Der Krieg und die Bildung

Kriegszeit. Künstlerflugblätter. Berlin. Jg. 1, Nr. 17, (16. Dezember 1914), [S. 68]

Von Alfred Gold

Ein grauenhafter Krater ist aufgebrochen, speit seine Raubtierglut in die Täler, vernichtet ahnungsloses Blühen und Leben, ehe er sich selbst zerstört. Was ist der Mensch? Was bleibt ihm zu tun, was nur zu denken? Wir sehen ihn die Glut eindämmen, es versuchen, es wollen, aber wir sehen auch den andern, den verfeinerten Typ, der sich bei diesem Erlebnis des älteren Plinius erinnert und eine rhetorische Anspielung zum Besten gibt auf verschollene Worte, die man heute wieder zu Worten machen kann.

Warum wissen wir so vieles, was über die Gegenwart eines großen Krieges gesagt worden ist? O, der Belesene treibt Kriegskunst aus Zitaten, Kriegskunstkritik aus Vergleichen. Er tue es ruhig, so lange er nichts als Papierblumen drehen will, die man in eine Unterhaltung vom Tage einsticht. Im passenden Augenblick ist es von gutem Eindruck, wenn der hl. Augustinus etwas über den Tod in Waffen gesagt hat oder der elegante Essayist Emerson über napoleonische Kriegsführung. Warum aber nicht auch vergessen können, wenn über unseren Brüdern das Dach brennt und alles, was dabei leidet und alles, was seine Hilfe dazu anbietet, zu allem andern eher herausfordert als zur Bildung!

Wehe dem Gebildeten, der nicht auch vergessen kann!

Wir haben ja noch manches, haben noch vieles sogar, was uns bis zum letzten Atem, den wir verhauchen, treu bleibt. Unsere Gedanken, unsere Geistigkeit, unsere Kunst. Thomas Mann hat kürzlich mit richtigem Stolz darauf hingewiesen, daß unsere lieben Soldaten ihre Dichter im Tornister haben, selbst gegen die letzte Realität noch eine letzte geistige Waffe. Es sind nicht nur die Bücher, es sind auch die Klänge, die man mit sich trägt, bei dem einen Musik, bei dem andern ein paar gute Meister, deren Bilder er im Herzen weiß. Man bekommt auch Bücher und Bilder ins Feld nachgeschickt, illustrierte Blätter, vielleicht unsere Lithographien – Kunst im Schützengraben. Aber der Gebildete, der zu Hause geblieben ist, kritisiert diese Kunst. Er stellt sich zwischen den Krieg und die Kunst. Er stellt sich zwischen den Künstler und das Volk. Der Künstler ist der naive Unbeteiligte in diesem Handel. In der ungeheuren Spannung eines Zeitschicksals schwingt er mit. Seine Zeichnung färbt sich nicht eigentlich anders als zu andern Zeiten. Sie „will“ ja eigentlich auch nichts, sie reagiert nur. Sie bekommt immerhin einen Hauch von neuer Röte, eine Spur neuer Beweglichkeit. Aber der Aesthet besieht sich den Fall und erinnert sich – eines Zitats. Das Zitat mag so oder so heißen, ein Zitat bleibt es immer. Selbst der große Daumier, den es für den Gebildeten eigens dazu gegeben zu haben scheint, daß er ihn jetzt aus dem Grabe beschwöre, wird bei dieser Gelegenheit zu einem sehr gelegenen Zitat.

Nun denn, wer sich für die Kunst auch im Kriege interessiert, hat die Wahl. Er kann die Ursprünglichkeit, die neuen Versuche, die Reaktion des Künstlers von heute bekommen und er kann die Bildung, das Zitat, das Klischee haben. Der große Daumier wird Konvention, wird zum Bildungsmerkmal, sozusagen. Von Daumier selbst aber ist das schöne Wort überliefert: „Il faut être de son temps!“ Das heißt: Wenn Ihr wieder einmal Krieg führt, dann, Künstler, laßt Euch nichts von den falschen Propheten vormachen, die Euch noch unter den Waffen mit dem großen Vorbild einschüchtern.

Kommentar von Michel Stark

Als Verfasser dieses Artikels ist im Erstdruck AG (für Alfred Gold) angegeben.

Als häufig zum Thema ‚Krieg‘ zitierte Autoren werden erwähnt: der römische Gelehrte und Offizier Gaius Plinius Secundus, gen. Plinius der Ältere (23 – 79), der ein 20bändiges Werk über die Germanienkriege (Bellorum Germaniae libri) verfasste; der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354 – 430) als einer der Theoretiker des sog. ‚gerechten Krieges‘, und der amerikanische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882); siehe dessen Schrift Über den Krieg. Deutsch von Sophie von Harbou. Berlin: Verlag Friedens-Warte 1914; ferner ist von Thomas Manns (1875 – 1955) Kriegspropaganda-Artikel Gute Feldpost (In: Zeit-Echo. Ein Kriegstagebuch der Künstler. München. Jg. 1, Nr. 2, [November] 1914, S. 14-15) die Rede, in dem sich dieser des Erhalts von Briefen aus dem Schlachtfeld rühmt, die seine Novelle Der Tod in Venedig (Berlin: S. Fischer Verlag 1913) als stimulierende Front-Lektüre würdigen; zitiert wird zuletzt der französische Maler und Graphiker Honoré Daumier (1808 – 1879), der wegen seiner antipreußischen  Karikaturen und seiner Darstellungen zum Kriegselend im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 als Mahner und Warner galt. Sein berühmter, für den Realismus in der Bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts maßgeblicher Wahlspruch, betonte Zeitgenossenschaft als künstlerischen Imperativ.





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