III.1.4 Literaturwissenschaft nach 1968

Leseprobe

Von Dorit Müller

1.4 Literaturwissenschaft nach 1968

Für die deutsche Literaturwissenschaft schuf der politische Umbruch des Jahres 1945 zwar veränderte kultur- und wissenschaftspolitische Rahmenbedingungen. Gravierende Einschnitte in konzeptioneller und methodischer Hinsicht blieben jedoch vorerst aus. Die Zäsur des Jahres 1945 führte in der Bundesrepublik keinen fundamentalen Personalwechsel herbei. Institutionelle Strukturen überdauerten, methodische Orientierungen wie die Geistesgeschichte bestanden unter den neuen politischen Bedingungen fort. Auch die nach 1945 dominierende Werkimmanenz hatte sich bereits in den 1930er und 40er Jahren entwickelt, so dass ein eingeführtes Paradigma ausgebaut werden konnte.

In der DDR strebten wissenschaftspolitische Instanzen zwar personelle Umbesetzungen an, um im Anschluss an eine marxistische Literaturtheorie neue Untersuchungsgebiete und Arbeitsformen zu eröffnen und eine neue Wissenschaftselite zu installieren. Doch vollzog sich diese Umstellung erst im Zuge des Generationswechsels Ende der 1950er Jahre. Ein Jahrzehnt später lassen sich innerhalb des inzwischen durchgesetzten marxistischen Paradigmas bestimmte Pluralisierungseffekte beobachten, die zur Herausbildung der Rezeptionsforschung als einer an internationale Theoriestandards anschließende Konzeption führten.

Zeitgleich wandelte sich auch in der Bundesrepublik das wissenschaftliche Selbstverständnis der Literaturwissenschaften. Bedingt durch vielfältige Faktoren bildungspolitischer, institutioneller und konzeptioneller Art erfuhr die Wissenschaftslandschaft im Laufe der 1960er Jahre eine radikale Umstrukturierung: Die Gründung der Literaturwissenschaft auf dem Begriff der ›Nation‹ wurde verabschiedet; dementsprechend demokratisierten und pluralisierten sich die Umgangsweisen mit Literatur. Eine programmatische ›Verwissenschaftli- chung‹ und der Anschluss an international geführte Theoriediskussionen erweiterten eine Forschung, die nicht mehr nur kanonische Texte, sondern auch literarische Produktionen jenseits der sog. Höhenkamm- Literatur und Phänomene der Alltags- und Massenkultur einbezog.

Erneuerungsversuche des literaturwissenschaftlichen Hochschulbetriebs und der Forschung setzten demnach in beiden deutschen Staaten parallel ein und schufen eine in bestimmter Hinsicht vergleichbare Ausgangssituation für die weitere Entwicklung in den 1970er Jahren.

1.4.1 Vergangenheitsbewältigung und Neuausrichtung

Institutionelle und konzeptionelle Erneuerung in der Bundesrepublik

In die Mitte der 1960er Jahre fällt eine der wichtigsten Umbruchsphasen der deutschen Literaturwissenschaft im 20. Jh. Als Indizien für die Umwälzung sind zu nennen: der Aus- und Neubau der Hochschulen, die Erweiterung der Stellen im öffentlichen Dienst, die rasant steigenden Studierendenzahlen, die Reform der Lehrerausbildung sowie die Modernisierung der Fächer, ihrer Gegenstände und Methoden. Das gilt in großen Teilen für alle philologischen Fächer, hat aber in der Germanistik eine besondere Ausprägung erreicht. Kaum ein anderes Universitätsfach geriet durch Generationenwechsel und Studentenbewegung in so heftige Kontroversen und hatte sich so intensiv mit seiner politischen und wissenschaftlichen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Auch wenn sich als Datum des Umbruchs aufgrund der politischen Unruhen das Jahr 1968 geradezu aufdrängt, so liegen die eigentlichen Ursachen in einer Entwicklung, die sich schon seit Anfang der 1960er Jahre abzeichnete.

Die universitäre Reformphase stand in enger Beziehung zu gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen in der Bundesrepublik. Die Reformbemühungen fielen mit einer Expansion des Bildungssektors zusammen, die auf politisch gelenkte Bildungswerbung, geburtenstarke Jahrgänge und eine Erosion klassen- und schichtspezifischer Sozialmilieus zurückzuführen ist (vgl. Sill 2005, 35 f.).

Sie eröffneten erstmals auch enorme Bildungschancen für Frauen. Hinzu kam Mitte der 1960er Jahre ein Generationswechsel, als die bisher von den 1900er Jahrgängen besetzten universitären Positionen für die nachrückende, um 1929 geborene Generation frei wurden. Diese Generation brachte aufgrund ihrer Erfahrungen in einem sich zunehmend von bildungsbürgerlichen Idealen distanzierenden Nachkriegsdeutschland neue Fragen und Forschungsstrategien in den akademischen Diskurs ein. Gefordert wurden eine Neubestimmung des literaturwissenschaftlichen Gegenstandes, die Einbeziehung soziologischer, linguistischer und psychologischer Fragestellungen sowie eine Beschäftigung mit zeitgenössischer Literatur und neuen Medienangeboten.

Diesen Anforderungen genügte die deutsche Literaturwissenschaft bis 1965 kaum. [...]

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