Notizbuch eines Neutralen. II.

Kriegszeit. Künstlerflugblätter. Berlin. Jg. 2, Nr. 38, 5. Mai 1915, [S. 152]

Von N. N.

Es stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, daß in dem großen und emsigen Deutschland manche Berufe sich noch zu wenig um die Möglichkeiten kümmern, die ihnen der Krieg bietet. Zum Beispiel fehlt es immer noch an Zeitschriften, die sich mit der Tatsache auseinandersetzen, daß es augenblicklich Krieg gibt.

Solche Zeitschriften, sollte man meinen, würden wohl Aussichten auf Erfolg eröffnen. Tatkräftigen Unternehmern müßte man, zunächst unter dem Siegel der Verschwiegenheit, die originelle Idee einflüstern, daß ein Krieg auch kriegerische Unterhaltungsblätter verlangt, zumal einige Versuche auf diesem Gebiet ermunternd wirken konnten. Freilich müßte man die Sache etwas feiner anpacken, als sie bisher angepackt worden ist. Der plebejischen Kurzangebundenheit gewisser Zeichner-Flugblätter muß man nicht nachstreben. Erlesenere Elemente, Ausstattungs-Ästheten und Kunst-Buntdruck-Feintechniker, müßten um ihre Mitwirkung gebeten werden, und Kunstgewerbe-Fachleute, die Redakteure werden wollen, haben hier neue Gebiete vor sich, schön und vielversprechend wie ein Preiswettbewerb zur Erlangung eines schön gedeckten Teetisches.

Der Redakteur muß zum Dekorateur werden, das ist es, und der Dekorateur muß sich endlich dieses Krieges annehmen, wenn der Krieg nicht ohne eine Spur der Bereicherung für unseren Einrichtungsgeschmack vorübergehen soll. Der Dekorateur-Redakteur gebe uns doch endlich das Blatt, das uns über diese wichtigste Seite der Ereignisse beruhigt. Er lasse uns nicht länger im Ungewissen darüber, wie man die ein wenig kritische Angelegenheit der blutigen Köpfe und der zum Erbrechen reizenden Bomben (geschmacklich ist das noch gar nicht richtig gelöst!) als dekorativer Ästhet anzusehen hat. Der Krieg muß Stil bekommen. Was nützen mir alle Siegestelegramme, abgesehen von ihrem Inhalt, der aber in diesem Zusammenhange gar nicht so wesentlich ist, wenn ich innerhalb des Dekors meiner Inneneinrichtung nichts mit ihnen anzufangen weiß! Der Dekorateur fehlt mir, der mir daraus einen eleganten Gegenstand für mein Empfangszimmer macht.

Ich habe einen Einfall … Acht große quadratische Seiten, rauhes Hadernpapier … Scharf geschnittene elegante Frakturtype … Der Titel (aber, bitte, keine Schlußfolgerungen!) „Roland“ … Druck- und buchtechnisch natürlich das Beste, Korrekteste … Das „Feinste“ auf jeden Fall … Breiter Papierrand und liebenswürdig komponierter Bildschmuck … Neuester modischer Kleiderschick im Bunde mit Feldgrau … Ein paar zartfarbige bunte Blätter (o, zarte Buntheit eines modernen Schlachtfeldes!) und veilchenblaue Titelschmuckstücke … So denke ich mir diese Gründung, und wenn ich nun einen Urlauber sehe, mit verwildertem Bart, mit Tornister, mit Schützengrabenerlebnissen, bin ich immer in Versuchung, ihm die neueste Nummer einer solchen Zeitschrift zu überreichen, damit er sie in seinem Quartier im Felde auf einem mit blumigem Kreton bedeckten Tisch (das Muster muß aber natürlich dazu stimmen!) auslege … Soviel über Zeitschriften im Kriege.

Kommentar von Michael Stark

Die insgesamt vier Beiträge dieses Titels, die nicht namentlich gezeichnet wurden (außer dem nachstehend abgedruckten Teil IV vgl.: Notizbuch eines Neutralen I. In: Kriegszeit. Jg. 2, Nr. 29, 3. März 1915, S. [118] sowie Notizbuch eines Neutralen. III., Nr. 46, 1. Juli 1915, S. [183]), sind vermutlich der Redaktion zuzuschreiben, über deren Linie anscheinend keine einhellige Auffassung mehr bestand.  Im zweiten Beitrag äußert sich der Verfasser erstmals ironisch-kritisch über das mediale Thema ‚Kriegszeitschriften‘, und es zeichnen sich Zweifel am Format ab, die zur Konzeption der pazifistisch-expressionistischen Folgezeitschrift Der Bildermann führten.





LESERBRIEF SCHREIBEN
DIESEN BEITRAG WEITEREMPFEHLEN
DRUCKVERSION
NEWSLETTER BESTELLEN