II.6.6 Kunstwissenschaft

Leseprobe

Von Monika Schmitz-Emans

6.6 Kunstwissenschaft

Konvergenzen zwischen literatur- und kunstwissenschaftlichen Diskursen Zwischen Literaturwissenschaft und Kunstwissenschaft (hier im Sinn des wissenschaftlichen Diskurses über Kunst und als Oberbegriff zu Kunstgeschichte und Kunsttheorie) bestehen hinsichtlich ihrer Gegenstände, Methoden und Erkenntnisinteressen viele Korrespondenzen, teilweise auch Überschneidungen. Aus historischer Sicht verbinden sich beide Disziplinen in analoger Weise mit wechselnden wissenschaftlichen Paradigmen wie etwa dem Positivismus, dem Historismus, der Ideengeschichte, der Kulturtheorie oder der Dekonstruktion. Die Erörterung von Beziehungen zwischen Literatur und bildender Kunst obliegt ihnen beiden, und zwar in enger Verknüpfung mit der Reflexion über die Relation zwischen Wort und Bild, über mediale und semiotische Analogien und Unterschiede zwischen sprachlicher und bildhafter Darstellung.

Der literaturtheoretische und -historische sowie der kunsttheoretische und -historische Diskurs besitzen ein gemeinsames Fundament in der Geschichte philosophisch-ästhetischer Reflexionen über Kunst und Künste, die bereits in der Antike einsetzt. Theorien literarischer und bildkünstlerischer Darstellung wurden seit ihren antiken Anfängen immer wieder in enger Verknüpfung miteinander entwickelt, sei es, dass Dichtung und bil- dende Kunst (generell oder mit Blick auf einzelne Werke) verglichen wurden und ihr Profil durch wechselseitige Ausdifferenzierung oder auch durch Analogisierung gewannen, sei es, dass sie unter dem Oberbegriff der Kunst als Teile eines Künstesystems reflektiert wurden.

Neben dem gemeinsamen Bezug auf die Geschichte der Ästhetik und Kunsttheorie sind Literatur- und Kunstwissenschaft auch durch analoge Fragestellungen, Methoden, Ordnungsverfahren und Interpretationsverfahren verwandt. Solche Analogien bestehen unter historiografischen Aspekten, etwa wenn gemeinsame Epochenbegriffe verwendet werden, aber auch unter systematischen Aspekten, wie etwa bei der Thematisierung von Prozessen ästhetischer Produktion und Rezeption oder im Bereich der Theorien des künstlerischen Werks. Stoff- und motivgeschichtliche Ansätze sind für beide Disziplinen relevant, schon weil die Literatur und die bildende Kunst zu weiten Teilen aus einem gemeinsamen Fundus von Stoffen und Motiven schöpfen. Theorien des Mythos, narratologische Konzepte und hermeneutische Grundsatzfragen bilden weitere gemeinsame Bezugspunkte.

Überschneidungen im Bereich der Gegenstände ergeben sich vor allem in Folge der komplexen Wechselbezüge zwischen Literatur- und Kunstgeschichte sowie anlässlich von Artefakten, die keine eindeutige Zuordnung zu einer der Künste zulassen. Dabei kann sich der Zugriff auf solche Forschungsgegenstände allerdings durchaus disziplinspezifisch ausdifferenzieren. Beide Disziplinen sind konfrontiert mit der Thematik von Repräsentation und Bedeutungsvermittlung, mit der Spannung zwischen Darstellung und Nichtdargestelltem sowie zwischen Darstellbarem und Undarstellbarem.

»Wechselseitige Erhellung« und die »Sprachen der Kunst«: Methodische Perspektiven

Terminologiehistorisch sind die theoretischen Reflexionen über Dichtung und die über bildende Kunst aufs Engste verflochten. Oskar Walzel suchte nach gemeinsamen Kategorien zur Beschreibung literarischer und bildkünstlerischer Werke. [...]

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