenschaftliche Formation von Forschungsfragen und -ansätzen in systematischer, historischer sowie institutioneller Hinsicht. Die Medienwissenschaft besitzt keinen klar umrissenen Gegenstandsbereich ›Medien‹, keine einheitliche Fundierung in einer allgemeinen Medientheorie, keine lange Wissenschaftsgeschichte und Forschungstradition wie z. B. die Germanistik und dementsprechend auch keine klar umrissene einheitliche universitäre Institutionalisierung. Erst die Entwicklung der Massenmedien, insbesondere der audiovisuellen Medien, hat umfassendere medienwissenschaftliche Fragestellungen im Wissenschaftsbereich seit der Mitte des 20. Jh.s angestoßen (vgl. I.7.4). So wenig, wie es einen einheitlichen Gegenstand einer Medienwissenschaft gibt, sondern vielmehr unterschiedlichste Redeweisen über Medien und Medienbegriffe, so wenig gibt es Methodeninventare, die einer Medienwissenschaft Kontur verleihen könnten. Der Begriff der ›Medienwissenschaft‹ ist somit streng genommen ein Kunstwort oder eine abkürzende Redeweise und bezeichnet kein kohärentes, systematisch zusammenhängendes und genuin auf Medien bezogenes Wissenschaftssystem.

Auf der anderen Seite verbirgt sich aber gerade hinter diesem Begriff eine rege wissenschaftliche Tätigkeit mit geradezu ausufernden Versuchen, nicht nur alle technischen Ausformungen von Medien, sondern zudem auch alle Zeichenstrukturen, Kommunikationsformen und kulturellen Prozesse zu erhellen und erschließen. So umfasst der Begriff der ›Medienwissenschaft‹ eine ganze Anzahl durchaus heterogener und in ihren Begriffen und Zugriffsweisen bisweilen auch inkompatibler Versuche aus den unterschiedlichsten Fachwissenschaften wie der Publizistik, der Journalistik, der Literaturwissenschaft usw., Medien, Medienwirkungen, Formen medialer Vermittlung, semiotische und kulturelle Dimensionen der Medien zu erfassen. Medienwissenschaftliche Fragestellungen sind daher systematisch wie institutionell auf wissenschaftliche (Teil-)Disziplinen verstreut.

Weil der Medienbegriff von so vielen etablierten Fachwissenschaften reklamiert und jeweils anders definiert wird, und weil es so viele divergente Medientheorien gibt – zum Teil eigenständige, zum Teil an andere Theorien angelehnte, zum Teil in bestimmten Wissenschaften beheimatete –, ist ein allgemein durchsetzbarer Medienbegriff als »Basiskategorie « (Hickethier 1988, 51) noch nicht gefunden. Eine solche Basiskategorie könnte in einem integrativen Medienbegriff bestehen, der nicht nur die Heterogenität überwindet, sondern die Medienwissenschaft auch zu einem Ort genuiner Interoder Transdisziplinarität werden lässt. Sie wäre unabdingbare Voraussetzung für eine Medienkomparatistik im Sinne echter Intermedialitätsforschung, die sich nicht auf einen singulären Medienvergleich reduzieren ließe und stattdessen die Medienphänomene und die konstitutive Leistung von Medien für die Wirklichkeitsauffassung einer Kultur insgesamt erfassen könnte (vgl. I.7.7). Heutzutage wird der Entwurf einer umfassenden Medienwissenschaft nicht mehr als vorrangiges wissenschaftsübergreifendes Desiderat angesehen, nicht mehr ausschließlich als System, sondern als Fokussierung konzipiert, so dass sich verschiedene medienwissenschaftliche Ansätze zu einem interdisziplinären Verfahren zusammenschließen.

Grundsätzlich muss man zwischen Medienwissenschaft als System und Medientheorie unterscheiden. Letztere hätte die Aufgabe, einen Medienbegriff zu formulieren und damit einer Konzeption von Medienwissenschaft den Gegenstandsbereich zu sichern und weitergehende Medienforschungen zu ermöglichen und anzuleiten. In dem Maße, in dem die Medienwissenschaft einerseits durch eine fehlende Systematik, andererseits durch ein ausuferndes Untersuchungsgebiet gekennzeichnet ist, gewinnen medientheoretische Ansätze an Bedeutung, die versuchen, einen Medienbegriff mehr oder weniger explizit als Basiskategorie zu formulieren. Die Spannbreite solcher Medienbegriffe reicht von einem technischen Begriff der Massenmedien bis hin zu einem konzeptionellen oder philosophischen Begriff eines Mediums als Instanz der Wahrnehmung des Subjekts. Die Frage, inwiefern es einen Bedeutungskern des Medienbegriffs geben könnte, führt schon ins Zentrum medienwissenschaftlicher Medientheorie. Der kleinste gemeinsame Nenner dürfte allerdings in der Idee des Mediums als Vermittlungsinstanz, -instrument oder -agentur liegen, wobei jedoch das, was durch das Medium vermittelt wird, unterschiedlichste Deutungen erfährt und vom Verhältnis Mensch und Welt bis hin zu Bewusstsein und Kommunikation reicht.

Weiterhin muss man zwischen drei Ausprägungsformen unterscheiden: [...]

Leseprobe aus  dem Handbuch Literaturwissenschaft. Sie können den Handbuch-Artikel nach Anklicken der Zeile „Leserbrief schreiben“ rechts unten auf dieser Seite kommentieren.





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