Zeitgemäßes über Krieg und Tod (Zensierter Auszug)

Das Forum 2 (1915), H. 1 (April), Hg. von Wilhelm Herzog, S. 190-191.

Von Sigmund Freud

In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift »Imago« (4. Jahrgang, Heft 1, Verlag von Hu­go Heller & Cie., Wien) veröffentlicht unter diesem Titel Sigmund Freud einen Aufsatz, dem ich die folgenden Stellen entnehme:

…Völker werden ungefähr durch die Staaten, die sie bilden, repräsentiert: diese Staaten durch die Regierungen, die sie leiten.

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Man wende nicht ein, daß der Staat auf den Gebrauch des Unrechts nicht verzichten kann, weil er sich dadurch in Nachteil setzte. Auch für den Einzelnen ist die Befolgung der sittlichen [318] Normen, der Verzicht auf brutale Machtbetätigung in der Regel sehr unvorteilhaft, und der Staat zeigt sich nur selten dazu fähig, den Einzelnen für das Opfer zu entschädigen, das er von ihm gefordert hat. Man darf sich auch nicht verwundern, daß die Lockerung aller sittlichen Be­ziehungen zwischen den Großindividuen der Menschheit eine Rückwirkung auf die Sittlichkeit der Einzelnen geäußert hat, denn unser Gewissen ist nicht der unbeugsame Richter, für den die Ethiker es ausgeben, es ist in seinem Ursprunge »Soziale Angst« und nichts anderes. Wo die Ge­meinschaft den Vorwurf aufhebt, hört auch die Unterdrückung der bösen Gelüste auf, und die Menschen begehen Taten von Grausamkeit, Tücke, Verrat und Roheit, deren Möglichkeit man mit ihrem kulturellen Niveau für unvereinbar gehalten hätte…

…Wenn das wilde Ringen dieses Krieges eine Entscheidung gefunden hat, wird jeder der siegreichen Kämpfer froh in sein Heim zurückkehren, zu seinem Weib und Kindern, unverweilt und ungestört durch Gedanken an die Feinde, die er im Nahekampf oder durch die fernwirken­de Waffe getötet hat. Es ist bemerkenswert, das sich die primitiven Völker, die noch auf der Erde leben und dem Urmenschen gewiß näher stehen als wir, in diesem Punkte anders verhalten – oder verhalten haben, so lange sie noch nicht den Einfluß unserer Kultur erfahren hatten. Der Wilde – Australier, Buschmann, Feuerländer – ist keineswegs ein reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade heimkehrt, darf er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht berüh­ren, ehe er seine kriegerischen Mordtaten durch oft langwierige und mühselige Bußen gesühnt hat. Natürlich liegt die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe: der Wilde fürchtet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die Geister der erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Ausdruck seines bösen Gewissens ob seiner Blutschuld; hinter diesem Aberglauben verbirgt sich ein Stück ethischer Feinfühligkeit, welches uns Kulturmenschen verloren gegangen ist …

Kommentar:

Dieser sehr kriegskritische Aufsatz ist u.a. abgedruckt in S. Freud: Studienausgabe Bd. IX. Frankfurt 1974. S. 33-60; Auszüge S. 39 f., 55. [Siehe auch die Veröffentlichung im Rahmen der bei literaturkritik.de erscheinenden digitalen Edition von Freuds Werken.] Die von der Zensur verbotene Passage lautet: »Der einzelne Volks­angehörige kann in diesem Kriege mit Schrecken feststellen, was sich ihm gelegentlich schon in Friedens­zeiten aufdrängen wollte, daß der Staat dem Einzelnen den Gebrauch des Unrechts untersagt hat, nicht weil er es abschaffen, sondern weil er es monopolisieren will wie Salz und Tabak. Der kriegführende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehren würde. Er bedient sich nicht nur der erlaubten List, sondern auch der bewußten Lüge und des absichtlichen Betruges gegen den Feind, und dies zwar in einem Maße, welches das in früheren Kriegen Gebräuchliche zu übersteigen scheint. Der Staat fordert das Äußerste an Gehorsam und Aufopferung von seinen Bürgern, entmündigt sie aber durch ein Übermaß von Verheimlichungen und eine Zensur [!] der Mitteilung und Meinungsäußerung, welche die Stimmung der so intellektuell Unterdrückten wehrlos macht gegen jede ungünstige Situation und je­des wüste Gerücht. Er löst sich los von Zusicherungen und Verträgen, durch die er sich gegen andere Staa­ten gebunden hatte, bekennt sich ungescheut zu seiner Habgier und seinem Machtstreben, die dann der Einzelne aus Patriotismus gutheißen soll.« (ebd., S. 39)

Anmerkung der Redaktion: Text und Kommentar wurden übernommen aus Thomas Anz /  Michael Stark (Hg.): Expressionismus. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1910-1920. Stuttgart: Metzler 1982. S. 317-318.





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