Als Opfer des Nationalismus

Die Ähre. Zürich. Jg. 3, Heft 9/10, November/Dezember 1914, S. 7

Von Hugo Kersten

Der allgemeine Irrsinn, der jetzt grassiert, und den man Nationalismus oder Patriotismus zu nennen beliebt, fordert seine Opfer.

Für ein chauvinistisches Phantom oder für den Ehrgeiz einer Kaste wird die Jugend der „Kultur“-Völker hingeschlachtet. Gewiß wird sich ein großer Teil dieser Jugend mit Ueberzeugung für seine spezielle oder für die allgemeine Narrheit opfern.

Mit diesen Bedauernswerten soll man nicht rechten: es beweist zum mindesten einen hohen Grad von Idealismus, wenn man sich einer Idee willen opfern will (mag diese Idee auch noch so närrisch und noch so künstlich gezüchtet sein). Und man soll sie auch nicht betrauern, wenn sie ihre Ueberzeugung mit dem Leben bezahlten: sie haben ihre Bestimmung erfüllt. Und es gibt nicht genug Irrenhäuser auf der Erde, um sie alle lebend zu konservieren.

Wir betrauern aber jene, die gezwungen die Waffen nehmen mußten für ein Menschenkonglomerat, das sich „Nation“ nennt, und in das sie zufällig hineingeboren waren.

Jene Wenigen, Freunde der Freiheit, die während ihres Lebens die Seuche der Zeit, den Militarismus, bekämpften, und die jetzt ihre ersten Opfer werden sollten.

Nachdem Charles Péguy auf französischer Seite gefallen ist, einer der besten Repräsentanten der jungen französischen Literatur und Ethiker einer zukünftigen Zeit, erfahren wir, daß auf deutscher Seite Hans Leybold und Ernst Stadler sterben mußten. Sie gehörten beide zu dem Kreise, der sich um die Berliner Zeitschrift „Die Aktion“ gebildet hatte, der jüngsten und freiesten Zeitschrift im heutigen Deutschland.

Die deutsche Verlustliste nennt außerdem Alfred Lichtenstein als schwer verwundet und vermißt und Carl Einstein als verwundet, die auch beide zu der „Aktion“ gehören. Lichtenstein, bekannt durch seine grotesken Großstadtverse, und Einstein, der als Kunstschriftsteller bekannt, und der der Dichter des Romans „Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders“ ist.

Von dem sehr jugendlichen Hans Leybold, der sein Bestes erst noch hätte geben können, sind der Oeffentlichkeit nur einige Gedichte bekannt geworden. Verse, die neue Ausdrucksmöglichkeiten suchten (und oft fanden). Eins seiner letzten und schönsten Gedichte steht hier:

Ende.

Die Wellen meiner bunten Räusche sind verdampft.
Breit schlagen, schwer und müd,
die Ströme meines Lebens über Bänke
von Sand.
Mir schmerzen die Gelenke.
In mein Hirn
hat eine maßlos große Faust sich eingekrampft.

Er hat sein Werk unvollendet verlassen müssen. Außerdem las man oft temperamentvolle Glossen von ihm, die einen starken Menschen erkennen ließen. Auch die wertvolle unliterarische Literaturzeitung „Revolution“ wurde von ihm herausgegeben.

Ernst Stadler, der Professor für deutsche Sprache an der freien Universität Brüssel war, war namentlich als Uebersetzer und Kritiker der jüngsten Literatur geschätzt. So hat er Verse von Francis Jammes und Anderen verdeutscht. Vor einigen Monaten erschien jedoch auch ein Gedichtbuch von ihm, das eines der wertvollsten und stärksten Bücher ist, die uns die letzten Jahre geschenkt haben. Die einfachen und alltäglichen Dinge des Lebens erscheinen neu in diesen Versen, und Worte, die wir stumpf und abgebraucht wähnten, zeigen ein neues Gesicht. Zwar spürt man mitunter noch den Einfluß Walt Whitmans und Verhaerens, doch stehen auch Gedichte in diesem Bande, die ganz ursprünglich und einfach wie das Leben sind, das er inbrünstig und demütig liebte. Das Buch heißt „Der Aufbruch“ und der Name des Dichters wird bleiben.

Unvollendet noch beide, werden sie für uns, die wir zurückbleiben, doch nicht umsonst gestorben sein. Konnten sie uns auch nicht alles geben, was sie zu geben hatten, so wird ihr Tod doch manchem den Haß gegen den Mörder Nationalismus ins Herz brennen. So wird ihr Tod doch manchen aufraffen, der in diesen Zeiten der Sache der Freiheit abtrünnig geworden wäre. Sie starben als Opfer eines Irrwahns, mit dem die Menschheit heute geschlagen ist. Aber sie starben auch als Märtyrer einer Zukunft, die kommen wird.

Editorische Hinweise von Michael Stark

Textgrundlage

Impertinenter Expressionismus. Texte von Hugo Kersten, hg. von Michael Stark. Stuttgart: Akademischer Verlag 1980 (= Stuttgarter Nachdrucke zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Band 3), S. 66-67. Eine überarbeitete  und erweiterte Neuausgabe ist in Vorbereitung.

Kommentar

Der provokative Text, teils sarkastisches Antikriegs-Manifest, teils literaturkritischer Nachruf auf die ersten Kriegstoten der expressionistischen Generation, wurde erstmals in der Schweizer Zeitschrift Die Ähre. Wochenschrift für Dichtung, Theater, Musik, Kunst. Zürich, hg. von Joh[annes] Steinmann. Jg. 3, Heft 9–10, November/Dezember 1914, S. 7, veröffentlicht. Das vom 26. Januar 1913 (Jg. 1, Heft 1) bis 10. Mai 1916 ( Jg. 4, Heft 14/15) als Wochen- bzw. Halbmonatsschrift erschienene Printmedium wollte „[…] in erster Linie ein getreues Spiegelbild des schweizerischen und freundnachbarlichen Theaterlebens sein, im weiteren auch ein Spiegelbild der gesamten deutschsprachigen Schaubühne.“ (Jg. 1, H. 1, S. 1). Zu seinen bekannteren Beiträgern gehörten u.a. der Schweizer Redakteur und Schriftsteller Paul Altheer (1887 – 1959), der spätere Spartakist und Arbeiterdichter Max Barthel (1893 – 1975), der Naturalist Karl Bleibtreu (1859 – 1928) und Hermann Hesse (1877 – 1962), der am 3. November 1914 in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ seinen Appell O Freunde, nicht diese Töne! an die europäischen Intellektuellen veröffentlicht hatte, auf Kriegshetze und nationalistische Polemik zu verzichten. Über dessen vergleichsweise moderaten Ton geht der Text des Berliner Literaten rhetorisch und intellektuell radikal hinaus.

Hugo Kersten (geb. am 12. Dezember 1892 in Danzig, gest. am 5. Oktober 1919 in Berlin-Schöneberg durch Suizid) war ein Schriftsteller des Expressionismus und bohemisch lebender Intellektueller, der vitalistische, prädadaistische und individualanarchistische Positionen vertrat. Er schrieb vor allem Gedichte, Glossen, Rezensionen, Polemiken und Pamphlete. Sehr wahrscheinlich stammt von ihm das unter dem Pseudonym A. Undo veröffentlichte Manifest Der Impertinentismus (In: Die Aktion. Berlin. Jg. 5, Nr. 35/36, 4. September 1915, Sp. 448-450), das als ein Schlüsseldokument des Übergangs vom Frühexpressionismus zum Dada betrachtet werden muss. Den Kriegsdienst zu verweigern, emigrierte Kersten in die neutrale Schweiz und gelangte über Bellinzona und die erste Aufnahme in der Künstlerkolonie des Monte Veritá bei Ascona nach Zürich. Dort gab er mit seinem Freund Emil Szittya, eigtl. Adolf Schenk (1886 – 1964), die ersten beiden Nummern der kurzlebigen avantgardistischen Exil-Zeitschrift Der Mistral (ab Nr. 2 mit dem Untertitel Literarische Kriegszeitung. Zürich. Jg. 1, 3. und 21. März 1915) heraus, von der noch ein 3. und letztes, durch Walter Serner (1889 – 1942) redigiertes Heft am 26. April 1915 erschien. Im Mistral sind drei weitere Artikel Kerstens zum Ersten Weltkrieg abgedruckt: In unserer Zeit (Nr. 1, S. [1]), Die Lyrik des Schützengrabens (ebd.) und Ueber die Notwendigkeit des Chauvinismus in der Sozialdemokratie (S. [4]). Fremdenpolizeilich wohl in Verdacht des politischen Anarchismus geraten, setzte er sich mit Szittya Ende März 1915 fluchtartig wieder aus Zürich ab.

Kerstens Text ist ein Dokument des von behördlicher Zensur freien kritischen Spielraums, den die in Deutschland als ‚vaterlandslos` diffamierten Kriegsgegner in ihren Schweizer Zufluchtsorten einerseits vielfach hatten. Andererseits waren die meist von zufälligem journalistischen Zeilengeld abhängige prekäre Existenz und die psychische Last, als Ausländer fremd und desintegriert zu sein, Preis der publizistischen Freiheit. Nicht zufällig veranstaltete der damalige Redakteur der Ähre, Johannes Vincent Venner (1883 – 1951), auch für den „durch Krankheit und äußere Umstände in schwerste materielle Bedrängnis“ geratenen Kersten eine wohltätige Kollekte, dem „Dichter sein Dasein zu erleichtern.“ (Jg. 3, Heft 15/16, 17. Januar 1915, S. 3.) Weniger empathisch reagierte die vaterländische Propaganda, der die scharfe Attacke des angeblich Notleidenden gegen den mörderischen Nationalismus offenkundig nicht entgangen war.

Mit Abdruck der für ihn empörendsten Passagen aus dem aggressiven ‚Epitaph‘ forderte ein Ruhmredner der kriegerischen Blutsbrüderschaft zwischen dem österreichisch-ungarischen und dem deutschen Kaiserreich fürs Erste die psychiatrische Einweisung des Provokateurs und drohte mit späterem Ausschluss aus dem völkischen Kulturleben:

Es gibt wohl genug Irrenhäuser in der neutralen Schweiz, um derartig verrückte Elemente ihrer Bestimmung zuzuführen. Wenn nicht, dann vielleicht Zuchthäuser, in denen Platz ist für schreibende Kretins und ehrlose, skrupellose Geschöpfe vom Schlage dieses Herrn Hugo Kersten. Für den geistigen Stand einer Kunstzeitschrift wie der ‚Aehre‘ ist die Tatsache, daß sie das gleich unverschämte wie verrückte Gerede aufnimmt, ein beschämendes Zeugnis. Es sollten sich, meine ich, unter den deutschen Mitarbeitern dieser Zeitschrift Leute genug finden, die es weiterhin ablehnen müßten, an einem Blatte mitzuarbeiten, das sich dafür hergibt, die Blüte eines schaffenden und kämpfenden Volkes von einem Kerl beschimpfen zu lassen, der sich, ohne den geringsten Nachweis künstlerischer oder allgemein-geistiger Verdienste, durch einen kühn angebrachten Bettel unterstützen läßt. – Man wird gut tun, sich den Namen dieses ‚verschämten Armen‘ zu merken, und dem Herrn, sollte er nach dem Kriege das Bedürfnis fühlen, an ‚unserer Kultur‘ mitzuschaffen, die Maske zu lüften. (Ernst Adolf Greiner: Internationale Schreiblinge. In: Bühne und Welt. Zeitschrift für das Theaterwesen, Literatur und Musik. Berlin, Leipzig, Wien. Jg. 17, 1915, Nr. 5, Mai 1915, S. 234-236; hier S. 234.)

Greiner, der sich damals mit mehreren ultrapatriotischen Weckrufen hervorzutun suchte (siehe z.B.: Deutsche Würde und belgische Dichter – Eine deutsche Betrachtung. In: Bühne und Welt. Jg. 17, 1915, Band I, S. 123-125), hatte übrigens Frank Wedekind (1864 – 1918) aus Anlass der von Maximilian Harden (1861 – 1927) initiierten Ehrungskampagne auf entsprechend abschätzige Weise zum 50. Geburtstag am 24. Juli 1914 beglückwünscht. Dem Produzenten eines Werks, das lediglich ein „Spiegel der Entartung“ sei, prophezeite er als „Propagandisten einer Schönheit des Gemeinen und des Verirrten“ einer der ersten zu werden, die das siegreich gesundete Volk abstoßen wird (Wedekind. In: Bühne und Welt. Jg. 16, 1914, S. 376-381; hier S. 381). Gut möglich, dass sich Wedekind durch ähnliche Angriffe zu seiner Stellungnahme vom 27. September 1914 gedrängt fühlte. Vgl. Deutschland bringt die Freiheit sowie dazu Hartmut Vinçon: Frank Wedekind und der Erste Weltkrieg (literaturkritik 8/2014).

Zur weiteren Rezeptionsgeschichte des Textes gehört schließlich ein auszugsweiser Nachdruck, von dem wir durch eine Notiz Franz Pfemferts (1879 – 1964) wissen. In seiner Rubrik Kleiner Briefkasten verteidigte er seinen Mitstreiter:

H.H. Sie irren! H.K. gehört weder zu den periodischen Kriegslustknaben, noch ist er ein Novembersozialist. Als die AKTION August 1914 die Rudolf Leonhard usw. als Hetzsänger sehen musste, gehörte H.K. zu den Wenigen, die ihr treu blieben. Auch hat H.K. sich nicht verkrochen, sondern er ist kämpfend hervorgetreten. Hier, bitte, was die „Post“ (Morgen-Ausgabe 13. Januar 1916) damals zu Ehren Hugo Kerstens „niedriger“ hängen mußte: „Ein kennzeichnender Nachruf. In Heft 9-10 der Zeitschrift für Dichtung, Theater, Musik ,Die Aehre‘ (Steinmann, Zürich) findet sich ein Nachruf für die gefallenen Dichter und Künstler Charles Péguy, Hans Leybold und Ernst Stadler mit folgenden Gedenkworten: […]. Der Verfasser dieser unerhörten Worte ist Hugo Kersten, dessen Namen man sich in diesem Zusammenhang wohl merken sollte.“
(Die Aktion. Berlin. Jg. 9, Nr. 18, 10. Mai 1919, Sp. 268.)

Heute ist historischer Konsens, dass neben machtpolitischer imperialistischer Konkurrenz und dem Versagen der Diplomatie eben jene politische Scharfmacherei, jener chauvinistische Nationalismus und eigendynamische Militarismus, die Kerstens keineswegs gratismutiger Protest anprangerte, zum ‚Ausbruch‘ des Ersten Weltkriegs wesentlich beitrugen.

 





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