Ueber den deutschen Soldaten

Kriegszeit. Künstlerflugblätter. Berlin. Jg. 2, Nr. 39, 12. Mai 1915, [S. 157-158]

Von Alfred Gold

Was den deutschen Soldaten unbesiegbar macht? Unbesiegbar im Kern? Unauflöslich als durchdringende Masse im großen Auf- und Niederwallen im Überschäumen des Sich-Vernichten-Wollens?

Den deutschen Soldaten peitscht nicht Heldenehrgeiz, nicht Ruhmsucht, nicht der Wein, nicht der Branntwein im Blut, nicht der Sport- und Rekordwahn, nicht der Volks-Größenwahn, nicht einmal ein besonderer Glaube an sich, nicht die Perversität einer hochgezüchteten Gladiatorendressur, nicht der Fatalismus. Der deutsche Soldat ist unbesiegbar, weil er unbesiegbar fest im Leben steht. Weil seine Nerven wie kraftstrotzende Fühler an der Wirklichkeit haften und an dem, was der Wirklichkeit gemäß, was gesund, was positiv ist, was aufbauend ist.

Der deutsche Soldat behauptet sich, weil er nicht zu klügeln braucht, um etwas Kluges zu tun, weil ihm die Klugheit im Blute liegt, weil er gesund und frisch genug ist, eine gefährliche Situation nicht nur halb, sondern ganz durchzudenken und weil er alles das tut, was, zusammengefaßt, das Richtigste ist. Das Richtigste kann immer noch sehr, sehr viel Opfer kosten, aber es kann uns nie zurückbringen, psychologisch nicht, also auch nicht strategisch. Ein Beispiel: Der deutsche Soldat wird bei der Abwehr des Feindes nicht dort abbrechen, wo er seiner Sache sicher zu sein glaubt, sondern, wo er nach allen technischen Voraussetzungen (und wieviel kluge Berechnungen braucht das in der Sekunde!) die größtmögliche Sicherheit statuiert hat. Das tut jeder deutsche Soldat, einfach weil er deutsch ist. Und das tut nur er.

Der deutsche Soldat stellt die Sache über das System. Das System, das ihm alle Windbeutel so gern vorwerfen, existiert für ihn gar nicht; er braucht es nicht; er ersetzt es durch Anlage. Aus seiner Anlage kommt seine Sachlichkeit. Aus seinem Blute kommen alle seine positiven Eigenschaften, sein Witz, seine Raschheit, seine Ruhe, seine Dauer. Auch die Vernichtung, das fühlt er, kann kluge Notwendigkeit sein und das In-den-Tod-gehen höchste Lebensbejahung. Der deutsche Soldat, den man jetzt so gern mit Erziehungs- und Kulturerrungenschaften in Verbindung bringen möchte, steht bei alledem zu diesen Dingen wie ein lächelndes Kind, freilich wie ein kluges und unbefangenes Kind, dessen innere Welt klar genug ist, ihm auch mal eine Kritik zu erlauben. Im ganzen ist der deutsche Soldat, mit seinem Humor, seinen Liedern, seinem Instinkt für kleine Lebensverschönerungen, nicht sentimental, sondern naiv, und auch darum ist er unbesiegbar.

Kommentar von Michael Stark

Die im Erstdruck mit  G (für Alfred Gold) gezeichnete Beschwörung einer auf psychischer Gesundheit beruhenden, naiv-vitalen und zweckrational-kaltblütigen Überlegenheit der deutschen Truppen steht bereits im Kontext der veränderten offiziellen psychologischen Kriegsführung, die auf die Erschöpfung und Traumatisierung durch den Grabenkrieg zu reagieren versuchte. Dass der Krieg reine ‚Nervensache‘ sei, war fortan Durchhalte-Parole und Ansatzpunkt medizinischer Prävention und militärpsychiatrischer Maßnahmen zugleich. Dementsprechend konnten kriegskritische und pazifistische Positionen nicht bloß als der politische Ausdruck eines ‚wehrkraftzersetzenden‘ Defaitismus betrachtet, sondern als krankhafte Devianz diagnostiziert werden. An diese Diagnostik schloss die denunziative Kampagne der Nazis gegen angeblich ‚entartete‘ Kunst und Künstler an.





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