Notizbuch eines Neutralen. [IV]

Kriegszeit. Künstlerflugblätter. Berlin. Jg. 2, Nr. 52, 31. August 1915, [S. 206]

Von N. N.

Gegen wen führt Ihr diesen Krieg, Deutsche? Und womit führt Ihr ihn? Mit was für Waffen? – abgerechnet die Gesundheit Eurer Fäuste!

Ich beschwöre Euch, führt ihn nicht mit zu viel literarischer Kritik! Kämpft nicht gegen Nuancen, wenn etwas Ganzes auf dem Spiele steht, und zerlegt nicht Euer eigenes großes Weltbild in alle Farben des Regenbogens, solange es sich allein um schwarz oder weiß handelt! Ich beschwöre Euch, gebt dem Kriege, was des Krieges ist.

Wollt Ihr Eure Reichtümer schon messen, ehe die Mahd reif ist? Wollt Ihr den Unwürdigen schon vom Tische stoßen, ehe Ihr die Tische gedeckt seht? Draußen ist der Kampf. Draußen sind die Tuenden, ohne die Ihr nicht, und auch nicht mit den gehämmertsten Worten, Euer neues Deutschland bestellen werdet.

Macht ein Ende dem falschen Machtstreit im Geiste. Setzet die großen Umrisse fest – nur die großen Umrisse, die uns mit unserem Volk verknüpfen, mögen für die Gegenwart schon etwas bedeuten. Nur das, was im Augenblick das Notwendigste ist, kann für den Augenblick selbst das Erkennbare sein.

Ihr sprecht von vielen schönen Dingen, von Gesittung, von wunschloser Geistigkeit, von Kunst. Verteilt, ich beschwöre Euch, noch nicht die Aussichten der Kunst nach dem Kriege. Prophezeit ihre Erfüllungen noch nicht, da Ihr über Ihre Forderungen noch nicht einig seid. Man weissagt so gern – bis auf Widerruf. Man wirft am Tage des Kriegsausbruchs die Kunst in den Topf aller deutschen Gemeinsamkeitszeugnisse und streitet am Tage darauf wieder über die Abstufungen, die zum Kitsch führen.

Die großen Grundlinien auch in den Künsten! Wisset, daß ihr Deutsche seid und daß Ihr Kraft habt und Feinheit habt und daß was mehr ist von Übel ist. Laßt Euch nicht Hyper-Phantasien vorgaukeln. Der Deutsche wird „Expressionist“ sein nach dem Kriege? Ei freilich, er wird nur noch lallen statt zu sprechen und lieber zappeln als der Natur ihr Recht lassen! Der Deutsche wird … Der Deutsche wird … Er wird, Euch Phantasten zum Trotz, nicht um eines Fingers Breite mehr tun als nach der Stärke seines Talents gute Kunst machen helfen. Da mag denn aller „urdeutsche“ Expressionismus, Kubismus, Hylozoismus so viel Gewinnpunkte kriegen, als ihm zukommen.

Die Grundzüge festhalten. Schwarz und Weiß scheiden. Eine große und gute Feststellung hat, Deutsche, einer Eurer Mutigsten und in diesem Sinne Jüngsten, Wilhelm v. Bode, in seinen Blättern kürzlich gemacht. Er hat, während Ihr andern über Krieg und Kunst klügelt, auf Ja und Nein aufgezeigt, wo die Fäulnis liegt, der es auch in diesem Kriege auszuweichen gilt für den Kunstmenschen. Er hat jene stupide Verderbnismanie, die man von Italien aus in Frankreich und anderswo als Zukunftskunst ausbreiten wollte, mit nur zu guten Gründen der Sensationsgier auch in diesem Kriege, der Blutgier, angeklagt. Seine Worte sollen nicht vergessen werden. Sie sollen ein Zeugnis und eine Warnung für uns bleiben, wenn wir Hyper-Europäer (und Ihr Deutschen auch unter uns) schon auf dem Wege dahin waren, wo jetzt jene Futurismus seine letzten Sensationsschauer sucht.

Er war ein Wort zu guter Zeit, Deutsche. Wir danken Euch dafür. Wir beschwören Euch, es auch in diesem Kriege nicht zu überhören.

Kommentar von Michael Stark

Der erwähnte W[ilhelm] von Bode (1845 – 1929) war Kunsthistoriker und Museumsfachmann. 1904 gründete er das Kaiser-Friedrich-Museum, das heute nach ihm benannt ist, und war dort Generaldirektor. Erwähnt und indirekt zitiert wird Bodes Artikel Der Treubruch Italiens und die Futuristen (In: Wieland. Zeitschrift für Kunst und Dichtung. [Deutsche Wochenschrift] München/Berlin, hg. von Bruno Paul u. Mitwirkung von Dr. Wilhelm von Bode [u.a.]. Jg. 1, H. 20, 13. August 1915, S. 6.) Über den Kriegseintritt Italiens am 23. Mai 1915 aufseiten der ‚Entente‘ wird dort ausgeführt: „Sicher haben mancherlei Gründe dabei mitgewirkt: der alte Haß gegen Österreich, die ganze politische Erziehung oder richtiger Verwahrlosung in Italien, die französische Richtung der dekadenten Intellektuellen, der starke Druck von seiten Englands und Frankreichs, aber in den Krieg getrieben ist das italienische Volk schließlich durch ein kleines Häufchen verrückter Phantasten, die sich Künstler dünken, die die Welt mit ihrer neuen Kunst nicht nur beglücken, sondern umgestalten wollen, durch die Futuristen. Jene Horde junger Musiker, welche vor etwa fünf oder sechs Jahren plötzlich in den Konzertsälen auftauchten und das Publikum mit einem betäubenden Lärm schrillster, unharmonischster Töne überschütteten und seither standhaft weiter in Schrecken versetzten, jene jungen Literaten, welche mit ihren polternden Rohheiten die alten Vorurteile über Poesie zu vernichten hofften, und jene Maler und Bildhauer, welche die Welt überraschten mit Schöpfungen von einer Gemeinheit der Darstellung, einer Unwahrheit und Rohheit der Ausführung, die sich als die „neue Schöne“ gegenüber den „abgestandenen Unwerten“ ausposaunen und als die Kunst der Zukunft verherrlichen. Auch sie wollen das Schöne, aber es ist für sie das Außerordentliche, das Unerhörte, das Gräßliche, Wollust und Perversität. Den Menschen als Bestie bewundern sie, als solchen stellen sie ihn dar und in diesen Zustand wollen sie die Gesellschaft zurückführen. Ihren geistigen Sitz, ihre hohe Schule hatte diese neue Gesellschaft in Paris, wo sie für ihre neue Kunst liebevolles Verständnis fand. Vom Tage der französischen Kriegserklärung an haben die Futuristen die Propaganda für die Teilnahme Italiens am Krieg erst in den Hetzblättern begonnen und schließlich auf die Straße verlegt. Der Häuptling dieser Rotte Korah, der Maler [sic!] Martinetti [sic!], verbündete sich mit dem dekadenten Gabriele d’Annunzio, vulgo Rübchen, der als Zuhälter verführter Divas die nötigen Mittel für sein liederliches Leben nicht mehr auftreiben konnte und daher neue Quellen zur Deckung seiner Schulden suchen musste. […] In allen Kulturländern wuchert dieses Unkraut der Überkultur […]. Wenn irgend etwas diese „neue Kunst“, den Futurismus, der die Empfindungen wie die Ausdrucksmittel wieder auf die Stufe der primitivsten Völker zurückzuschrauben bemüht ist, in seiner ganzen Verwerflichkeit bloßgestellt hat, so ist es die Frivolität, die geile Blutgier, aus der seine Jünger jetzt ihr Heimatsland in das maßlose Elend des Weltkampfes hineingehetzt haben […].“





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